Lohnvorsprung der Industrie halbiert

Industrie verliert Beschäftigte, aber Elektrotechnik bleibt gefragt

22. Juni 2026, 09:50 Uhr | Corinne Schindlbeck
Der Lohnvorteil der Industriebeschäftigten ist deutlich geschrumpft
Der Lohnvorteil der Industrie gegenüber der übrigen Beschäftigten hat sich etwa halbiert
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Die Zahl der Industriebeschäftigten in Deutschland ist 2025 auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren gefallen, zeigt eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Der Rückgang ist vor allem auf fehlende Neueinstellungen zurückzuführen.

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Zuletzt arbeiteten nur noch 6,6 Millionen Menschen im Verarbeitenden Gewerbe. Damit sank der Anteil der Industrie an allen Beschäftigten von 22 Prozent im Jahr 2014 auf nur noch 19 Prozent.

Der Beschäftigungsabbau erfolgt bislang weniger durch Entlassungen als durch ausbleibende Neueinstellungen. Während sich Einstellungen und beendete Arbeitsverhältnisse bis 2019 weitgehend parallel entwickelten, hat sich die Schere seither deutlich geöffnet. Unternehmen ersetzen ausscheidende Mitarbeiter zunehmend nicht mehr und schaffen weniger neue Stellen.

Die Entwicklung des Industriearbeitsmarktes seit 2014

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»Die zurückgehenden Neueinstellungen sind ein Warnsignal für die künftige Beschäftigungsentwicklung«, warnt Luisa Kunze, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann Stiftung.

Die Entwicklung zeigt sich auch am Stellenmarkt. Im Jahr 2025 wurden laut Analyse 161.000 Industrie-Stellenanzeigen weniger veröffentlicht als noch 2019. Der Anteil industrieller Jobangebote am gesamten Stellenmarkt sank dadurch um 3,2 Prozentpunkte. Besonders stark betroffen ist die Zeitarbeit, die traditionell als Frühindikator für die Beschäftigungsentwicklung gilt.

Lohnvorsprung deutlich geschrumpft

Gleichzeitig verliert die Industrie für Arbeitnehmer an Attraktivität. Der bislang deutliche Lohnvorsprung gegenüber anderen Branchen ist in den vergangenen zehn Jahren erheblich geschrumpft. Bei Berufseinsteigern sank er von 20 auf nur noch 10 Prozent. Bei Beschäftigten mit längerer Betriebszugehörigkeit verringerte er sich von mehr als 16 auf knapp 9 Prozent.

Industrie ist jedoch nicht gleich Industrie. Während klassische Fertigungsberufe etwa in der Metallverarbeitung oder Kunststoffproduktion bereits seit 2018 rückläufig sind, steigt die Nachfrage nach Ingenieuren und Fachkräften mit komplexen technischen Qualifikationen weiter – insbesondere in der Elektrotechnik sowie im Maschinen- und Fahrzeugbau. Die Industriebeschäftigung legte hier zwischen 2014 und 2024 um fünf Prozentpunkte zu.

Qualifizierung und Weiterbildung entscheidend

Nach Einschätzung der Bertelsmann Stiftung spiegelt sich darin der strukturelle Wandel der Industrie wider. Digitalisierung, Automatisierung und die Transformation zu klimafreundlicheren Produktionsprozessen verändern die Kompetenzanforderungen in vielen Unternehmen grundlegend. »Die Anforderungen an Industriearbeit wandeln sich«, sagt Arbeitsmarktexperte Gunvald Herdin. Qualifizierung und Weiterbildung würden daher zunehmend zu entscheidenden Faktoren für die Beschäftigungsfähigkeit.

Regional zeigen sich deutliche Unterschiede. Industriestarke Regionen in Süddeutschland, dem Saarland sowie Teilen Ostdeutschlands konnten die Beschäftigungseinbrüche bislang besser abfedern als andere Standorte. Allerdings geraten inzwischen auch diese Regionen unter Druck. Der exportgetriebene Wachstumsmotor verliere an Dynamik, während Automatisierungs- und Rationalisierungseffekte stärker durchschlagen.

Auswirkungen auf den Ingenieurarbeitsmarkt

Die Industrie baut insgesamt Beschäftigung ab und stellt deutlich weniger neue Mitarbeiter ein. Gleichzeitig bleiben hochqualifizierte technische Fachkräfte, insbesondere in der Elektrotechnik, weiterhin gefragt. Die industrielle Transformation verändert damit weniger den Bedarf an Ingenieuren als vielmehr die Anforderungen an ihre Qualifikationen.


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