Tech Forum München am 4. und 5. Februar

RZ-Boom: Cloud ist Pflichtprogramm, KI ist der Turbo

22. Januar 2026, 10:20 Uhr | Jörg Schröper
Zwei langjährige Insider der Rechenzentrumsbranche werden beim Tech Forum in München am 4. und 5. Februar vor Ort sein: Hartwig Bazzanella (r.), u.a. Vorstandsvorsitzender des Verbands innovativer Rechenzentren (VIRZ) und Geschäftsführer von NCB sowie Helmut Göhl (l.), Experte für Rechenzentren im Bitkom und VIRZ sowie aktiv beteiligt an der Fortschschreibung der Datacenter-Norm EN 50600.
© VIRZ/IB-GTS

Die Rechenzentrumsbranche boomt - aber das wirtschaftliche Umfeld in Deutschland ist derzeit schwierig. Hartwig Bazzanella, u.a. Vorstandsvorsitzender des Verbands innovativer Rechenzentren (VIRZ) und Helmut Göhl, Experte für Rechenzentren in Bitkom und VIRZ, im Interview.

Diesen Artikel anhören

Die Rechenzentrumsbranche boomt derzeit in Deutschland, allerdings in einem eher schwierigen wirtschaftlichen Umfeld. Was ist das Besondere im Moment an der aktuellen Situation?

Hartwig Bazzanella: Wir haben im Augenblick ein eher strukturelles Wachstum. Das geschieht zum Beispiel im Bereich der Cloud, die bekanntlich jeder hat, und natürlich auch über KI-Projekte. Gleichzeitig fordert der Markt aber ein noch stärkeres Angebot, und das wird begrenzt durch Stromnetz, Flächen, Genehmigung sowie Lieferketten. Dies macht es schwierig, die tatsächliche Nachfrage zu erfüllen. Also kurz gesagt: Das Thema Cloud ist Pflichtprogramm, KI ist der Turbo, und jeder möchte natürlich mehr und mehr ...
Helmut Göhl: Ein sehr wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist der Energiebedarf der Rechenzentren in Deutschland. Für das Jahr 2025 liegt der Wert bei gigantischen 21,3 Milliarden kWh. Dies bedeutet einen Anstieg um mehr als 100 Prozent seit 2010.

Das zweitägige Tech Forum in München am 4. und 5. Februar 2026 bringt auch diesmal wieder Expertinnen und Experten aus Rechenzentrumsbetrieb, IT-Infrastruktur, Energieversorgung und Planung zusammen. Hier geht's zur Anmeldung

Themen-Highlights 2026: 

  • Liquid Cooling Lösungen im RZ
  • KI-Datacenter
  • Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung
  • Energieeffiziente Rechenzentren
  • Moderne Daten-Verkabelung (LWL und Kupfer)
  • Netze in IT und OT, SPE
  • Aktuelle Normung
  • Update der Steckertechnik
  • Quantencomputer
  • Verkabelungsplanung und -Messtechnik
  • USVs und Strommessung
  • Safety and Security im Rechenzentrum

Das gehört sicher auch zu den Herausforderungen, die der KI-Boom mit sich bringt? 

Bazzanella: Das ist in der Tat so. Wir sehen zum Beispiel, dass ChatGPT in der neuen Version noch mehr Leistung fordert. In diesem Bereich wird es also immer kritischer. Die Rechenzentren benötigen eine höhere Rechenleistung, also noch mehr kW pro Rack. Man darf auch nicht vergessen, dass Frankfurt immer noch ein Magnet bleibt, weil dort mit DECIX der weltweit wichtigste Internetknotenpunkt sitzt. Beim Thema Latenz und Connectivity bleibt der Standort daher für viele Workloads unschlagbar. Das Stromproblem ist allerdings enorm, und auch ein Platzproblem kommt hinzu. Daher weicht der Markt teilweise auf Sekundärstandorten aus. Die Hotspots können schlicht nicht mehr genug Strom und Flächen bieten.
Göhl: Die Anwendung digitaler Dienste in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft nimmt ja glücklicherweise zu, und dies ist bekanntlich gesellschaftlich gewollt. Diese Situation ist folglich ebenfalls ein Haupttreiber für das starke Wachstum des Bedarfs an Rechenleistung. Die Branche fordert daher auch mit Recht, dass die Strompreiskompensationen für die energieintensive Industrie auf digitale Infrastrukturen ausgeweitet und Rechenzentren in einen möglichen Industriestrompreis einbezogen werden.

Dieser Punkt berührt die europaweite Standortfrage. Ist Deutschland gefährdet?

Göhl: Die in Deutschland seit 2003 unverändert geltende Stromsteuer von 20,50 Euro pro MWh liegt weit über dem europäischen Mindestwert von 0,50 Euro pro MWh. Während andere energieintensive Industrien, etwa unter anderem Stahl, Metall und Chemie, von Befreiungen oder Reduzierungen profitieren, sind Rechenzentren bisher ausgeschlossen. Die Stromsteuer sollte für digitale Infrastrukturen auf das europäische Mindestmaß gesenkt werden.

Bazzanella: Ein Datacenter dient als eine Basisinfrastruktur für fast alles Digitale, also Produktion, Verwaltung, Gesundheit, Medien oder Handel. Das läuft immer weiter, unabhängig davon, wie die Wirtschaft im Moment aussieht. Und wir dürfen nicht vergessen, dass ein Kapazitätsaufbau im Rechenzentrum immer mehrjährig vorgeklärt ist. Das heißt auch, dass man bei kurzfristigen wirtschaftlichen Schwankungen nicht einfach stopp sagen kann, oder: wir machen nicht weiter. Zwölf bis 36 Monate sind ganz normale Laufzeiten für Investitionen in diesem Bereich. Für Deutschland sind im europäischen Vergleich natürlich spezielle Punkte gültig, etwa das Energieeffizienzgesetz.

Auch die Technik benötigt eine gewisse Vorlaufzeit. Wie sieht dies beispielsweise bei einzelnen Gewerken aus?

Bazzanella: Auch für Treiber wie die KI-Anwendungen besteht ein Verfügbarkeitsrisiko. Dies muss der RZ-Betreiber in den Griff bekommen. Zudem muss er, um ein Gewerk konkret zu nennen, eine passende Kühlstrategie für die nächsten drei bis fünf Jahre finden. Passt noch die Luft-Kühlung oder benötigt man Flüssigkeitskühlung, hybride Lösungen, Direct to Chip, Immersion oder Ähnliches. Hinzu kommen wesentliche Fragen wie etwa nach dem Wasserverbrauch oder nach Umweltkonflikten bei wachsender Abwärme. Dazu gehört dann auch ein Reporting mit belastbarer Datenqualität. Wie hält ein Betreiber die Verfügbarkeit hoch, wenn sich die Lieferketten unruhig verhalten? Gefragt sind eine Ersatzzeitstrategie sowie eine vernünftige Planung der Wartungsfenster, Upgrades etc. In der Betriebsführung mit IT und OT treten außerdem Cyber-Risiken auf, die ein Betreiber im Griff behalten muss, ohne den Betrieb zu verkomplizieren. Und schlussendlich bleibt die wichtige Frage: Wo bekomme ich mein Personal her? Das ist das größte Problem. Kann ich alternativ Aufgaben automatisieren und wenn ja, welche?
Göhl: Die Branche ist aber nicht untätig. Der zuständige Bitkom-Arbeitskreis hat zum Beispiel zahlreiche Verbesserungsvorschläge für die Regulatorik erarbeitet und als Beitrag zur nationalen Rechenzentrumsstrategie eingereicht. Die Stromsteuer etwa sollte für digitale Infrastrukturen auf das europäische Mindestmaß gesenkt werden. 

 

 

 

passend zum Thema


Lesen Sie mehr zum Thema


Jetzt kostenfreie Newsletter bestellen!

Weitere Artikel zu elektroniknet

Weitere Artikel zu IT-Infrastruktur/Rechenzentrum