Interview mit Admatec

Coverlens – was ist machbar?

20. August 2021, 10:00 Uhr | Markus Haller

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Wie kann der Einkäufer sicherstellen, dass sein Anbieter den Bonding-Prozess beherrscht?

Flagmann: Das ist für den Einkäufer selbst eigentlich nicht möglich. Auch für Display-Distributoren und Systemanbieter, die die Branche ja gut kennen, ist das keine einfache Aufgabe. Man sieht einem Display nicht an, ob z.B. die UV-Aushärtung über die volle Zeitspanne durchgeführt oder ob verkürzt wurde, um den Durchsatz zu erhöhen. Solche Dinge stellen sich erst dann heraus, wenn das gebondete Display eine gewisse Zeit im Feld gelaufen ist. Ein Paar Indizien können aber hilfreich sein. Weil die Lernkurve für den Bonding-Prozess lang ist, sollte man eher auf Unternehmen setzen, die schon länger am Markt sind. Lassen die Unternehmen das Bonding in China durchführen, was heute der übliche Weg ist, kann man darauf achten, ob eine Filiale in China mit eigenen Mitarbeitern existiert, die Audits in der Fertigung des Bonding-Anbieters durchführen. Auch das Datenblatt sollte man zurate ziehen und darauf achten, ob dort Fehlerbilder beschrieben werden. Wenn definiert ist, welche Fehler auftreten dürfen und wie sie aussehen, hat man als Kunde auch eine Chance zur Reklamation, wenn sich Fehlerbilder außerhalb der Spezifikationen belegen lassen. Ist nichts Derartiges beschrieben, gibt es in der Regel auch keine Grundlage für Reklamationsansprüche. Einen gewissen Eindruck kann man sich im persönlichen Termin verschaffen, indem man Fragen zum Bonding-Prozess stellt und sich Muster zeigen lässt.

Lässt sich beim LOCA-Bonding eine gebrochene Coverlens tauschen oder muss das gesamte Display ersetzt werden?

Dr. Ploog: Kurz gesagt: Das gesamte Display muss ersetzt werden. Man kann beim LOCA-Verfahren noch einmal differenzieren zwischen optischem Kleber, der mit UV ausgehärtet wird, und einem Kleber-Gel, das relativ flüssig bleibt. Bei ausgehärtetem optischem Kleber ist ein Tausch der Coverlens praktisch ausgeschlossen. Beim flüssigeren Gel haben wir es probeweise versucht, mit dem Ergebnis, dass der Arbeitsaufwand allein zum Entfernen der Coverlens in keinem Verhältnis zum Nutzen steht. Für eine neue Coverlens muss das Display dann natürlich noch zum Bonding-Anbieter verschickt werden, was noch einmal Aufwand und Kosten bedeutet – ein Kunde wird sich eigentlich immer für einen Austausch des Displays entscheiden. Damit es am besten erst gar nicht dazu kommt, kann die Stabilität des Displaysystems z.B. über Kugelfalltests ermittelt werden. Der Hersteller dokumentiert die Testergebnisse, die ggf. von uns zur Qualitätskontrolle noch einmal mit eigenen Tests überprüft werden.

Sie haben schon haptisches Feedback erwähnt – wie groß ist die Nachfrage danach?

Flagmann: Getrieben wird die Nachfrage vom Wunsch nach Produktdifferenzierung. Im Moment erreichen uns die Nachfragen fast ausschließlich für Oberklasse-Produkte aus dem Bereich der weißen Ware oder der Unterhaltungselektronik. Es kann sein, dass sich die Technik in fünf oder zehn Jahren zum Standard entwickelt hat, aber momentan sehen wir das noch nicht.

Ist haptisches Feedback mit jeder Coverlens möglich?

Dr. Ploog: Prinzipiell lässt sich jede Coverlens oder auch jedes System aus Coverlens und Touch ins Schwingen versetzen, aber welcher haptische Eindruck am Finger entsteht, hängt von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel wird für Waschmaschinen üblicherweise eine dünne und bis zu 60 cm breite Coverlens eingesetzt, hinter der sich ein deutlich kleineres 7-Zoll-Display befindet. Für die nötige mechanische Stabilität wird die Coverlens auf einer metallischen Trägerplatte aufgehängt. So eine Trägerplatte schwingt aber nicht mehr so einfach. Soll ein vandalismusfester Geldautomat entwickelt werden, ist die Coverlens in der Regel so dick und steif mit dem Rest des Systems verbunden, dass haptisches Feedback hier weder technisch noch wirtschaftlich umsetzbar ist.

Welche Anpassungen sind über die Coverlens möglich, die den Kundeneindruck unterstützen?

Flagmann: In der Regel erhöht eine Coverlens die optische Wertigkeit eines Gerätes. Sie kann dazu genutzt werden, um das eigene Logo und die Unternehmensfarben außerhalb des Displaybereiches hinter die Coverlens zu drucken. Generell ist die Coverlens in Bezug auf Größe und Form nicht auf den Bereich des Displays beschränkt und kann auch durch Löcher, Membran und Kantenschliff an den Einsatzzweck angepasst werden. Bei den meisten Geräten sind weitere Bedienfelder vorgesehen. Einem modernen Design folgend kann die Coverlens genutzt werden, um außerhalb des Displaybereiches externe kapazitive Tasten zu integrieren. Ebenfalls ist eine situative Hintergrundbeleuchtung der Coverlens, beispielsweise der Tasten, dem Logo oder anderen denkbaren Eyecatchern, möglich.

Eine weitere Modifikation an der Coverlens ist der „One Black“-Effekt. Durch Farbanpassungen der Coverlens im Bereich des Displays ist das Display im ausgeschalteten Zustand nicht mehr zu erkennen und erzeugt eine optisch homogene Oberfläche, die mit dem Schwarz der Coverlens verschmilzt. Erst durch die Inbetriebnahme des Displays wird das anzuzeigende Bild sichtbar.

Was für technische Herausforderungen können in Verbindung mit der Coverlens entstehen?

Dr. Ploog: Wir müssen gewährleisten, dass bei Änderungen an der Coverlens, beispielsweise in Bezug auf Dicke und Material oder auch Bedruckung, der Touch noch so funktioniert wie gewünscht. Bei kapazitiven Touches werden elektrische Felder erzeugt und die Position des Elektronenabfluss vom Touch Controller gemessen, ausgewertet und als x- und y-Koordinaten bereitgestellt. Dazu müssen wir jegliche Änderungen der Coverlens mit dem Touch Controller abstimmen. Dies gilt im Übrigen auch bei einer vorgesehenen Nutzung mit Handschuhen sowie anderen Einflussfaktoren wie ESD- und EMV-Schutz, da durch eine unterschiedliche elektrische Leitfähigkeit die Touch-Nutzung bzw. dessen Auswertung beeinflusst werden kann. Bei einer bedeutend größeren Coverlens im Verhältnis zum Display muss von der mechanischen Seite beachtet werden, dass aus Stabilitätsgründen mit der Größe auch die Dicke angepasst wird. Dementsprechend verändert sich damit das Gewicht. Sofern das Modul eingeklebt wird, wirkt sich ein größeres Gewicht wiederum auf die benötigte Klebefläche aus.

Je nach Belastungsfall beim späteren Einsatz im Feld muss bereits in einer frühen Entwicklungsphase die Einbausituation betrachtet werden. Es macht beispielsweise einen Unterschied bei der erforderlichen Klebekraft, ob die Coverlens über Kopf hängt oder eingelegt wird. Ebenso sind gegebenenfalls Umwelteinflüsse zu berücksichtigen, wie sich über die Zeit verändernde Temperaturen. Wenn ein haptisches Feedback über Vibrationen gewünscht wird, kann die Machbarkeit erst bestimmt werden, sofern klar ist, wie starr oder schwingbar die Coverlens im Gerät verankert ist. Je nach Starrheit wird ein stärkerer Impuls benötigt, damit das haptische Feedback erzeugt werden kann. All diese Herausforderungen sind technisch lösbar. Man muss sie lediglich bewusst einplanen, um einen reibungslosen Projektablauf gewährleisten zu können.

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