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Kauft AMD den Prozessor-Architekten MIPS?

17. April 2012, 07:08 Uhr   |  Frank Riemenschneider

Kauft AMD den Prozessor-Architekten MIPS?
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Frank Riemenschneider, Elektronik

Nach unseren Informationen gehört Prozessorhersteller AMD zu den Interessenten, die ein Gebot für MIPS abgeben werden - ein Kauf könnte AMD nicht nur den Handy- und Tablet-Markt öffnen, sondern vor allen auch personelle Lücken schließen, nachdem man wichtige Ingenieure und Manager an Apple, Samsung, Intel und Qualcomm verloren hat.

Auf dem Analyst Day 2012 von AMD erklärte CEO Rory Read, dass sich die Firma "zu IP von Drittfirmen" öffnen würde. Viele Beobachter rechneten damit, dass AMD eine Architekturlizenz von ARM kaufen könnte, um endlich in das wachstumsstarke Smartphone- und Tablet-Geschäft einsteigen zu können, dass heute von ARM-Lizenznehmern wie TI, Qualcomm, Samsung und Marvell beherrscht wird - und ab Juni um das erste Gerät mit Intels Atom-Prozessor erweitert wird.

Offenbar kommt alles ganz anders, da nach unseren Informationen MIPS, Entwickler und Lizenzgeber von 32-bit- und 64-bit-Prozessor-Cores, auf AMDs Einkaufsliste steht. Die Frage ist lediglich, reicht AMDs schwer angeschlagenes Bankkonto aus, um gegen weitere potentielle Mitbieter, die Google, NVIDIA oder Qualcomm heissen könnten, bestehen zu können.

Laut dem Börsendienst Bloomberg sucht MIPS schon länger einen Käufer, die Goldman Sachs Group soll damit beauftragt worden sein, mögliche Käufer zu finden. Um AMDs Motivation für eine MIPS-Übernahme zu verstehen, muss man bis ins Jahr 1995 zurückblicken. Dort kaufte der Gründer und damalige CEO von AMD, Jerry Sanders ("Real men have fabs") für 865 Mio. Dollar die Firma NexGen, die zu diesem Zeitpunkt einen Prozessor entwickelte, der mit Intels erstem Pentium mithalten konnte und wesentlich leistungsfähiger war als die damaligen AMD-Chips. Zusammen mit der IP kaufte Sanders auch Ingenieure von für das damalige AMD unschätzbarem Wert, nämlich Dirk Meyer, Dr. Frederick D. Weber (als CTO) und Ravikrishna Cherukuri (später nur noch Ravi Krishna genannt), den Designer der NexGen-CPU.

Der NexGen-Prozessor firmierte nach dem Kauf der Firma bei AMD unter der Bezeichnung K6, K6-II und K6-III und gab Krishna und Meyer die notwendige Zeit, und den K7 (Athlon) und das zugehörige CHipset zu entwickeln. Weber entwickelte derweil den K8, den ersten 64-bit-x86-Prozessor überhaupt, der Intels Produkte seinerzeit in Bezug auf Instruktionen/Taktzyklus in Grund und Boden rechnete.

Zwei dieser drei Herren (Meyer wurde ja später CEO von AMD und dann gefeuert) sitzen heute im Management von MIPS: Ravi Krishna als Vice-President für Engineering im Vorstand und Weber im Aufsichtsrat.

Was sie zusammen mit MIPS-CEO Sandeep Vij in den letzten 18 Monaten durchführten, war eine komplette Neuausrichtung von MIPS. Gebeutelt von den finanziellen Folgen der misslungenen Aquisition der portugisischen Analog-Firma

Chipidea Microelectronica S.A. wurde der Fokus ausschließlich auf das Handy-Geschäft und Googles Betriebssystem Android gelegt. Hatte MIPS im Jahr 2008 noch 500 Mitarbeiter, sind es jetzt noch knapp 150.

Erste Erfolge erzielte man im Mobilgeräte-Markt in Form eines 1-GHz-Prozessors der chinesischen Firma Ingenic für ein 99-Dollar-Tablet mit Android 4.0., dass unter Berücksichtung der Fertigung des Prozessors in einem veralteten 65-nm-Prozess der taiwanischen Foundry TSMC bemerkenswert energieeffizient ist.

Auf der anderen Seite hat AMD den Einstieg ins Mobilgeschäft vermutlich auch auf Grund finanziell schlechter Rahmenbedingungen verschlafen. Während Intel bereits 2008 den Atom-Prozessor vorstellte, der in einer weiterentwickelten Stufe ab Juni das erste Samartphone mit x86-Prozessor antreiben wird, musste AMD bislang zuschauen, wie ARM-Lizenznehmer wie Qualcomm Wachstumsraten jenseits von gut und Böse erzielen. Was die Sache nicht besser machte, waren schmerzhafte Verluste von Top-Technikern und Managern an die Konkurrenz.

Mit einem Kauf von MIPS würde AMD somit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen würde man seinen personellen Aderlass mit zweifelsfrei Top-Leuten von MIPS kompensieren können und 580 Patente, die sich zumindest teilweise durch Lizensierungen in Geld umsetzen lassen dürften, erhalten. Zum anderen könnte man relativ schnell mit High-End-Fertigungstechnik bei Globalfoundries oder TSMC einen 64-bit-RISC-Prozessor für Smartphones und Tablets bauen, der vor der ARM-Konkurrenz auf dem Markt sein (ARMs 64-bit-Architektur ARMv8 wurde erst Ende 2011 vorgestellt, erste Chips werden kaum vor 2014 verfügbar sein) und vor allen Dingen mit AMDs hauseigener Grafik zu einem High-End-Chip verheiratet werden könnte. Vielleicht würde man ja sogar an einen x86- und MIPS-RISC-Hybridchip denken, auf dem dann Windows und Android laufen würden.

Am Ende des Tages wird sich auf Grund AMDs finanzieller Situation jedoch die Frage stellen, reicht die Kriegskasse für eine Übernahme aus. Falls Google in den Ring der Bieter einsteigen würde, um nach dem Vorbild Apples seine eigene Android-Chips designen zu können, mit Sicherheit nicht. Lassen wir uns überraschen.

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