Dr.-Ing. Stefan Nürnberger (Veecle) warnt: Europas Diskussion über technologische Souveränität lässt einen wichtigen Punkt außen vor: Nicht die Fertigung, sondern hardwaregebundene Software ist das Problem. Gefordert sind abstrahierte, portable Architekturen.
Auf Smartphones ist es selbstverständlich: Eine App läuft auf tausenden Geräten, ohne dass ein Entwickler wissen müssen, welcher Prozessor, Sensor oder Kamerachip im Inneren steckt. In der Welt eingebetteter Systeme dagegen ist Software oft noch direkt an einen konkreten Chip gebunden – und genau das macht Europa verletzlich.
Die Diskussion um Europas technologische Souveränität kreist fast ausschließlich um eine Frage: Wo wird der Chip gefertigt? Milliarden fließen in den Aufbau eigener Halbleiterkapazitäten, vom European Chips Act bis zu nationalen Förderprogrammen. Das Ziel ist nachvollziehbar – die Abhängigkeit von asiatischen Lieferketten ist real, die geopolitischen Risiken sind es ebenfalls. Aber die Debatte hat einen blinden Fleck, der in der Öffentlichkeit kaum diskutiert wird.
Denn selbst wenn Europa morgen genügend Chips produzieren würde: Das eigentliche Problem liegt tiefer. Es liegt in der Art und Weise, wie Software für eingebettete Systeme – Roboter, Industrieanlagen, Fahrzeuge – heute entwickelt wird. Und dort hat sich in den vergangenen Jahrzehnten strukturell wenig geändert.
Wer eine Smartphone-App entwickelt, muss nicht wissen, ob im Gerät ein Snapdragon, ein Apple-SoC oder ein MediaTek-Prozessor steckt. Betriebssystem und Hardware-Abstraktionsschichten erledigen diese Übersetzungsarbeit – unsichtbar, zuverlässig, skalierbar. Das Ergebnis: ein globales Ökosystem von Millionen Applikationen, das auf Milliarden unterschiedlicher Geräte läuft.
In der Embedded-Welt fehlt dieses Fundament weitgehend. Software ist hier meist chipspezifisch geschrieben – direkt gegen konkrete Register, Treiber und Toolchains. Das war historisch eine rationale Entscheidung: Ressourcen waren knapp, Performance war kritisch, und unterschiedliche Chips kamen mit ihren Eigenheiten. Heute ist diese Architekturabhängigkeit zum Strukturproblem geworden.
Wenn ein Lieferant seinen Chip abkündigt, wenn ein Logistikschock die Verfügbarkeit unterbricht oder wenn eine neue Prozessorgeneration technisch überlegen ist, dann beginnt für die Softwareteams eine Tortur: Monate der Portierung, des Retestings, der Validierung. Nicht weil der neue Chip schlecht wäre – sondern weil die Software nie für Austauschbarkeit konzipiert wurde.
Ich nenne dieses Muster die Architektur-Falle. Solange Software an einzelne Chips gekettet bleibt, wird jede Hardwareentscheidung zum strategischen Risiko. Im Jahr 2020 und 2021 standen bei Mercedes und VW die Fabriken still, weil bestimmte Chips nicht lieferbar waren. Tesla hingegen konnte damals extrem seine Absätze steigern, weil sie innerhalb weniger Wochen ihre Software auf andere, noch verfügbare Chips portieren konnten - das Resultat von modernen Software-Architekturen, die hardware-unabhängig programmiert wurden. Das gilt nicht nur bei Lieferengpässen. Es gilt beim nächsten Technologiesprung, bei Sicherheits-Updates, bei neuen Zulassungsanforderungen und bei der Skalierung auf unterschiedliche Produktvarianten. Wer in der Architektur-Falle sitzt, zahlt diesen Preis immer wieder.
Besonders problematisch ist: Die Falle ist unsichtbar, solange alles läuft. Die Kosten entstehen erst im Krisenmoment – und sind dann enorm. Die Antwort der Branche war bisher häufig: mehr Lagerbestand, mehr Alternativlieferanten, mehr Redundanz in der Supply Chain. Das sind sinnvolle Maßnahmen – aber sie bekämpfen die Symptome, nicht die Ursache.
Die Lösung ist architektonisch, nicht logistisch. Was eingebettete Systeme brauchen, ist das, was die Smartphone-Welt längst besitzt: eine stabile Softwareschicht, die Hardware systematisch abstrahiert. Eine Basis, auf der Anwendungslogik unabhängig von konkreten Chips entwickelt, getestet und betrieben werden kann.
In anderen Teilen der IT ist das längst Standard: Virtuelle Maschinen, Container, standardisierte APIs – all das entkoppelt Software von der darunter liegenden Hardware. Für eingebettete Systeme entsteht gerade eine neue Generation solcher Schichten, entwickelt in Europa, auf Basis offener Standards. Ansätze moderner Programmiersprachen wie Rust, die Code trotz Abstraktion einfach halten und hardware-agnostische Laufzeitumgebungen machen es möglich, Software portabel zu schreiben, ohne auf Performance oder funktionale Sicherheit zu verzichten.
Das ist kein akademisches Zukunftsprojekt. In der Automobilindustrie, in der Robotik und in der Industrieautomation gibt es immer mehr Produkte, die so entwickelt wurden, und die zeigen, wie viel effektiver Entwicklungsteams werden und wie schneller man auch einfach auf bessere Chips setzen kann - ganz ohne Krise. Wer heute auf portierbare Softwarearchitekturen setzt, kann morgen Chips wechseln wie eine Komponente – ohne die gesamte Softwarebasis neu aufzubauen.
Europas Chipstrategie ist richtig – aber unvollständig. Wer nur in Silizium denkt, baut auf Sand. Denn selbst die souveränste Halbleiterfertigung nützt wenig, wenn die Software, die darauf läuft, beim nächsten Chip-Wechsel wieder von Grund auf angepasst werden muss.
Technologische Souveränität im Embedded-Bereich bedeutet: Software, die nicht von einem einzigen Lieferanten abhängt. Entwicklungszyklen, die nicht mit jeder Hardwaregeneration neu starten. Ökosysteme, in denen europäische Unternehmen ihre Expertise in wiederverwendbare, portierbare Softwarekomponenten investieren – statt sie bei jedem Chipwechsel zu vernichten. Ein konkretes Beispiel dafür ist Veecle OS, eine spezialisierte Betriebssystem- und Softwareplattform für Mikrocontroller und Prozessoren, die die Entkopplung von Software und Hardware ermöglicht. Durch standardisierte Schnittstellen können OEMs und Zulieferer Applikationen entwickeln, die auf verschiedenen Chiparchitekturen und Hardwaregenerationen lauffähig sind, ohne jedes Mal eine Neuentwicklung durchführen zu müssen.
Die Architektur-Falle ist real. Aber sie ist überwindbar. Die Frage ist, ob auch die Politik bereit ist, bewusst auf eine europäische Software-Basis zu setzen, die die Fahrzeuge, Roboter und Maschinen von morgen unabhängig vom Hardware-Lieferanten macht.