Arbeitsmarkt Elektroingenieure

»Sobald sich die Wirtschaft wieder gefestigt hat, dann knallt es«

21. Mai 2026, 10:44 Uhr | Corinne Schindlbeck
Bereits ab 2027 könnten doppelt so viele Elektroingenieurinnen und -ingenieure in den Ruhestand gehen, wie neu von den Hochschulen nachkommen, zeigt eine neue Berechnung des VDE.
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Die schwache Konjunktur dämpft den Stellenmarkt, auch in der E-Technik. Doch im Hintergrund baut sich eine Welle auf: Sinkende Studienanfängerzahlen, hohe Abbruchquoten und eine wachsende Verrentungsdynamik treffen gleichzeitig aufeinander. Kurzfristige Lösungen gibt es nicht.

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Bereits ab 2027 könnten doppelt so viele Elektroingenieurinnen und -ingenieure in den Ruhestand gehen, wie neu von den Hochschulen nachkommen, zeigt eine neue Berechnung des VDE. Sie zeigt: Der Fachkräftemangel in der Elektrotechnik ist damit weniger eine Folge konjunktureller Schwankungen als ein strukturelles Problem.

„Sobald sich die Wirtschaft wieder gefestigt hat, dann knallt es. Exogene Schocks kann natürlich keiner voraussehen, aber die Auftragseingänge der Industrie ziehen wieder an. Der Arbeitsmarkt wird 2027 nachziehen.“ Für Dr. Michael Schanz, Arbeitsmarktexperte und Mitautor der aktuellen VDE-Untersuchung, ist die Entwicklung klar.

Die Analyse des VDE Ausschusses „Studium, Beruf und Gesellschaft“ zeichnet ein düsteres Bild für den deutschen Arbeitsmarkt in der Elektro- und Informationstechnik. Bereits bis zum Ende dieses Jahrzehnts könnten mehr als 30.000 Studienabschlüsse fehlen, um allein die altersbedingten Abgänge auszugleichen. Schon 2027 scheiden nach den Berechnungen 13.100 Menschen altersbedingt aus dem Arbeitsmarkt aus, während lediglich 6.523 Absolventinnen und Absolventen aus der Elektro- und Informationstechnik nachrücken.

Wo der Nachwuchs verloren geht

Der Engpass entsteht nicht erst beim Berufseinstieg, sondern deutlich früher. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich im breiten Angebot akademischer Ausbildungsmöglichkeiten für ein Studium der Elektro- und Informationstechnik. Gleichzeitig schafft es nur etwa die Hälfte der Studienanfänger bis zum Abschluss.

Besonders alarmierend: Die sogenannte Schwundquote hat sich innerhalb von 25 Jahren verdoppelt. Während um die Jahrtausendwende noch rund ein Viertel der Studierenden ihr Studium nicht beendete, liegt dieser Anteil inzwischen bei etwa 50 Prozent. Im Bachelorbereich nähert sich die Quote sogar 60 Prozent.

Damit entsteht ein doppeltes Problem: Der Nachwuchs wird kleiner – und von diesem kleineren Pool geht nochmals ein erheblicher Teil verloren.

Dass Orientierung ein Problem ist, zeigen auch andere Studien. Laut der repräsentativen Untersuchung „Ausbildungsperspektiven 2025“ der Bertelsmann Stiftung fühlt sich nur rund ein Drittel der jungen Menschen ausreichend über Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten informiert. Mehr als die Hälfte gibt an, es gebe zwar viele Informationen, man finde sich darin jedoch kaum zurecht.

Hinzu kommt ein Leistungsproblem. Zwischen den PISA-Studien 2018 und 2022 wurde der bislang stärkste Rückgang in den Mathematikleistungen gemessen. Der VDE sieht darin einen wichtigen Faktor für die hohen Abbruchquoten. Der Übergang von Schul- zu Hochschulmathematik bleibt für viele Studierende eine kritische Hürde.

Prognose: Lücke zwischen Verrentung und Abschlüssen in Elektro- und Informationstechnik
© VDE

Das erste Studienjahr als Sollbruchstelle

Im Vergleich mit anderen technischen Disziplinen wie Bauingenieurwesen oder Informatik fällt die Situation in der Elektrotechnik besonders kritisch aus.

„Die Erwartungen der Studieninteressierten an das Studium und an sich selbst passen oft nicht zur Realität“, sagt Co-Autorin Prof. Dr. Kira Kastell, Vorsitzende des VDE Ausschusses „Studium, Beruf und Gesellschaft“ und Präsidentin der Hochschule Hamm-Lippstadt.

Gerade das erste Studienjahr entwickelt sich zunehmend zur kritischen Phase. Nach Einschätzung der Autoren nutzen manche junge Menschen diese Zeit eher zur Orientierung als für ein konsequentes Fachstudium. Hinzu kommt, dass Elektrotechnik häufig keinen Numerus clausus voraussetzt und damit für Unentschlossene leichter zugänglich ist als andere Studiengänge.

Ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor sind sogenannte Scheinstudierende – also formal eingeschriebene Studierende, die das Studium nicht ernsthaft verfolgen.

Lange Ausbildungszeiten verschärfen das Problem

Selbst wenn Gegenmaßnahmen sofort greifen würden, wäre Entlastung nicht kurzfristig in Sicht. Die durchschnittliche Studiendauer in der Elektro- und Informationstechnik liegt laut Untersuchung heute bei rund sechs Jahren. Für den Bachelor allein werden etwa fünf Jahre veranschlagt, für den Master weitere zwei Jahre. Zwei Drittel der Absolventinnen und Absolventen schließen mit einem Master ab.

Das bedeutet: Selbst wenn heute deutlich mehr junge Menschen für Elektrotechnik gewonnen würden, käme dieser Effekt erst Jahre später am Arbeitsmarkt an.

Wie Unternehmen auf diese Entwicklung reagieren werden – durch internationales Recruiting, eigene Qualifizierungsprogramme oder die Verlagerung von Entwicklungskapazitäten –, bleibt offen.

Internationale werden immer wichtiger

Ein wachsender Teil der Absolventinnen und Absolventen stammt inzwischen laut VDE aus dem Ausland. Ohne diese Gruppe würden die Erstsemesterzahlen nicht stagnieren, sondern weiter sinken.

Für den deutschen Arbeitsmarkt gewinnen internationale Fachkräfte damit zunehmend an Bedeutung – sei es direkt in Deutschland oder in Niederlassungen deutscher Unternehmen im Ausland.

Das allein dürfte den strukturellen Engpass jedoch kaum ausgleichen.

Die Ruhe vor dem Sturm?

Aktuell halten sich viele Arbeitgeber wegen der wirtschaftlichen Unsicherheiten mit Neueinstellungen zurück. Doch diese Phase dürfte nicht von Dauer sein. Denn der technologische Bedarf verschwindet nicht – im Gegenteil: Energiewende, Elektromobilität, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz erhöhen den Bedarf an elektrotechnischer Kompetenz weiter.

Die derzeitige Ruhe am Arbeitsmarkt könnte sich deshalb als trügerisch erweisen. Der VDE empfiehlt Unternehmen, die kommenden Jahre bereits jetzt in ihre Personalplanung einzubeziehen.

Für Studieninteressierte bleibt die Perspektive dagegen eindeutig: Wer Elektrotechnik studiert und durchhält, dürfte auf Jahre hinaus kaum Beschäftigungssorgen haben. Oder zugespitzt formuliert: Die größte Hürde scheint derzeit nicht der Berufseinstieg zu sein – sondern überhaupt bis zum Abschluss zu kommen.


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