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Fachkräftemangel-Diskussion

Straubhaar vermisst ökonomischen Sachverstand

09. Mai 2018, 09:03 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

Straubhaar vermisst ökonomischen Sachverstand
© Nupean Pruprong - 123RF

Die gestrige Meldung der Beratungsgesellschaft Korn Ferry, wonach Deutschland die Hochqualifizierten ausgehen und das bis 2030 ein Minus von 500 Mrd. Euro verursachen soll, ruft erwartungsgemäß Kritiker auf den Plan. »Welch Irrtum« kritisiert Ökonom Thomas Straubhaar in der »Welt«.

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© Universität Hamburg

Thomas Straubhaar ist Professor für VWL, insb. Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg.

Die Studie von Korn Ferry, die gestern publiziert worden war, sieht den Mangel an Hochqualifizierten als teure Wachstumsbremse, Deutschland soll bis 2030 Milliarden-Einbußen an Wachstum zu bewältigen und in Europa am stärksten zu leiden haben.  

Nun meldet sich der Ökonom Thomas Straubhaar, Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg, in der Zeitung »Welt« zu Wort: Der Arbeitskräftemangel werde in Wahrheit durch die Digitalisierung kompensiert, in der »Debatte bleibt einfachster ökonomischer Sachverstand auf der Strecke«.

Straubhaar nimmt in seine Kritik auch gleich eine Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit auf, die einen »Alterungs-Tsunami auf Deutschland zurollen« sieht und das Wachstum der letzten Jahre »brutal abwürgen« soll.  »Welch Irrtum!« schreibt Thomas Straubhaar. 

Die Prognose eines Fachkräftemangels als größter Wachstumsgefahr für die deutsche Wirtschaft folge nicht ökonomischer Logik, sondern falschen demografischen Mythen. Das Zusammenspiel von Digitalisierung und Beschäftigung werde bei derartigen Voraussagen »absurd einseitig« simuliert oder auch gleich nahezu komplett ausgeblendet.

»Es ist ja richtig, dass weder die Arbeit ausgehen noch intelligente Maschinen ohne qualifiziertes Personal funktionieren werden. Wer aber weiß heute schon, wie Arbeitsangebot und -nachfrage, Preise und Löhne auf Dynamik und Knappheiten bis 2030 reagieren werden.«, schreibt Straubhaar in der »Welt«.

In Zeiten des raschen Wandels, der Brüche, der zunehmenden Komplexität, in denen schon Kurzfristprognosen zunehmend abenteuerlich würden, sei man geneigt, mit 140 Zeichen »in trumpscher Manier« zu urteilen. Solche Langfristprognosen führten jedoch in die Irre.

Nicht die Demographie, nicht der Fachkräftemangel werde für Deutschland »zur Schicksalsfrage« – sondern die Digitalisierung.

Nicht den »Mangel« zu beheben sei die Aufgabe, sondern kluge Weichenstellungen in der Bildungs- und Gesundheitspolitik, der Steuer- und Sozialpolitik, um die Möglichkeiten der Digitalisierung optimal zu nutzen, um »knapper werdende menschliche Arbeitskraft durch Roboter zu ersetzen, menschliche Intelligenz durch künstliche Intelligenz zu unterstützen und mit einem geschickten Zusammenspiel von Daten und Algorithmen, Automaten und Menschen den Wohlstand der Kindeskinder nachhaltig zu fördern.« Bei der der Klage über einen Fachkräftemangel bleibe einfachster ökonomischer Sachverstand auf der Strecke.

Straubhaars Begründung: »Wenn als Folge eines Alterungsprozesses die Anzahl der Erwerbspersonen zurückgeht und damit ein Mangel an Fachkräften entsteht, müssen schlicht die Löhne steigen. Wenn Löhne steigen, wird es für Arbeitnehmer attraktiver, mehr zu arbeiten – und für die Arbeitgeber wird es attraktiver, Roboter statt Menschen zu beschäftigen. Wie in jedem Lehrbuch nachgelesen werden kann, rücken das steigende Arbeitsangebot und die sinkende Arbeitsnachfrage ganz automatisch alles wieder ins Lot. Das Problem erledigt sich von alleine. Das ist Marktwirtschaft.«

Den Fachkräftemagel bezeichnet Straubhaar als »Phantomangst«. Den Digitalisierung werde die Nachfrage nach Arbeitskräften ohnehin reduzieren, höhere Produktivität fehlende Mitarbeiter ersetzen. Nicht Quantität sei Grundlage des Wirtschaftswachstums, sondern Wertschöpfung pro Zeiteinheit – also Qualität.  

Den ganzen Meinungsartikel von Thomas Straubhaar kann man hier nachlesen.

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