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Kommentar

VW-Chef auf Abruf

Gerhard Stelzer ist Editor-at-Large der Elektronik und Elektronik automotive.
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© Elektronik automotive | G. Stelzer

Auf den Vorstandsvorsitzenden von Volkswagen Herbert Diess kommen harte Zeiten zu. Nur knapp seinem Rauswurf entgangen und um die Verantwortung für die Kernmarke VW entledigt, muss er sich jetzt als Problemlöser bewähren.

Über Volkswagen, dem weltgrößten Automobilkonzern, braut sich ein perfekter Sturm zusammen. Zwar zeichnet sich gerade an der Front des Dieselskandals ein Ende ab, dafür beutelt bereits seit Monaten die Corona-Krise die gesamte Automobilindustrie. Da ist es wenig tröstlich für die Autobauer, dass es viele Branchen getroffen hat und einen selbst keine Schuld trifft. Leider ist bei der Corona-Krise auch seriöserweise kein Ende abzusehen. Wer weiß schon, ob es bei einer ersten Welle bleibt? Von der Corona-Krise kann sich kein Automobilhersteller abkoppeln, auch der Wolfsburger Konzern nicht.
Darüber hinaus weiß derzeit niemand, ob wir es nach überstandener Krise wieder mit denselben Marktbedingungen zu tun haben werden, so dass die Automobilhersteller weiterhin im großen Stil ihre Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor unter die Leute bringen können. Krisen besitzen das Potenzial, ganze Wirtschaftszweige – einem Katalysator gleich – zu transformieren. Erschwerend kommt hinzu, dass eine Krise den Transformationsprozess typischerweise deutlich beschleunigt bis hin zur Disruption. Es bleibt also wenig Zeit zu reagieren, wenn überhaupt.
In diesem Umfeld ist es absolut verhängnisvoll, wenn auch noch hausgemachte Probleme hinzukommen. Beim Hauptumsatzbringer, dem neuen Golf 8, sprechen VW-Händler schon vom »Pannen-Golf« und VW musste einen Auslieferungsstopp erlassen. Ein Grund: Der elektronische Notrufassistent eCall funktioniert wohl nicht ordnungsgemäß. Aber das scheint nicht das einzige Problem zu sein: »Dieser außerordentliche Umfang an Mängeln ist bedauerlich«, erklärte Dirk Weddigen von Knapp, Präsident des deutschen Volkswagen- und Audi-Händlerverbandes gegenüber dem Handelsblatt. Wenig besser läuft es beim elektrischen »Hoffnungsbringer« ID.3, wo es nach Informationen des Manager Magazins »derzeit Verzögerungen gibt, weil es mit der Software hakt«.

Dauerfehde zwischen Arbeitnehmervertretung und Management

Die Stimmung bei Volkswagen scheint derzeit überzukochen und Betriebsratschef Bernd Osterloh machte nach Informationen des NDR in der Hauszeitung »Mitbestimmen« das Management verantwortlich: »Hier wollten überehrgeizige Vorstände zu schnell zu viel Technik in ein Fahrzeug stopfen und sind damit gescheitert«. Man sei »entsetzt, wie nachlässig und schwach der Vorstand weit vor dem Anlauf das ganze Projekt aufgestellt hat«. Ein vernichtenderes Urteil über das eigene Management geht kaum.
Wie blank die Nerven wohl auch bei dem für seine Forschheit bekannten Herbert Diess mittlerweile liegen, zeigte sich in der unglaublichen Anschuldigung, dem VW-Aufsichtsrat fehle es an Integrität und es seien Geheimnisse verraten worden. Diess musste sich daraufhin entschuldigen und die Führung der Kernmarke Volkswagen an den bisherigen Co-Geschäftsführer Ralf Brandstätter abgeben.

Offenbar hatte er noch Glück im Unglück: »VW-Chef Diess ist nur knapp dem Rauswurf entkommen«, berichtete der Spiegel (25/2020). Aber eines ist klar: Er ist nun VW-Chef auf Abruf.


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