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Markt & Technik Interview der Woche

Die schwierige Digitalisierung der Industrie


Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Erste-Hilfe-Tipps, Datenschutz & IT-Ingenieure

Mit dem EU-Projekt Gaia-X können datensichere Shared-Production-Modelle Realität werden. Was raten Sie Firmen auf dem Weg in den Community-Ansatz?

Nicht nur Gaia-X, auch die Hyperscaler bieten Plattformen für neuartige Spontan-Kooperationen. Waren früher rollenspezifische Berechtigungen zwischen Partnern meist hardgecodet, werden in den neuen Ökosystemen agile, digitale Interaktionen möglich. Hier zählt ein neues Mindset, da Firmen oft nicht mehr den klassischen Ausschreibungs- und Verhandlungsprozess durchlaufen. Für kleinere F&E-Anwendungen zeigt der amerikanische Markt bereits, wo es hingehen kann: Bei einem großen amerikanischen Autobauer, mit dem wir arbeiten, wurde auf Basis einer Google-Kollaborationslösung für Ingenieure innerhalb von zwei Wochen eine Auswahl von drei, vier Partnern getroffen, die dann einen PoC provisionierten und nach Ablauf der zwei Wochen in die Pilotierung eintraten. Darauf müssen sich europäische und deutsche Unternehmen einstellen.

Was sollten Fertiger tun, die mit der Digitalisierung nicht so recht vorankommen?

Ganz klar, sich externe Hilfe holen! Das Internet of Things und die Konnektivität von Shopfloor-Daten in einer vertikalen oder horizontalen Integration sind noch jung. Es gibt unterschiedliche Reifegrade, hier kann externe Hilfe die Wertschöpfung einzelner Use Cases deutlich erhöhen und beschleunigen. 

Der zweite Tipp ist, sehr schnell festzulegen, wie die finale Integration der Maschinendaten, MES-Daten sowie Daten aus dem Partnernetzwerk oder über den Produktlebenszyklus aussehen soll – einheitlich über eine Plattform oder zumindest mit so wenig Individualsoftware wie möglich. Da ist der deutsche Weg, alles gleich 100 Prozent festzuzurren, oft hinderlich. 80 Prozent reichen meist für den Anfang aus, wichtig ist die grundsätzliche Entscheidung. 

Als Drittes: Über Proofs of Concept starten. Kein Engineering-100-Prozent-Ansatz, sondern einzelne PoCs, die auf Basis ihres potenziellen Mehrwerts ausgewählt wurden. 

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Und last but not least müssen Firmen möglichst weit in die Zukunft schauen. Bei einem Medizintechnikhersteller sehen wir gerade, dass mit der Einbeziehung der heute noch nicht verfügbaren 6G-Technologie völlig neuartige Use Cases in die Produktentwicklung einfließen. Zur Marktreife des Produktes und der Technologie in circa sieben Jahren sind diese direkt verfügbar und bieten einen großen Wettbewerbsvorteil. Wer noch stark aus der Hardware kommt, würde so nie denken; die Zyklen und Methoden der Produktentwicklung aus der IT und Telekommunikation sind jedoch völlig andere.

Maschinendaten sind IP. Wie können Sie die Vorbehalte vieler Firmen hinsichtlich Datensicherheit, insbesondere bei Hyperscalern, entkräften?

Die Frage ist, wie sicher und wie abgetrennt möchte ein Unternehmen arbeiten und welche Kosten kann es dafür akzeptieren? Datenschutz ist oft ein Totschlagargument, ohne im Gegenzug zu berücksichtigen, welchen Wert ein verlorener Datensatz wirklich hätte. Dieser Dialog muss sachlich geführt werden. Auch ohne Hyperscaler gibt es genügend sehr sichere Möglichkeiten, Massendaten mit guten Security-Konzepten in Deutschland zu speichern, zu verarbeiten und weiterzuleiten. Die technische Realisierung muss mit dem kaufmännischen Urteilsvermögen in Balance gebracht werden. Datenschutz darf kein Hemmschuh sein, die Vernetzung ist unaufhaltsam. Firmen müssen abwägen, wie weit sie hinterherlaufen wollen oder wie mutig sie unter Wahrung der notwendigen Sicherheitsrichtlinien voranschreiten können.
Amerika und Asien könnten uns mit einer schnelleren Digitalisierung den Rang ablaufen.

Wie kann die deutsche Industrie ihre Stellung im digitalen Wettlauf sichern?

Es ist auf keinen Fall zu unterschätzen, welche Qualität bereits in China erreicht wird, da wurde stark aufgeholt. Der Vorteil bei uns bleibt aus meiner Sicht aber nach wie vor die sehr solide Aufbereitung und Vorbereitung aus der Ingenieurskunst heraus in die Integration. Ja, uns fehlt die Kultur des Disruptiven. Obwohl Innovationszyklen, das Hinterfragen von Prozessen und Geschäftsmodellen bereits deutlich kürzer laufen als bisher. Die deutsche Industrie bleibt ohne Frage unter Druck, das Hinterfragen der eigenen Organisation sowie den massiven Veränderungsprozess zu begleiten und damit jahrzehntelang gelernte Verhaltensweisen aufzubrechen, um sie in die Zukunft zu führen.

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Groß denken, klein anfangen, jetzt!

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Dieser Spagat ist an der deutschen Automobilindustrie und deren Versuchen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu wahren, sehr deutlich zu sehen. Ob es die Eigenentwicklung von Betriebssystemen, die eigene Batterieherstellung oder auch die Einstellung von 15.000 neuen Softwareentwicklern ist – da wird schon viel unternommen, aber das Disruptive ist noch nicht in allen Köpfen angekommen. 

Dennoch ist es sehr wichtig, vorsichtig mit unseren Assets umzugehen. Wir haben noch viel zu tun und müssen auf unsere Werte aufpassen, um die Industrie, die wir über sehr lange Zeit aufgebaut haben, noch nutzstiftender und noch wertschätzender nach vorn zu bringen. 

In Zukunft braucht es dazu eher Softwareentwickler als Ingenieure?

Nach dem deutschen Ingenieursgesetz ist der Informatiker auch ein Ingenieur, aber das nur am Rande. Für mich ist es der richtige Weg, dass der Ingenieursnachwuchs im Bachelor zunächst eine breite Ausbildung und viel Methodenwissen bekommt und sich erst im Master spezialisiert. Die Physik verschwindet nicht und die Komplexität des Zusammenspiels in Werkzeugmaschinen oder Automobilen wird um das ergänzt, was IT-technisch möglich ist. Softwareentwickler und klassische Ingenieure müssen zusammenarbeiten. Auch wenn kleinere Aufgaben oder spezielle Testverfahren von Software schneller und günstiger durchgeführt werden, sind Ingenieure weiter sehr wichtig. Der Weg für die Digitalisierung von Industrieunternehmen muss ein hybrider Ansatz aus klassischer Ingenieurskunst und agilen Methoden der Softwareentwicklung sein. 


  1. Die schwierige Digitalisierung der Industrie
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