Zur Hannover Messe hat der VDI gemeinsam mit dem Institut der deutschen Wirtschaft neue Zahlen vorgelegt. Der Befund: Deutschland kann es sich nicht länger leisten, auf Ingenieurinnen und Informatikerinnen zu verzichten. Es geht um bis zu 7,5 Milliarden Euro an Wertschöpfung.
»Die Zukunftsfähigkeit Deutschlands entscheidet sich nicht an unseren Potenzialen, sondern daran, ob wir sie konsequent heben«, sagt VDI-Direktor Adrian Willig. Der Satz fällt früh in der Online-Pressekonferenz – und setzt die Stoßrichtung: mehr Frauen für die Tech-Branche gewinnen. Denn das ist kein „Nice to have“ mehr. Es ist ein messbarer Verlust, wenn es nicht gelingt.
Die Zahlen sollen die Dringlichkeit unterstreichen: Bis zu 56.100 zusätzliche Ingenieurinnen und Informatikerinnen könnten – und müssten – bis 2035 gewonnen werden. Dahinter steht ein Potenzial von rund sieben Milliarden Euro zusätzlicher Wertschöpfung pro Jahr.
Der Fachkräftemangel bleibt strukturell bestehen, trotz konjunktureller Delle am Arbeitsmarkt. Gleichzeitig wächst der internationale Wettbewerbsdruck. Deutschland kämpft zudem mit sinkenden Studierendenzahlen in der Elektrotechnik, mit demografischem Wandel und Leistungsrückgängen in zentralen Kompetenzen wie Mathematik.
Axel Plünnecke hat die aktuellen Zahlen berechnet. Sie zeigen ein ambivalentes Bild: Die Zahl der Ingenieurinnen ist seit 2012 zwar deutlich gestiegen – von 117.900 auf rund 217.400. Ihr Anteil liegt inzwischen bei 20,6 Prozent. Doch dazu zählen auch Disziplinen wie Architektur, die bei Frauen traditionell stärker nachgefragt sind.
In den industriellen Kernbereichen sieht es anders aus: In der Elektronikbranche liegt der Frauenanteil bei rund 9,5 Prozent, im Maschinenbau bei etwa 9 Prozent – Schlusslichtwerte. Genau dort also, wo die Transformation von Industrie, Energie und Mobilität entschieden wird, bleiben Ingenieurinnen die Ausnahme.
Hinzu kommt ein zweiter, oft übersehener Effekt: Viele Frauen mit ingenieurwissenschaftlichem Abschluss arbeiten nicht in klassischen Ingenieurberufen. Stattdessen wechseln sie in Bildung, Forschung oder andere wissensintensive Bereiche. Knapp 200.000 Ingenieurinnen sind außerhalb ihres eigentlichen Berufsfeldes tätig, zeigen die IW-Zahlen.
Dass Frauen technische Berufe meiden, lässt sich längst nicht mehr mit Leistungsunterschieden erklären. Im Gegenteil: Schülerinnen und Schüler sind in Mathematik und Physik heute nahezu gleich stark. Das Problem liegt woanders – im Bild des Berufs und in den Rahmenbedingungen.
»Ingenieurinnen sind in vielen wichtigen Bereichen aktiv – aber oft nicht dort, wo ihre Kompetenzen den größten Hebel für Innovation entfalten«, sagt Burghilde Wieneke-Toutaoui, Co-Vorsitzende des Netzwerks Frauen im Ingenieurberuf. Entscheidend sei nicht nur, mehr Frauen zu gewinnen, sondern sie auch in diesen Feldern zu halten.
Gerade in der Lebensphase mittlerer Karrieren steigen viele aus klassischen Beschäftigungsverhältnissen aus. »Viele haben irgendwann schlicht keine Lust mehr oder sind es müde, sich zu verbiegen und gegen Strukturen anzukämpfen«, sagt Wieneke-Toutaoui. Nicht selten führt der Weg in die Selbstständigkeit.
Ihre Schilderungen machen deutlich, dass strukturelle Probleme fortbestehen: Noch immer berichten Ingenieurinnen davon, zum Kaffeeholen gebeten zu werden oder dass Kunden nach dem männlichen „Vorgesetzten“ verlangen, statt mit der zuständigen Ingenieurin zu sprechen.
Damit verschiebt sich der Blick: Die seit Jahrzehnten geführte Debatte über „zu wenige Frauen“ greift zu kurz. Sie blendet aus, dass das System selbst Selektionsmechanismen erzeugt.
Die Ursachen beginnen früh. Schon in der Schule unterscheiden sich Mädchen und Jungen weniger in ihren MINT-Kompetenzen als in ihrem Selbstbild und Interesse. Wer über Fachkräfte spricht, muss deshalb auch über Wahrnehmung sprechen. Berufswahl ist nicht nur eine Frage von Fähigkeiten, sondern auch von Erwartungen und Zuschreibungen.
»Netzwerke, Sichtbarkeit und Role Models sind entscheidend«, betont Wieneke-Toutaoui. Das klingt abstrakt, hat aber konkrete Folgen: Wer sich nicht repräsentiert sieht, entscheidet sich häufiger gegen bestimmte Karrierewege – oder verlässt sie später wieder.
Hinzu kommt ein strategischer Hebel, der bislang unterschätzt wird: Junge Frauen interessieren sich überdurchschnittlich stark für gesellschaftlich relevante Themen wie Klimaschutz. Genau hier könnten Ingenieurwissenschaften ansetzen, sagt Willig – denn sie liefern zentrale technologische Lösungen. Allerdings wird dieser Zusammenhang bislang zu selten sichtbar gemacht.
Dass das Bild des Elektroingenieurs für viele junge Frauen wenig greifbar ist, zeigen auch Studien des VDE. Häufig dominieren Vorstellungen von praktischer, handwerklicher Arbeit – etwa das „Herumkriechen in Schaltschränken“ – statt eines modernen, innovationsgetriebenen Berufsbildes.
Im Berufsleben setzen sich die Hürden fort: Teilzeitmodelle mit begrenzten Aufstiegschancen, geringe Präsenz in Führungspositionen und fehlende strukturelle Förderung prägen weiterhin den Alltag.
Die Handlungsempfehlungen der Studie sind entsprechend klar: bessere Vereinbarkeit, flexible Arbeitsmodelle, gezielte Weiterbildung und mehr Frauen in Führungsrollen. »Es reicht nicht, Potenziale zu erkennen – wir müssen sie auch systematisch entwickeln«, sagt Wieneke-Toutaoui.
Für Willig ist die Rechnung eindeutig: »Mehr Ingenieurinnen sind nicht nur ein Gleichstellungsthema, sondern ein 7-Milliarden-Euro-Wachstumsprogramm für Deutschland.«
Die entscheidende Frage lautet damit nicht mehr, ob Deutschland mehr Frauen für technische Berufe gewinnen sollte. Sondern warum es bislang nicht gelingt, vorhandene Potenziale konsequent zu nutzen.
Ein Lichtblick bleibt: Bei jüngeren Frauen steigt das Interesse am Ingenieurstudium stärker als in allen anderen Altersgruppen. Noch ist es ein Trend. Ob daraus ein Strukturwandel wird, entscheidet sich in den kommenden Jahren.