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So meistern Fertiger die Digitalisierung

Groß denken, klein anfangen, jetzt!

05. August 2021, 11:23 Uhr   |  Ute Häußler

Groß denken, klein anfangen, jetzt!
© McKinsey

»Ob Großkonzern oder Mittelstand, das macht keinen Unterschied. Es kommt darauf an, dass Firmen sich aufraffen.«

Industrie-4.0-Tipps vom Unternehmensberater: McKinsey-Partner und Experte für digitale Produktion Dr.-Ing. Andreas Behrendt erläutert im Markt & Technik-Gespräch, wie Fertiger die Hürden der Digitalisierung erfolgreich überwinden können.

Markt&Technik: Herr Behrendt, woran krankt die zögerliche Digitalisierung deutscher Industrieunternehmen? 

Andreas Behrendt: Die meisten traditionellen Fertiger können die Potenziale, die Digitalisierung ihnen bietet, vorab nicht quantifizieren. Im Lean Management der Vergangenheit ging es um kontinuierliche Verbesserungen; jetzt müssen schwer identifizierbare digitale Vorteile und Nutzen zu Business Cases hochgerechnet werden. Die meisten Firmen rechnen zu konservativ und damit zu klein. Schlicht, weil es an Fantasie mangelt, die Potenziale zu sehen.

Dazu kommt: In Deutschland und Europa trifft die Digitalisierung auf alte Bestandssysteme. Dieses teilweise über hundert Jahre gewachsene Industrieerbe behindert ein schnelles Vorwärtskommen. Es braucht zusätzliche Mittler-Komponenten und Zwischenschritte, um Daten nicht nur zugänglich zu machen, sondern auch analytisch damit zu arbeiten bzw. diese in Echtzeit zu nutzen.

Digitalisierung benötigt oft recht lang bis zum Pay Back. Ein neuer Anwendungsfall muss sich in den meisten Firmen innerhalb eines Jahres rechnen. Amortisiert sich ein Projekt erst in zwei Jahren, ist es tot. Gerade amerikanisch geführte Unternehmen agieren oft rein quartalsgetrieben und riskieren damit, einen Wettbewerbsvorteil zu verlieren. Nur wenige Unternehmen sehen Digitalisierung strategisch nach dem Motto »das kostet, muss aber gemacht werden«. Natürlich ist ein IIoT-Stack mit Software, Integration und Lizenzkosten nicht günstig; auf lange Sicht aber werden genau dadurch Wettbewerbs- und Kostenvorteile erzielt.

Oft wird Digitalisierung daher eher halbherzig begonnen und scheitert: Ein Monitor in der Werkhalle allein hilft nicht. Wenn Sie die Daten nicht in Echtzeit nutzen, bleibt der Effekt aus. Die wenigsten Firmen beherrschen Analysen; ein gut gedachtes Projekt verkommt durch bloßes Herumprobieren schnell zur Feldforschung. Leider trauen sich die meisten Firmen den großen Wurf nicht, viele bleiben im »Pilot Purgatory«, dem Fegefeuer der Pilotprojekte, hängen. 

Was brauchen diese Firmen, um ihre Digitalisierungsprojekte zum Erfolg zu führen?

Das wichtigste sind einfache, preiswerte Software- und Connectivity-Komponenten, um die Bestandssysteme anzubinden und zu vernetzen. Das soll und darf keine langwierige ERP-Einführung mit Mega-Kostenblöcken werden; das können kleine Lösungen, auch von Startups, sein. Damit kann ein essenzielles Verständnis für mögliche Anwendungsfälle aufgebaut werden. Der Lean Manager in der Produktion muss Wissen sammeln, eine neue Vorgehensweise lernen – das bisher geltende Prinzip »Technology forward« funktioniert nicht mehr.

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Lesen Sie, wie der Einstieg in die Digitalisierung klappt: 
4 Tools für die digitale Produktion

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Als dritter Punkt muss sich die Zusammenarbeit mit der IT fundamental verändern. Agiles, schnelles Arbeiten ist essenziell. Die IT-Teams müssen in die Produktion gebracht werden, sie müssen die Abläufe, die Connectivity, die Daten verstehen und vom internen Dienstleister zum Sparringspartner und gleichberechtigten Teammitglied werden. Unternehmen, die diese Agilität hinbekommen, wird der Sprung gelingen. Das heißt: Entrepreneurship an den Tag legen, ausprobieren. 

Digitalisierung Industrie 4.0 IIoT
© Markt & Technik (uh)

Es muss sich also das Mindset der Unternehmen wandeln? 

Ja, die Ingenieurskunst muss sich mit IT und Daten verbinden, also mit Software und Analytics. Es kommen neue Fähigkeiten hinzu, beide müssen sich ergänzen.

Was müssen mittelständische Fertiger für die Digitalisierung anders anpacken als bisher?

Ob Großkonzern oder Mittelstand, das macht keinen Unterschied. Es kommt darauf an, dass Firmen sich aufraffen. Sie müssen sich davon verabschieden, bestehende Systeme kleinteilig zu optimieren, und damit anfangen, ihre Prozesse End-to-End, vom Lieferanten bis zum Kunden, neu zu denken.

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Noch mehr Tipps & Strategien lesen Sie im Interview der Woche:
Wieso ist die Digitalisierung der Industrie so schwierig?

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Die Fertigung tickt konservativ, es geht um physische Güter, und die Physik bleibt. Dementsprechend dauern Veränderungsprozesse gerade in der Fertigung länger. Den Produktionsmanager mit einem iPad auszustatten ist noch keine echte Digitalisierung. 
Firmen müssen sich „auf der grünen Wiese“ überlegen, wie eine neue digitale Produktion aussehen kann und was sie dazu brauchen. Etwa eine große Schaltzentrale und zwei Manager zur Steuerung. Die meisten der heutigen Produktionsverantwortlichen haben noch nicht mal Angst um ihren Job, sie tun sich aber schwer, aus alten Systemen auszubrechen und die Perspektive zu wechseln.

Welche Tipps haben Sie für Fertiger, die ihre Produktion digital neu aufstellen wollen?

In erster Linie muss der Unternehmer an die Digitalisierung und deren Potenzial glauben. Er soll sich dann ein einzelnes Werk, einen Bereich aussuchen und Digitalisierung dort mit Leuchtturm-Charakter konsequent umsetzen. Das bedeutet zunächst »Green Field« und »End-to-End« neu zu denken und Prozesse komplett umzukrempeln. Eine agile Einsatztruppe muss außerhalb der normalen Strukturen frei arbeiten dürfen. Es muss Begeisterung in der Belegschaft entstehen. 

Es ist leider ein noch verbreiteter Irrglaube, dass allein die Technik es richten wird. Technologien sind immer nur Hilfsmittel. Wirkliche Transformation von Prozessen und Herangehensweisen entsteht durch ein neues Mindset, Incentivierung und dann erst durch die passende Technologie. Extrem wichtig ist ein programmatischer Ansatz. Sich ein konkretes Business-Ziel setzen, z.B. 30 Prozent mehr Umsatz durch digitale Prozesse, und folgerichtig das Personal, Equipment und Budget dafür einsetzen. Um es im Fußball-Deutsch auszudrücken: Damit entwickelt sich der Zug zum Tor.

Wir Deutschen neigen dazu, das Haar in der Suppe zu suchen, das Komplizierte zu sehen und den Weg schließlich lieber doch nicht zu gehen. Mit Blick auf China und deren bereits erreichten Vorsprung müssen wir uns entscheiden: Clever Mover oder (too) Late Follower? Der erste Schritt fällt sehr schwer, doch wir müssen an das Potenzial glauben. Im Vorhinein schon beweisen zu wollen, ob dabei wirklich etwas herauskommt, ist die falsche Denke. Denn Ergebnisse werden sich einstellen, sobald die ersten Schritte gegangen sind. 

Vielen Dank für das Gespräch!

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