Nur ein Nischenmodell?

Die Vier-Tage-Woche im Praxistest

23. Juli 2026, 14:34 Uhr | Corinne Schindlbeck
Wie verbreitet ist New Work?
© oatawa/stock.adobe.com

Die Vier-Tage-Woche ist zwar aus den Schlagzeilen verschwunden. Einige Elektronikunternehmen halten dennoch an dem Modell fest – andere haben ihre Pilotprojekte wieder beendet. Eine prämierte Bachelorarbeit zeigt, welche Faktoren über den Erfolg einer Vier-Tage-Woche bei vollem Gehalt entscheiden.

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Um die Vier-Tage-Woche ist es ruhiger geworden. Nachdem das Arbeitszeitmodell vor wenigen Jahren als möglicher Ausweg aus Fachkräftemangel und Überlastung intensiv diskutiert wurde, setzen viele Industrieunternehmen inzwischen wieder auf längere Arbeitszeiten und höhere Produktivität. Die Euphorie ist einer nüchternen Betrachtung gewichen.

Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf Unternehmen, die das Modell über einen längeren Zeitraum erprobt oder dauerhaft eingeführt haben – auch in der Elektronikindustrie. Die Erfahrungen fallen dabei unterschiedlich aus. Während Simos Elektronik oder SüdWest-Elektronik an der Vier-Tage-Woche festhalten, hat Physik Instrumente (PI) sein Pilotprojekt nach der Testphase nicht fortgeführt. „Die Vier-Tage-Woche war damals ein Test, den wir aber nicht weiter verfolgt haben“, erklärt Unternehmenssprecherin Sabine Sassen auf Nachfrage von Markt&Technik. Simos-Geschäftsführer Gerhard Huber zieht dagegen eine positive Bilanz: „Klar wird das bei uns nach wie vor gelebt – es gibt keinen Grund, das zu ändern oder rückgängig zu machen.“

Eine jetzt ausgezeichnete Bachelorarbeit der Hochschule Bielefeld (HSBI) zeigt, welche Voraussetzungen darüber entscheiden, ob eine Vier-Tage-Woche bei vollem Gehalt erfolgreich eingeführt werden kann.

Für ihre Untersuchung erhielt Absolventin Jule Kruse den Nachwuchsförderpreis des Bundesverbands der Personalmanager:innen (BPM). Als erste Bachelorabsolventin überhaupt gewann sie den mit 2.000 Euro dotierten Preis. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stand das sogenannte 100-80-100-Modell: 100 Prozent Leistung bei 80 Prozent Arbeitszeit und 100 Prozent Gehalt.

Kruse untersuchte das Arbeitszeitmodell gemeinsam mit der Unternehmensberatung Rheingans, deren Gründer Lasse Rheingans bereits 2017 mit einer 25-Stunden-Woche bei vollem Gehalt bundesweit Aufmerksamkeit erregte. Für ihre Bachelorarbeit wertete sie den Forschungsstand aus, analysierte die organisatorischen und arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen und führte Interviews mit Mitarbeitenden und Geschäftsführung.

Wissenschaft bestätigt Erfahrungen aus der Praxis

Zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren zählen laut der Untersuchung eine hohe Transparenz im Unternehmen, klare Erwartungen an Leistung, Umsätze und Margen sowie ein möglichst hohes Maß an organisatorischer Eigenverantwortung der Beschäftigten. Ebenso wichtig sei es, die Mitarbeitenden frühzeitig in den Veränderungsprozess einzubinden, um Arbeitsverdichtung zu vermeiden und die Produktivität langfristig zu sichern.

Die Erfahrungen in der Elektronikbranche zeigen allerdings auch, dass es keine Patentlösung gibt. Ob sich die Vier-Tage-Woche dauerhaft bewährt, hängt von den jeweiligen betrieblichen Rahmenbedingungen ab.

So startete Physik Instrumente (PI) im Frühjahr 2024 an seinem Standort Eschbach ein einjähriges Pilotprojekt mit einer Vier-Tage-Woche in zwei Produktionsbereichen. Das vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) wissenschaftlich begleitete Projekt sollte unter anderem die Auswirkungen auf Arbeitszufriedenheit, Produktivität und Zusammenarbeit untersuchen. Nach Abschluss der Testphase entschied sich das Unternehmen jedoch gegen eine Fortführung des Modells.

Anders verlief die Entwicklung bei Simos Elektronik. Das Unternehmen führte die Vier-Tage-Woche nicht kurzfristig ein, sondern bereitete den Schritt über mehrere Jahre vor. Arbeitsabläufe wurden neu organisiert, Prozesse verschlankt und zusätzliches Personal eingestellt. Geschäftsführer Gerhard Huber begründete die Entscheidung gegenüber Markt&Technik vor allem mit dem zunehmenden Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte: „Das Personal ist unser Kapital – da müssen wir schon auch etwas bieten.“

Auch andere Unternehmen der Elektronikbranche ziehen eine positive Bilanz. So arbeitet der EMS-Dienstleister SüdWest-Elektronik bereits seit drei Jahren mit einer Vier-Tage-Woche. Die Wochenarbeitszeit wurde von 40 auf 36 Stunden reduziert, der Freitag ist für alle Beschäftigten frei. Nach Angaben des Unternehmens blieb die Produktivität stabil, gleichzeitig stieg die Zahl der Bewerbungen deutlich. Geschäftsführer Thomas Schrade bezeichnet das Arbeitszeitmodell inzwischen als wichtiges Instrument im Wettbewerb um Fachkräfte.

Nicht die Zahl der Arbeitstage entscheidet

Interessant ist auch die Entwicklung bei Rheingans selbst. Die ursprünglich eingeführte 25-Stunden-Woche mit einem starren Fünf-Stunden-Tag hat das Unternehmen inzwischen weiterentwickelt. Heute setzt die Unternehmensberatung auf weitgehende Selbstorganisation. Die Mitarbeitenden entscheiden selbst, wann, wo und wie viel sie arbeiten. Voraussetzung dafür sind vollständige Transparenz über Aufgaben, Verantwortlichkeiten sowie wirtschaftliche Kennzahlen.

Für Prof. Dr. Sascha Armutat, Erstprüfer der Bachelorarbeit, lassen sich die Ergebnisse wie eine Checkliste für Unternehmen nutzen. Entscheidend sei ein strukturiertes Vorgehen, das kontinuierlich an die jeweiligen Anforderungen angepasst werde. Gleichzeitig sollten die Beschäftigten eng in den Veränderungsprozess eingebunden werden.

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