Trendwende oder nur ein Zwischenhoch?

Die Nachfrage nach Elektroingenieuren zieht wieder an

23. Juli 2026, 11:50 Uhr | Corinne Schindlbeck
Die Zahl der offenen Stellen für Elektroingenieure ist wieder angestiegen. Ist das die Trendwende oder nur ein Zwischenhoch?
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Der VDE spricht von einer Trendwende am Arbeitsmarkt. Tatsächlich mehren sich die Hinweise auf eine Erholung. Doch sprechen die aktuellen Daten bereits für einen nachhaltigen Aufschwung? Markt&Technik hat bei Arbeitsmarktforschern, Personalberatern und Recruiting-Experten nachgefragt.

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Die Engpassrelation des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln gibt an, wie viele passend qualifizierte Arbeitslose auf eine offene Stelle kommen. Nachdem der Wert zu Jahresbeginn einen Tiefstand erreicht hatte, stieg er bis zur Jahresmitte um rund ein Drittel. Gleichzeitig nahm die Zahl der offenen Stellen für Elektroingenieurinnen und -ingenieure in der Elektroindustrie deutlich zu. Ist das bereits die Trendwende am Ingenieurarbeitsmarkt? Für Prof. Dr. Axel Plünnecke, Arbeitsmarktexperte beim IW, sprechen die Daten zumindest dafür. »Verglichen mit Januar 2026 sind die Engpässe bei Elektroingenieuren bis Juni 2026 deutlich gestiegen.« Ein Teil der Entwicklung sei zwar saisonal bedingt, erkläre aber nicht den gesamten Anstieg. »Während im Januar 2026 die Zahl der offenen Stellen noch fast 20 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres lag, lag sie im Juni bereits sechs Prozent darüber. Der Abwärtstrend bei offenen Stellen und Engpässen ist gestoppt, und eine Trendumkehr erscheint möglich.«

Die Zahl der offenen Stellen für Elektroingenieure steigt wieder an

Die Zahl der offenen Stellen für Elektroingenieure steigt wieder an.

© Bundesagentur für Arbeit, Destatis, ZVEI

Als Ursachen nennt Plünnecke den steigenden Ersatzbedarf durch den demografischen Wandel, sinkende Absolventenzahlen sowie eine sich stabilisierende Konjunktur. Hinzu kämen die Transformation von Energieversorgung, Elektrifizierung, Robotik sowie Gebäude- und Energietechnik, die den Bedarf an elektrotechnischem Know-how langfristig weiter steigen lasse. Noch optimistischer bewertet der VDE die Lage: »Die lange erwartete Trendumkehr des Arbeitsmarktes ist nun wohl passiert, das Tal scheint durchschritten«, sagt VDE-Arbeitsmarktexperte Dr. Michael Schanz. »Das Studium der Elektro- und Informationstechnik ist und bleibt eine Empfehlung mit guten Perspektiven.«

Fachkräftemangel dürfte sich verschärfen

Gleichzeitig verschärfen sich nach Einschätzung des VDE die strukturellen Probleme. Bereits heute berichten Hochschulen von Schwierigkeiten, Promotionsstellen und wissenschaftliche Mitarbeitende zu besetzen. Hinzu kommen hohe Abbruchquoten: Knapp 60 Prozent der Bachelorstudierenden schließen ihr Studium nicht ab, gleichzeitig dauert ein Bachelorstudium heute im Durchschnitt nahezu so lange wie früher ein Diplomstudium.

»Diese hohen Schwundquoten und die längere Studiendauer verschärfen die Lage aus Sicht der Unternehmen weiter«, sagt Thomas Hegger, Personalberater und stellvertretender Vorsitzender des VDE-Ausschusses Studium, Beruf und Gesellschaft.

Nach VDE-Prognosen werden ab 2027 erstmals mehr als doppelt so viele Elektroingenieurinnen und -ingenieure in den Ruhestand gehen, wie Hochschulen Absolventinnen und Absolventen hervorbringen. Für Schanz sind die langfristigen Perspektiven deshalb eindeutig: »Die Auftragsbücher sind gefüllt. Die Nachholeffekte nach der Überhitzung des Arbeitsmarktes 2022 sind bald abgeschmolzen. Die absolute Talsohle haben wir mit einiger Sicherheit hinter uns gelassen.«

Renate Schuh-Eder, Geschäftsführerin von Schuh-Eder Consulting, erreicht man derzeit erst nach mehreren Anläufen zwischen zwei Telefonaten. »In der Tat haben sich die Anfragen im Vergleich zu Quartal eins und zwei verdreifacht«, sagt sie. Das bedeute allerdings nicht, dass derzeit alle Ingenieurinnen und Ingenieure auf Jobsuche problemlos eine neue Stelle fänden. »Auf der letzten PCIM war das gut zu spüren: Es gibt Bereiche, die sprunghaft wachsen, und andere, die noch immer kämpfen.« Auch die Geschwindigkeit der Transformation – etwa durch KI und Digitalisierung – unterscheide sich je nach Branche erheblich.

Einen weiteren Punkt rückt Schuh-Eder zurecht: Der Erfolg der Unternehmen hänge längst nicht mehr ausschließlich von der Zahl inländischer Hochschulabsolventinnen und -absolventen ab. »Die Unternehmen haben ihre Hausaufgaben gemacht. Viele haben ihre Geschäftssprache auf Englisch umgestellt und rekrutieren gezielt im Ausland – etwa in Osteuropa, wo es viele gut ausgebildete und hoch motivierte Fachkräfte gibt.«

Ist das die Trendwende?

Breit angelegte Arbeitsmarktanalysen zeichnen bislang allerdings noch kein so eindeutiges Bild. Die Indeed-Ökonomin und Arbeitsmarktexpertin Dr. Virginia Sondergeld etwa sieht derzeit noch keine belastbaren Anzeichen für eine nachhaltige Erholung. »Auch auf Indeed haben wir zuletzt wieder mehr Stellenausschreibungen für Elektroingenieurinnen und Elektroingenieure beobachtet. Im Juni ist ihre Zahl gegenüber dem Vormonat um 4,8 Prozent gestiegen. Aus unserer Sicht ist es derzeit allerdings noch zu früh, um von einer echten Trendwende zu sprechen, denn die Zahl der Ausschreibungen auf unserer Plattform liegt weiterhin leicht unter dem Niveau zu Jahresbeginn und die Entwicklung der vergangenen Monate war insgesamt volatil. Erst die kommenden Monate werden zeigen, ob es sich um den Beginn einer nachhaltigen Erholung oder lediglich um einen kurzfristigen Ausschlag handelt.«

Auch der Hays-Fachkräfteindex mahnt noch zur Zurückhaltung. Zwar registriert Hays eine steigende Nachfrage nach Elektroingenieuren und eine höhere Einstellungsdynamik, eine Diagnose einer nachhaltigen Trendwende sei daraus jedoch nicht abzuleiten - zu früh. Hays-Experte Eric Kadar, Abteilungsleiter für Direktvermittlung Bau, Immobilien und Energie: »Wir beobachten aktuell eine spürbar höhere Nachfrage nach Elektroingenieuren und eine zunehmende Einstellungsdynamik in der Elektroindustrie. Von einer echten Trendwende ist es aus unserer Sicht noch etwas zu früh zu sprechen, die Marktentwicklung zeigt jedoch klar in die richtige Richtung.«

Lino Adrian sieht erste Erholungstendenzen, aber noch keine Trendwende. Der Personalberater und Geschäftsführer bei adrian + partners sagt: »Nach einer Phase wirtschaftlicher Unsicherheit hellt sich die Nachfrage nach Elektroingenieurinnen und Elektroingenieuren wieder auf. Die Unternehmen gewinnen schrittweise Planungssicherheit und beginnen, offene Positionen wieder zu besetzen. Im Executive Search sehen wir diesen Effekt typischerweise mit etwas Verzögerung. Aktuell setzen viele Arbeitgeber noch auf eingehende Bewerbungen, bevor sie externe Personalberater beauftragen. Wir erwarten deshalb, dass sich die Trendwende in den kommenden Monaten zunehmend auch in der Nachfrage nach Suchmandaten widerspiegeln wird.«

Die laufende Deindustrialisierung ist noch im Gange

Auch Nicholas Minkner, Geschäftsführer der Personalberatung 8R, äußert sich zurückhaltend: »Der Fachkräftemangel war nie weg. Und ja, seit einigen Monaten registrieren wir steigende Anfragen im Direct Search und Executive Search. Ein Ende der Talsohle kann ich aber noch nicht erkennen.« Zwar gebe es eine Sonderkonjunktur in den Bereichen Defence, Aviation & Space sowie IT und IT-Security. Auch die extreme Zurückhaltung, die den Markt noch 2025 geprägt habe, löse sich allmählich – z.B. in Embedded, Leistungselektronik, Produktion und Automatisierung. Gleichzeitig sei die »extrem schlechte konjunkturelle Lage sowie die laufende Deindustrialisierung noch im Gange«. Besonders deutlich zeige sich das im Automotive-Sektor. Von dort erreiche 8R seit Monaten eine Welle an Bewerbungen, von denen jedoch viele nur bedingt zeitnah vermittelt werden könnten, weil die Qualifikationsprofile nicht zu den Anforderungen anderer Branchen passten. Spezialisierungen auf Großserienfertigung und Produkteffizienz spielten beispielsweise in der Energietechnik oder Medizintechnik eine deutlich geringere Rolle. Automotive sei deshalb derzeit der Problemfall. »Hier erodiert gerade eine ganze Industrie weg«, so Minkner.

Ganz ohne Lichtblicke ist die Lage jedoch nicht. Gefragt seien aktuell bspw. Fachkräfte mit Expertise in Systems Engineering, einem ganzheitlichen Systemverständnis, technischem Projektmanagement sowie einer ausgeprägten crossfunktionalen Ausrichtung. Der potenzielle Zukunftsmarkt Energieversorgung habe sich nach Einschätzung Minkners allerdings noch nicht zum Zugpferd entwickelt. Dafür fehle es derzeit angesichts politischer Fehlentscheidungen beziehungsweise anhaltender Zögerlichkeit noch an ausreichenden Investitionsanreizen.

Automotive weiter unter Druck, neue Märkte entstehen

Während Automotive weiter unter Druck steht, entstehen in anderen Branchen bereits neue Chancen. Vor allem die Energiewirtschaft entwickelt sich zunehmend zu einem attraktiven Arbeitsmarkt für digitale Fachkräfte. Marion Nöldgen hingegen, ehemalige Geschäftsführerin von Tibber Deutschland und inzwischen Beraterin für Energieunternehmen, sieht im Umbau der Energie großes Potenzial: »Lange galt die Energiewirtschaft für viele digitale Fach- und Führungskräfte als wenig attraktiv. Das verändert sich gerade – und zwar schneller, als vielen Unternehmen bewusst ist«. Laut Marion Nöldgen interessieren sich »immer mehr erfahrene Produktmanagerinnen, Tech-Experten oder Daten-Spezialistinnen und Führungskräfte aus Branchen wie Fintech, Automotive oder E-Commerce für Positionen in der Energiewirtschaft«. Die Branche stehe heute dort, »wo Banken vor rund zehn Jahren standen. Mit Smart Metern, dynamischen Tarifen, Flexibilitätsmärkten und KI entstehen völlig neue digitale Geschäftsmodelle. Dafür braucht es dieselben Fähigkeiten, die zuvor die Fintech-Revolution geprägt haben.« Sie ergänzt: »Viele digitale Experten wollen heute dort arbeiten, wo ganze Märkte neu entstehen. Für Stadtwerke und traditionelle Stromanbieter eröffnet sich eine enorme Chance. Sie müssen jetzt aber die richtigen Rollen schaffen, denn digitale Transformation lässt sich nicht mit Organisationsstrukturen von gestern umsetzen.« Ihre These: Stadtwerke konkurrieren künftig nicht mehr nur um Ingenieurinnen oder Energiewirtschaftsexperten. Sie müssen gezielt Rollen für Produktmanagement, Daten, Plattformen, Customer Experience und digitale Geschäftsmodelle aufbauen - und das jetzt, solange diese Talente verfügbar sind.

Kurzum: Ob die aktuelle Belebung tatsächlich mehr ist als ein Zwischenhoch, werden die kommenden Monate zeigen. Vieles spricht dafür, dass die Talsohle durchschritten ist - zur nachhaltigen Trendwende wird sie jedoch nur, wenn Konjunktur und Investitionen dauerhaft anziehen.


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