Eine neue Bitkom-Studie zeigt: Deutschland ist gespalten, was die Nutzung von KI betrifft und sieht die technologische Abhängigkeit von den USA mit Unbehagen. Doch der Produktivitätsschub ist da und wird sich weiter steigern. Welche Folgen hat das für die Jobsicherheit in IT- und Ingenieurwesen?
Künstliche Intelligenz ist längst kein Zukunftsthema mehr – von Code bis Küche ist sie ist mitten im Arbeitsalltag um im Privaten angekommen. Aber sie spaltet auch: fast die Hälfte der Befragten einer neuen Bitkom-Studie (48 Prozent) nutzt KI im Job überhaupt noch nicht. Nur jeder zehnte hat – aus verschiedensten Gründen - keine Vorbehalte gegenüber KI. Zwischen Euphorie und Skepsis, Effizienzgewinn und Kontrollverlust, Karrierechance und Job-Angst reihen sich die Befragten ein. Aber nur jeder Fünfte hat konkret Sorge um seinen Job - das ist noch weit entfernt von Apokalypse.
Auch Ingenieure und IT-ler stellen sich die Frage: Wird KI für mich zum Jobkiller – oder zum Karriereturbo? Bitkom-Chef Dr. Ralf Wintergerst leitet mit Giesecke+Devrient selbst ein Unternehmen mit Softwareentwicklern. Er bekräftigt: »Künstliche Intelligenz ist ein Produktivitätshebel!« Ob dieser dazu führt, dass Mitarbeiter mit KI arbeiten oder durch KI ersetzt werden, hänge letztlich davon ab, ob Unternehmen weiterwachsen können oder zurückfallen und den Anschluss verpassen. In letzterem Fall könne KI Arbeitsplätze gefährden, weil mit KI versucht werde, Produktivitätsverluste aufzuholen. »Wer technisch nicht hinterherkommt, wird zurückfallen«, so der Bitkom-Chef. Die Geschwindigkeit sei enorm, beschreibt er am Beispiel der Automobilindustrie und der softwaregesteuerten Simulation von Prozessen: »In China wird ein Auto heute in zwei Jahren entwickelt, deutsche Hersteller brauchen doppelt so lange.«
Künstliche Intelligenz eliminiert Jobs also nicht zwangsläufig. Aber sie verteilt Aufgaben neu und -um, beschleunigt im Sinne des Produktivitätsfortschritts Prozesse und passt Tätigkeiten an diesen Fortschritt an - egal ob in Abteilungen wie der Softwareentwicklung oder im Marketing. KI bei der täglichen Arbeit also aus Unbehagen oder Desinteresse links liegen zu lassen oder gar zu verweigern, zahlt nicht auf die Employability ein.
Die Bitkom-Zahlen zeigen auch: Fast die Hälfte der Erwerbstätigen nutzt KI bereits im Job, viele von ihnen regelmäßig . Gleichzeitig lehnen ebenso viele den Einsatz komplett ab. Diese Polarisierung zieht sich durch alle Branchen – auch durch die Ingenieurwelt.
Dabei zeigen sind die Vorteile klar: KI automatisiert Routineaufgaben, beschleunigt Prozesse und verbessert die Qualität von Ergebnissen. Rund 47 Prozent der Beschäftigten berichten von Zeitersparnis und effizienteren Abläufen, 41 Prozent von schnelleren Problemanalysen . Für Entwickler bedeutet das konkret: weniger Zeit für repetitive Tätigkeiten, mehr Raum für Systemdesign, Innovation und komplexe Problemlösungen.
Jobkiller? Die Angst ist da – aber nicht dominant
Doch der Produktivitätsschub hat auch seinen Preis. Die größten Sorgen liegen nicht primär im Jobverlust (davor hat nur jeder fünfte Befragte Angst), sondern in Kontrollfragen: Wer haftet für KI-Fehler? Was passiert mit sensiblen Daten? Und wie viel menschliche Expertise geht verloren, wenn Algorithmen Entscheidungen vorbereiten oder treffen? Die oft beschworene Massenarbeitslosigkeit durch Automatisierung spiegelt sich in der Wahrnehmung also bislang nur begrenzt wider.
Stattdessen verschiebt sich das Risiko. Nicht ganze Berufe verschwinden – sondern Tätigkeitsprofile verändern sich. Besonders betroffen sind standardisierte, wiederholbare Aufgaben. In der Elektronikentwicklung etwa könnten einfache Layoutarbeiten, Dokumentationen oder Testprotokolle zunehmend automatisiert werden.
Was bleibt – und sogar an Bedeutung gewinnt – sind Fähigkeiten, die KI nicht ersetzen kann: Systemverständnis, interdisziplinäres Denken, kreative Lösungsansätze oder die kritische Bewertung von Ergebnissen. Kurz: Ingenieurarbeit wird weniger operativ, aber anspruchsvoller.
KI als Co-Engineer
Die spannendere Perspektive ist daher nicht die des Ersatzes, sondern der Erweiterung. KI entwickelt sich zum Co-Engineer: als Sparringspartner, Wissensbeschleuniger und Ideenlieferant. Das zeigt sich laut Bitkom-Studie auch im Nutzungsverhalten: 50 Prozent nutzen KI, um komplexe Themen besser zu verstehen, 48 Prozent generieren mit ihr neue Ideen und 46 Prozent verbessern die Qualität ihrer Arbeit.
Gerade für Ingenieurinnen und Ingenieure entsteht damit ein massiver Hebel: Wer KI gezielt einsetzt, kann Entwicklungszyklen verkürzen, schneller Prototypen erstellen und bessere Entscheidungen treffen. KI kann beim Debugging helfen, Code optimieren oder sogar alternative Architekturen vorschlagen. In der Hardwareentwicklung unterstützt sie – Beispiel Automobil - bei Simulationen oder der Analyse großer Datenmengen.
Das eigentliche Problem: Qualifizierungslücke
Der kritische Punkt liegt woanders: bei den Kompetenzen. Nur rund ein Fünftel der Beschäftigten hat bislang eine KI-Fortbildung im Unternehmen genutzt, bei vielen gibt es gar keine Angebote. Dass die Qualifizierung noch hinterherhinkt, darin sieht Wintergerst ein strukturelles Risiko – für Unternehmen wie für Fachkräfte.
Für Ingenieurinnen und Ingenieure lassen sich daraus drei klare Handlungsfelder ableiten:
Erstens: KI-Kompetenz wird zur Schlüsselqualifikation - als Anwender mit tiefem Verständnis für die Möglichkeiten und Grenzen.
Zweitens: Wer sich auf Tätigkeiten beschränkt, die leicht automatisierbar sind, gerät unter Druck. Wer hingegen Systemverantwortung übernimmt, bleibt gefragt.
Und drittens: 72 Prozent der deutschen Bevölkerung sehen aktuell eine zu starke Abhängigkeit von den USA. Für Ingenieure eröffnet das neue Aufgabenfelder – von KI-Hardware bis zu vertrauenswürdigen Anwendungen.
Fazit: Künstliche Intelligenz ist weder klassischer Jobkiller noch reiner Enabler. Sie ist aber definitiv ein Beschleuniger struktureller Veränderungen, die man nicht unterschätzen darf, wenn man gefragt bleiben will. Oder anders ausgedrückt: Wer KI ignoriert, riskiert seine Beschäftigungsfähigkeit. Wer sie versteht und nutzt, gewinnt hinzu. Nicht die KI nimmt den Job weg – sondern jemand, der besser mit ihr arbeitet.