Rechenzentren im Fokus

Vom Zweckbau zur systemischen Komponente

11. Februar 2026, 13:23 Uhr | Corinne Schindlbeck
Diskutierten auf dem Tech Forum in München: Dr. Jörg Schröper (Journalist und Moderator), Dr. Harald Karcher (Tech-Journalist), Annika Zinke (Wöhner), Tim Klotsch (GHMT), Franz Rebmann (BTGA), Matthias Natterer (42N) und Helmut Göhl (VIRZ und Moderator).
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Auf dem Tech Forum München diskutierten Vertreter aus Rechenzentrumsbetrieb, technischer Gebäudeausrüstung, Normung und Industrie über die Rolle von KI-Rechenzentren für Deutschland. Tenor: Moderne IT-Infrastruktur wird zum Standortfaktor.

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Anlass zur Diskussion bot die Eröffnung des Münchner KI-Rechenzentrumsprojekts der Telekom – der sogenannten KI-Fabrik im Tucherpark. Unmittelbar am Eisbach, der durch den Englischen Garten fließt. Sein Wasser dient der Kühlung, die entstehende Abwärme soll perspektivisch Wohnungen und Büros in der Umgebung versorgen. Die Investition liegt bei über einer Milliarde Euro, im Vollausbau sollen rund 10.000 GPUs von NVIDIA installiert werden. Betrieb und Datenspeicherung erfolgen nach Angaben der Telekom in Deutschland.

Politisch wurde das Projekt medienwirksam als Beleg digitaler Handlungsfähigkeit gefeiert – entsprechend hoch war die Dichte an Polit-Prominenz bei der Eröffnung durch Konzernchef Tim Höttges.

In der Fachrunde auf dem Tech Forum einen Tag später in der Münchner Macherei überwog die nüchterne Analyse:  Zwar seien solche Leuchtturmprojekte wichtig, so der Konsens. Strukturelle Defizite dürften aber nicht übersehen werden: »Inhaltlich muss man sehr genau hinschauen, was davon wirklich Substanz hat. Marketingtechnisch war das hervorragend gemacht«, sagte Tim Klotsch, Senior Account Manager bei der GHMT AG.

Digitale Souveränität wird häufig darauf reduziert, dass Rechenzentren in Deutschland oder zumindest in Europa stehen und betrieben werden. Das schafft rechtliche Kontrolle und Datensicherheit - greift aber nach Meinung der Runde zu kurz. »Wir reden viel darüber, dass das Rechenzentrum in Deutschland steht«, sagte Klotsch. »Aber viel zu wenig darüber, woher die Technologie, die Komponenten und die Standards kommen.«

Die Hochleistungs-GPUs, wesentliche Teile der IT-Hardware und zentrale Fertigungsschritte stammten nahezu vollständig aus außereuropäischen Lieferketten. Selbst bei der passiven Infrastruktur ist europäische Wertschöpfung keineswegs selbstverständlich.

Dominant: die USA

Während man hierzulande ein neues KI-Rechenzentrum in München als Meilenstein feiert, entstehen anderswo mehrere parallel:  »Wir bauen ein Rechenzentrum - in den USA entstehen in der gleichen Zeit neun«, brachte Klotsch es auf den Punkt. »Wir glauben, wir holen auf. Tatsächlich wird der Abstand größer.«

Das liegt zum einen an unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Und an der Größe der Aufgabe: Energieeffiziente Rechenzentren als eingebettete, hochkomplexe Infrastrukturen mit Laufzeiten von Jahrzehnten  - das sei kein Sprint, sondern Langstrecke. Energieversorgung, Kühlung, Abwärmenutzung und Netzintegration: Rechenzentren entwickeln sich von isolierten Zweckbauten zu systemischen Komponenten. Stabilität und Verlässlichkeit sind dabei keine Innovationsbremse, sondern Teil der Aufgabe. »Das Rechenzentrum ist kein Klotz mehr, den man irgendwo hinstellt«, sagte Franz Rebmann. »Es muss Teil eines Energie- und Wärmekonzepts sein – sonst ist es nicht zukunftsfähig.«

Doch was, wenn Qualität allein im globalen Wettbewerb nicht ausreicht, wenn Genehmigungsprozesse, regulatorische Anforderungen und ausgeprägter Hang zur Perfektion das Ausbautempo weiter bremsen?

»Innovation entsteht nicht dadurch, dass man irgendetwas baut, sondern dass man ein reales Problem löst«, sagte Annika Zinke. »Und sie entsteht selten in einem großen Schritt, sondern in vielen kleinen, sauberen Entscheidungen.« Klotsch hielt dagegen: »Die Amerikaner klotzen. Wenn es nicht funktioniert, machen sie das Nächste. Diese Mentalität haben wir nicht – und das kostet uns Geschwindigkeit.«

Normung als unterschätzter Hebel

Strategisch zentral sei die Rolle der Normung:  Technische Standards entscheiden langfristig über Märkte, Abhängigkeiten und Investitionssicherheit. »Normung klingt trocken und bringt kein Geld«, sagte Klotsch. »Aber sie entscheidet, wer in fünf Jahren den Markt definiert.«

Seine Sorge: Europa verliert in internationalen Normungsgremien an Einfluss, während andere Regionen Standards zunehmend prägen. Technologische Souveränität entsteht damit nicht allein durch Investitionen, sondern durch frühe Mitgestaltung.

Fazit: Rechenzentren sind Industrieinfrastruktur

Das Tech Forum München lieferte am Ende einen nüchternen Befund: Europa kann Rechenzentren - technisch, planerisch und energetisch. Was noch fehlt, ist eine klarere strategische Einordnung. »Wir dürfen Rechenzentren nicht nur feiern, wir müssen sie nutzen«, fasste Helmut Göhl zusammen. »Als Infrastruktur, als Energiesystem, als Standortfaktor.« 

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