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Studie der Hans-Böckler-Stiftung

Personal 'kann jeder'? HR zu schwach im Topmanagement vertreten

15. März 2021, 10:33 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

Personal 'kann jeder'? HR zu schwach im Topmanagement vertreten
© Hans-Böckler-Stiftung

So ist HR laut Studie des Instituts für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung im Topmanagement verteilt.

Unter den 677 größten deutschen Unternehmen haben über die Hälfte keinen eigenständigen Personalvorstand. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie des Instituts für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung, die zugleich erklärt, warum das zu kurzsichtig ist.

Heute würde sich kein Top-Politiker mehr trauen, das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend als »Familie und das ganze Gedöns« zu bezeichnen, so wie der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder nach der gewonnenen Bundestagswahl 1998. Der Aufschrei in den Sozialen Medien wäre riesig. 

Umso erstaunlicher die Geringschätzung für nur vermeintlich softe Themen, die das gewerkschaftsnahe Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung ausgerechnet in Deutschlands Topmanagement-Etagen festgestellt hat: Von 677 untersuchten Unternehmen verfügten lediglich 320 oder gut 47 Prozent über ein Vorstandsmitglied, das eigenständig und ausschließlich für die Belegschaft zuständig ist. 

Dagegen waren 208 Unternehmen nach eigener Darstellung ganz ohne Personalvorstand. Zwar sei davon auszugehen, dass HR-Themen dort formal über eine „Gesamtverantwortung“ etwa des Vorstandschefs abgedeckt seien. Dennoch sei die `Nicht-Benennung´ ein klares Indiz für ein »sehr operatives Verständnis der Personalarbeit«, so Jan-Paul Giertz, Experte für Personalmanagement und in dieser Funktion einer der Studienautoren. Denn HR spiele dann auf der Ebene, die unternehmensstrategische Entscheidungen trifft, eine untergeordnete und nachgelagerte Rolle. Die mögliche Folge: Prioritätenkonflikte, so schlussfolgern die Studienautoren des Instituts für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung. 

Giertz stellt den Führungsspitzen auf Basis der Studienergebnisse kein gutes Zeugnis aus. Dabei sei die Sachlage sowohl in der Forschung zu »Human Ressources« als auch in Reden vieler Top-Manager doch klar: Qualifizierte und motivierte Beschäftigte gelten als entscheidend für den Unternehmenserfolg und sind ohne strategisches Personalmanagement weder zu haben noch zu halten. Schon gar nicht angesichts des demografischen Wandels (der Fachkräfte knapper werden lässt) und Digitalisierung und Dekarbonisierung (die Geschäftsmodelle und Produktionsprozesse fundamental verändern).

Umso »erstaunlicher« seien die Zahlen, die das I.M.U. für das Jahr 2019 ermittelt hat und dazu Geschäftsberichte, Organigramme und Wirtschaftsdatenbanken auswertete. 

Personalentwicklung kann unter die Räder kommen, wenn es keinen eigenen Vorstand gibt

Bei insgesamt 149 Unternehmen in der Untersuchungsgruppe üben entweder der Vorstandsvorsitzende (CEO, in 63 Unternehmen) oder der Finanzvorstand (CFO, 52) oder ein anderes Vorstandmitglied (34) das Personalressort mit aus. In solchen Konstellationen drohten aber Rollenkonflikte, bei denen HR-Aspekte schnell unter die Räder kommen könnten, warnt Giertz. 

So könnte etwa ein Finanzvorstand, der zugleich den Bereich Personal verantwortet, zwischen Kostenoptimierung und Sozialverträglichkeit in Zielkonflikt geraten.  Zudem seien HR-Themen viel zu wichtig und zu komplex, um „nebenher“ erledigt zu werden, die notwendige fachliche Professionalisierung komme zu kurz, die Annahme „Personal kann jeder“ stehe für ein überkommenes „paternalistisches“ Verständnis von Mitarbeiterführung. 

Als weiteres Problem identifiziert die Studie die besonders niedrige Geschlechterdiversität, wenn CEOs oder CFOs HR mitübernehmen. In Unternehmen mit solchen „Mischressorts“ liegt der Frauenanteil unter den Personalverantwortlichen bei nur gut 5 Prozent – bei Unternehmen mit eigenständigem Personalvorstand hingegen sind es 32 Prozent. 

Angesichts von insgesamt knapp 53 Prozent der Unternehmen ohne eigenständigen Personalvorstand kommt I.M.U.-Forscher Giertz zu dem Schluss: »Human Ressources« werde von Vorstandsgremien der »meisten Unternehmen nicht mit der notwendigen Verantwortlichkeit gemanagt«, obwohl es sich um mitbestimmte Großunternehmen handele. 
 

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