KI-Systeme lernen und kommen auf Lösungen, die Menschen selbst kaum finden. Aber gilt das auch umgekehrt? Das hat eine internationale Studie des Max-Planck-Institut für Bildungsforschung untersucht. Entscheidend ist dabei, dass sie die Strategie erlernen und ihren Vorteil erkennen können.
KI-Systeme können nicht nur bestehende Aufgaben automatisieren, sondern auch Lösungswege entwickeln, die von typischen menschlichen Such- und Entscheidungsmustern abweichen. Ob solche maschinellen Entdeckungen dauerhaft in menschliches Wissen einfließen können, hat ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung untersucht.
Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Menschen eine von einer Maschine gefundene Strategie übernehmen und anschließend auch ohne weitere Beteiligung der KI weitergeben können.
Für die Studie lösten 1.155 Personen eine Aufgabe in eigens entwickelten Belohnungsnetzwerken. Sie sollten möglichst viele Punkte sammeln. Die optimale Strategie war schwer zu erkennen: Die Teilnehmer mussten zunächst kleinere Verluste hinnehmen, bevor sie höhere Gewinne erzielen konnten. Das widerspricht laut MPI der menschlichen Tendenz, kurzfristige Verluste zu vermeiden.
Die Teilnehmer waren in Gruppen aufgeteilt und lernten über mehrere Generationen voneinander. Einige Gruppen bestanden nur aus Menschen. In anderen kamen zu Beginn KI-Agenten hinzu. Diese hatten die Aufgabe zuvor mit einem Lernalgorithmus bearbeitet und dabei die optimale Strategie gefunden.
Alle Teilnehmer konnten sehen, welche Entscheidungen in der vorherigen Generation besonders erfolgreich waren, und sich daran orientieren.
Zwischen den Gruppen zeigte sich ein klarer Unterschied: Ohne KI fand kaum jemand die optimale Strategie. Von 600 Teilnehmern kam lediglich eine Person selbst darauf.
In den Gruppen mit KI wurde die von den Agenten gefundene Strategie dagegen deutlich häufiger übernommen und weitergegeben. In neun von 15 Gruppen blieb sie über mehrere Generationen erhalten.
Dabei musste die KI nicht dauerhaft beteiligt sein. Hatten Menschen die Strategie einmal übernommen, konnten spätere Generationen sie von anderen Menschen lernen.
Entscheidend war, wer zuvor die besten Ergebnisse erzielt hatte. Die Teilnehmer orientierten sich an den erfolgreichsten Vorbildern – unabhängig davon, ob es sich um einen Menschen oder einen KI-Agenten handelte.
Damit sich eine von KI gefundene Strategie verbreiten kann, müssen nach Einschätzung der Max-Planck-Forscher drei Bedingungen erfüllt sein: Menschen sollten sie nur schwer selbst entdecken können, sie aber erlernen können. Außerdem muss ihr Vorteil klar erkennbar sein.
„Die kulturelle Evolution des Menschen beruht darauf, dass Wissen über viele Individuen und Generationen hinweg weitergegeben wird“, sagt Erstautor Levin Brinkmann vom Forschungsbereich Mensch und Maschine des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. „Wenn Maschinen nun neue Strategien entdecken, stellt sich die Frage, ob diese auch Teil des Wissens werden können, das Menschen weitergeben.“
Bisher richtet sich der Blick meist darauf, wie KI von Menschen lernt. So werden große Sprachmodelle mit Texten trainiert, die von Menschen stammen.
Die Studie betrachtet die andere Richtung: Eine KI findet eine Strategie, Menschen übernehmen sie und geben sie untereinander weiter.
„Oft wird diskutiert, ob Menschen durch KI abhängiger werden. Unsere Ergebnisse zeigen eine andere Möglichkeit: Wenn maschinelle Entdeckungen nachvollziehbar sind, können sie Menschen befähigen, neue Fähigkeiten zu entwickeln, diese langfristig zu bewahren und unser kulturelles Repertoire zu erweitern“, sagt Thomas Eisenmann, Co-Autor der Studie und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.