Das Freiburger Neurotech-Unternehmen Cortec meldet eine Weltpremiere: Derselbe Patient, dem das vollständig implantierte Brain-Interchange-BCI-System zur Schlaganfallrehabilitation eingesetzt wurde, steuert damit nun auch einen Computer per Gedankenkraft – ohne neuen Eingriff, ohne neue Hardware.
Schon zwei Stunden nach der ersten Einweisung spielte der Teilnehmer Pong – allein mit seinen Gedanken. Das BCI-Geräte gerade inkrementelle Fortschritte verzeichnen, überrascht nicht. Und doch ist das Ergebnis einer NIH-geförderten Machbarkeitsstudie an der University of Washington sehr erstaunlich: Der erste Patient der laufenden klinischen Prüfung hat demonstriert, dass das vollständig implantierte, drahtlose Brain-Interchange-System von Cortec aus Freiburg nicht nur therapeutisch wirkt, sondern auch eine Echtzeit-Computersteuerung per neuronaler Dekodierung ermöglicht – mit exakt derselben Hardware, die neun Monate zuvor zur motorischen Rehabilitation nach Schlaganfall implantiert worden war.
Bisher hatte noch kein vollständig implantiertes, drahtloses BCI-System beim selben Patienten mit identischer Hardware sowohl eine therapeutische Gehirnstimulation als auch eine gedankenbasierte Computersteuerung gezeigt.
Das Brain-Interchange-Implantat basiert auf einem bidirektionalen Closed-Loop-Ansatz: Sogenannte AirRay-Elektroden erfassen als weiche Elektrodenfelder, die flach auf der Gehirnoberfläche aufliegen und nicht ins Hirngewebe eindringen, kortikale Aktivitätsmuster. Während der BCI-Sitzungen stellt sich der Studienteilnehmer die Bewegung seines Arms vor, ohne sie tatsächlich auszuführen. Die entstehenden kortikalen Signale werden drahtlos an einen externen Computer übertragen, dort von Echtzeit-Algorithmen dekodiert und in Steuerbefehle übersetzt.
»Da wir nicht in das Hirngewebe einstechen müssen, kann unsere Technologie sehr langfristig Signalstabilität gewährleisten«, erklärte Dr. Martin Schüttler, CTO und Mitgründer von Cortec. Einen Beleg dafür liefert ein 2025 in Nature Scientific Data veröffentlichter Datensatz, der eine kontinuierliche, stabile Betriebsdauer von über 500 Tagen dokumentiert – für ein vollständig implantiertes BCI-System ein beachtlicher Wert.
Der entscheidende technische Aspekt: Für die BCI-Anwendung war keinerlei Anpassung am implantierten System nötig. Das System, das primär für die therapeutische kortikale Stimulation zur Förderung der Neuroplastizität nach Schlaganfall ausgelegt ist, lieferte ohne jede Änderung an Hardware oder chirurgischer Platzierung stabile neuronale Signale für die Dekodierung von Bewegungsintentionen.
»Dies ist kein neues Produkt, sondern der empirische Beweis für das, was wir seit über einem Jahrzehnt aufbauen«, sagte CEO Dr. Frank Desiere. Die BCI-Demonstration fand statt, nachdem der erste Studienteilnehmer das neunmonatige Rehabilitationsprogramm abgeschlossen hatte (ClinicalTrials.gov, ID NCT06506279). Die Studie wird gemeinsam von Prof. Jeffrey G. Ojemann (University of Washington) und Prof. Steven C. Cramer (UCLA) geleitet.
Anfang April 2026 hatte die FDA dem Brain Interchange-System die Breakthrough Device Designation für die therapeutische motorische Rehabilitation nach Schlaganfall erteilt – als bislang einzigem BCI-System weltweit für diese spezifische Indikation. Zusätzlich wurde Cortec in das Total Product Life Cycle Advisory Program (TAP) der FDA aufgenommen, das eine engere Zusammenarbeit zwischen Hersteller und Behörde über den gesamten Entwicklungszyklus ermöglicht. Beide Maßnahmen beschleunigen zwar nicht automatisch die Zulassung, erleichtern aber den regulatorischen Dialog erheblich.
Wichtig zu betonen: Brain Interchange ist nach wie vor eine Technologie in klinischer Prüfung und für keine Indikation kommerziell zugelassen. Die aktuelle BCI-Demonstration fällt zudem explizit nicht in den Anwendungsbereich der Breakthrough Device Designation, die sich auf die therapeutische kortikale Stimulation bezieht.
Cortec verfolgt mit Brain Interchange eine Plattformstrategie, die weit über die Schlaganfallrehabilitation hinausgeht. Parallel zur laufenden Studie mit UW Medicine wird das System in einer weiteren laufenden Studie mit der Mayo Clinic für das Epilepsiemanagement evaluiert. Geplant sind außerdem eine BCI-Anwendung für schwer gelähmte Patienten mit Kommunikationsbeeinträchtigungen sowie – in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Freiburg – die Behandlung therapieresistenter Depressionen.
Die aktuelle Demonstration liefert dafür eine wichtige Grundlage. »Zum ersten Mal dekodieren wir in Echtzeit die Bewegungsintention eines Schlaganfallpatienten über ein vollständig implantiertes BCI – und die Hirnsignale sind deutlich und konsistent«, sagte Prof. Jeffrey Herron, Associate Professor für Neurochirurgie an der University of Washington School of Medicine. »Diese Technologie könnte künftig Menschen mit verschiedensten neurologischen Erkrankungen zugutekommen.«
Cortec ist nach eigenen Angaben das erste und bislang einzige europäische Unternehmen, das ein vollständig implantierbares, bidirektionales BCI-System in eine FDA-genehmigte klinische Studie in den USA gebracht hat. Das 2010 in Freiburg gegründete Unternehmen finanziert seine Plattformentwicklung unter anderem über ein CDMO-Standbein (Contract Development and Manufacturing Organization), das implantierbare Komponenten für andere Neurotechnologieanbieter fertigt. Zu den Investoren zählen High-Tech Gründerfonds, KfW und LBBW Venture Capital.
Im globalen BCI-Wettbewerb – in dem unter anderem Neuralink mit penetrierenden Mikroelektroden arbeitet – setzt Cortec auf den Vorteil kortikaler Oberflächenelektroden: geringeres Gewebetrauma, langfristige Signalstabilität und die Möglichkeit, bidirektional sowohl zu messen als auch zu stimulieren. Ob sich dieser Ansatz im klinischen Alltag gegenüber invasiveren Methoden durchsetzt, werden die nächsten Studienphasen zeigen. (uh)