Everdrone E3 statt Rettungswagen

Autonome Drone bringt Notfallausrüstung in unter drei Minuten

20. März 2026, 13:52 Uhr | Elektronik Medical (uh)
Die Everdrone-Drone ist bereits in Schweden und Frankreich als First Responder im regulären Notfalldienst. Das autonome Fluggeräte ist dreimal schneller als ein Rettungswagen und kann bis zu 2,4 Kilo Material transportieren.
© Everdrone

Herzstillstand, Opioidüberdosis, anaphylaktischer Schock – in diesen Situationen zählt jede Sekunde. Das schwedische Unternehmen Everdrone hat eine neue autonome Transportdrohne entwickelt, die medizinische Erstversorgungsausrüstung schneller an den Einsatzort bringen soll als jeder Rettungswagen.

Diesen Artikel anhören

Zehn Minuten. So lange dauert es in Schweden im Durchschnitt, bis ein Rettungswagen nach einem Notruf eintrifft. Bei einem Herzstillstand sinken die Überlebenschancen pro Minute ohne Wiederbelebungsmaßnahmen um rund zehn Prozent. Genau hier setzt Everdrone an: Die neue Drohne E3 soll denselben Einsatzort als »First Responder« in unter drei Minuten erreichen – autonom, ohne Stau, ohne Umweg.

Was die Drone transportieren kann

Gegenüber dem Vorgängermodell E2, das ausschließlich einen Defibrillator (AED) mit 2 kg Nutzlast tragen konnte, ist der E3 deutlich vielseitiger aufgestellt. Die neue Nutzlastkapazität von 4,5 kg und ein modular gestaltetes Transportmodul erlauben den Einsatz bei verschiedenen Notfallszenarien wie dem Herzstillstand mit einem automatischen externen Defibrillator (AED), der Anaphylaxie mit einem Adrenalin-Autoinjektor, der Opioidüberdosierung mit Naloxon als Antidot und auch der Traumaversorgung mit Verbandsmaterial und Tourniquets zur Blutstillung.

Das Dronen-Modul lässt sich je nach benötigtem Notfallmaterial bestücken – eine Flexibilität, die bislang technisch nicht realisierbar war.

Eigenentwicklung aus der Not

Der E2 war noch eine Entwicklungsplattform, zusammengesetzt aus handelsüblichen Komponenten. Für den E3 hat Everdrone einen anderen Weg gewählt: Die Drohne wurde vollständig im eigenen Haus entwickelt – aus einem schlichten Grund, wie CEO Mats Sällström erklärt: »Es gab keine kommerziell verfügbaren Drohnen, die den Anforderungen der Notfallmedizin gerecht werden. Also haben wir unsere eigene gebaut.«

Technisch setzt der E3 auf eine Kombination aus OEM-Zulieferteilen – unter anderem von Ligpower und Aston Harald Composite – und proprietären Eigenentwicklungen. Das Ergebnis: vier Rotorpaare, acht Rotorblätter, Abmessungen von 90 × 75 × 55 Zentimeter (ohne Propeller) und ein Gesamtgewicht von 24 Kilogramm. Eine hauseigene Dämpfungstechnologie sorgt für vibrationsfreies Fliegen bei einer Geschwindigkeit von über 80 Kilometer pro Stunde. Die Akkukapazität ist nach Unternehmensangaben auf eine solide Reichweitenreserve für unterschiedliche Einsatztypen ausgelegt; der Batteriezulieferer wird laufend evaluiert. Der E3 fliegt autonom und wird von einem Drohnenoperator am Boden überwacht.

Schon im Einsatz, jetzt skalierbar

Everdrone ist kein Konzept mehr. Seit 2020 fliegt das Unternehmen operativ im schwedischen Rettungswesen. In der Region Västra Götaland ist der Drohnenservice als weltweit erster seiner Art in die Rettungskette bei Herzstillstand integriert. Die Regionen Stockholm und Normandie (Frankreich) haben den Service inzwischen ebenfalls beschafft.

Wissenschaftlich ist die Arbeit von Everdrone in The Lancet und dem New England Journal of Medicine publiziert worden. Das Unternehmen gilt als erstes weltweit, das mit einer autonomen Drohne ein Menschenleben gerettet hat.

Frisches Kapital für die nächste Phase

Parallel zum E3-Launch meldet Everdrone den Abschluss einer Finanzierungsrunde über 36 Millionen Schwedische Kronen (rund 3,3 Millionen Euro), angeführt vom Investor Sciety. Das Kapital soll die Validierung der Systemintegration vorantreiben und die Technologieplattform für weitere Serviceangebote ausbauen.

»Everdrone adressiert einen klar dokumentierten Bedarf in der Notfallversorgung«, begründet Andreas Lindblom, Managing Partner bei Sciety, das Engagement. Für CEO Sällström ist die Runde der Startschuss für die internationale Expansion: »Wir wollen unsere Services in weitere europäische Märkte ausdehnen.« (uh)

Anbieter zum Thema

zu Matchmaker+

Lesen Sie mehr zum Thema


Das könnte Sie auch interessieren

Advantech mit dem AIMB-234 u.a. , Intels Core Ultra Series 3 mit integrierter NPU und bis zu 180 Platform-TOPS Edge-KI in kompakte bildgebende Medizingeräte bringt – und wie ein einziges USB-C-Kabel klinische Displays mit Bild, Touch, Audio und Strom

Medizinelektronik auf der Embedded World

Teil 2 | Advantech - Kompakte Medical-KI und ein Kabel für alles

TI positioniert sich bewusst nicht als reiner Bauteil-Lieferant, sondern als Systempartner.

Medizinelektronik auf der Embedded World

Teil 1 | Texas Instruments – Wearables für Herz und Blutzucker

Das KI-Tool Heidi hört mit und dokumentiert Arztgespräche teilweise automatisiert - mit anschließender Freigabe des Arztes. Eine sauerländische Landarztpraxis nutzt so zwei Stunden pro Tag wieder mehr für Patienten.

»Heidi« - ein Lesetipp für Entwickler

So läuft KI-gestützte Dokumentation in einer deutschen Arztpraxis

Spectaris Medizntechnik Branchenzahlen Markt 2023

Version 2.0 mit Handlungsempfehlungen

Spectaris legt neues Playbook für MedTech-KI vor

Die MDR hat künftig Vorrang vor dem AI Act, so sieht es das EU-Parlament.

EU setzt Zeichen für Medtech-Branche

Doppelregulierung ade: MDR schlägt KI-Verordnung

Felix Winter ist neuer Geschäftsführer des Medical Valley EMN in Erlangen.

Köpfe der Medizintechnik

Felix Winter wird Geschäftsführer des Medical Valley

Eine kontinuierliche Prozesskontrolle und -steuerung durch Echtzeit-Überwachungssysteme unterstützt Effizienz, Zuverlässigkeit und Qualitätssicherung bei der Produktion komplexer medizinischer Geräte.

Vernetzte Medizintechnik-Produktion

Smarte Messtechnik für die Insulinpen-Fertigung

Der Aktivrollstuhl kommt mit einer Akkuladung bis zu 50 km weit und kann Geschwindigkeiten von bis zu 20 km/h erreichen. Rollstuhlfahrer:innen können also durchaus Jogger auf einer Tour begleiten.

Gewichtsverlagerung für Aktivrollstühle

Dank Winkelsensoren: Die neue Art des Rollstuhlfahrens

Mehrere Tausend Mikrolinsen vor dem Bildsensor der Kamera führen zu Aufnahmen, bei denen jede Mikrokamera einen Teil des betrachteten Objekts aus einer etwas anderen Perspektive erfasst.

3D statt Petrischale

Lichtfeldkameras im Kampf gegen Krebs

Statoren spielen in elektrischen Miniatuantrieben für dei Medizintechnik eine wihtige Rolle.

Elektrische Miniaturantriebe

Die stille Revolution im Stator

Zwischen Patientenschutz und EMV: Worauf es bei medizinischen Netzteilen ankommt.

Zwischen Patientenschutz und EMV

Worauf es bei medizinischen Netzteilen ankommt

Die MedtecLIVE ist der europäische Treffpunkt für Hersteller und Zulieferer in der Medizintechnik. Die Messe findet aller zwei Jahre in Stuttgart statt.

Digitalisierung & Künstliche Intelligenz

MedtecLIVE startet 2026 mit Eröffnungs-Keynote

Biotronik Rivacor Sky HF-T + Pamira S DX & Solia CSP S

CRT-D | Dreikammerschrittmacher mit CSP

Biotronik: Erstes Defi-Implantat mit Reizleitungs-Stimulation

Der 2. Health Electronics Summit findet am 22. September in Stuttgart statt und dreht sich um die sichere Entwicklung von Medizingeräten und Healthcare-Systemen.

Safety & Cybersecurity in Digital Health

Health Electronics Summit 2026: Medizingeräte sicher entwickeln

Siemens Healthineers auf dem ECR 2026: Kein anderer Hersteller zeigt KI, die so früh ansetzt – am Sensor, am Detektor, an der Spule – und gleichzeitig mit »Syngo Carbon« eine digitale Plattformschicht darüber zieht, die alle Modalitäten verbindet.

ECR 2026 | Siemens Healthineers

Vom Sensor zum Befund: KI-Architektur als Rückgrat der Radiologie

KI hat die Radiologie vom Detektor bis zur Therapieentscheidung durchdrungen - und wird zum Dreh- und Angelpunkt für datengetriebene, klinische Entscheidungen von der Diagnostik bis zur Therapie.

Technologie auf dem ECR 2026

Wie KI den Alltag in der Radiologie durchdringt

Ute Häußler ist die Leitende Redakteurin der Elektronik Medical.

Kommentar zum ECR 2026

KI-Ethik: Der Arzt zeichnet ab. Aber wer hat den Stift geführt?