Neue Produktionen in Australien und USA nehmen den Betrieb auf

»Die Preise für Seltene Erden sind im freien Fall«

2. Mai 2012, 11:45 Uhr | Karin Zühlke
Dr. Harald Elsner, Deutsche Rohstoffagentur: »Derzeit laufen zwar weltweit 17 Seltene-Erden-Projekte außerhalb Chinas, die einen höheren Anteil an schweren seltenen Erden haben, von denen ist aber keines soweit, dass es in den nächsten Jahren in Produktion gehen kann.«

Seltene Erden sind spätestens seit der Ausfuhrbeschränkung durch den Noch-Exklusivlieferanten China ein begehrtes Industriegut. In Kürze wird dieses Monopol zwar fallen, erklärt Dr. Harald Elsner, Wirtschaftsgeologe und Experte für Seltene Erden bei der Deutschen Rohstoffagentur, aber die für die Elektronikindustrie so wichtigen schweren Seltenen Erden wird es auch in absehbarer Zeit nur im Reich der Mitte geben.

Markt & Technik: Wie haben sich die Preise für die Seltenen Erden entwickelt?

Dr. Harald Elsner: Die ersten großen Preissteigerungen gab es im Herbst 2010, als China die Ausfuhr der Seltenen Erden begrenzt hat. Bis Juli 2011 verzeichneten wir stark bis sehr stark steigende Preise für Seltene Erden. Einige Seltene Erden wurden um das Siebenfache teuerer. Dieser Preisanstieg entstand aber nicht aufgrund einer Verknappung, wie allgemein vermutet, sondern war rein spekulativ geprägt. Seit Herbst 2011 sind die Preise für die meisten Seltenen-Erden-Metalle wieder im freien Fall. Mittlerweile nähern wir uns einer Bodenbildung. Die Preise sind je nach Metall um 20 bis 60 Prozent gegenüber dem Höchststand eingebrochen.

Dennoch ist die Verfügbarkeit ein Problem, oder? Zumindest lassen die intensiven Aktivitäten großer deutscher OEMs wie Siemens im Bereich der Seltenen Erden darauf schließen.   

Bei diesen Aktivitäten geht um die Verfügbarkeit in der Zukunft, um die Versorgung mit den drei als kritisch eingestuften Seltenen Erden Dysprosium, Terbium und Europium sicherzustellen. Dysprosium wird beispielsweise zur Herstellung von Permanentmagneten für die Automobilindustrie benötigt, Terbium und Europium für Energiesparlampen und Leuchtröhren.
Weltweit haben Analysten die Seltenen Erden bewertet und dabei übereinstimmend Dysprosium, Terbium und Europium als »kritisch« eingestuft, wobei das Element Dysprosium als das kritischste gilt. Ein australischer Analyst hat zusätzlich Yttrium als kritisch eingestuft.
Diese Bewertung heißt aber nicht, dass es diese drei bzw. vier Metalle aktuell nicht zu kaufen gibt, sondern dass das geostrategische Risiko für diese Metalle in Zukunft besonders hoch ist. Im schlimmsten Fall würden Lieferketten unterbrochen und beim OEM die Bänder stillstehen, das wäre natürlich für einen OEM ein Worst-Case-Szenario, das er um jeden Preis verhindern will. Es gibt, wie gesagt, einige große OEMs, darunter Siemens, die hier intensiv entweder an Substitutionsverfahren arbeiten oder sich sogar mit bei der Exploration neuer Vorkommen engagieren.

Welche Möglichkeiten haben kleinere Firmen, vorzubeugen?

Kleinere Firmen haben es hier deutlich schwerer, denn sie haben oft gar kein eigenes Personal für solche Themen. Wichtig ist, dass sich die kleinen und mittelständischen Firmen trotzdem organisieren, beispielsweise in Käufergemeinschaften. Eine solche Käufergemeinschaft versuchen derzeit Vertreter der Glasindustrie, auf die Beine zu stellen, unter der Leitung von Schott. Die Glasindustrie benötigt das Seltene-Erden-Metall Erbium als Fertigungshilfsstoff. Allerdings laufen die Bemühungen sehr zäh, weil viele Unternehmen ihre Lieferkette vor dem Mitbewerb nicht gänzlich offen legen wollen.

Sie bewerten auch die Lieferrisiken in der Wertschöpfungskette, insbesondere zu Rohstoffen für Schlüssel- und Zukunftstechnologien. Wie läuft ein solcher Bewertungsprozess ab?

Wir analysieren, welche Rohstoffe durch geostrategische Risiken knapp werden könnten, in welchen Bereichen ein Oligopol der Erzeuger-Unternehmen herrscht und sich ein neuer Markt öffnet, der kritische Rohstoffe einsetzt. Aktuell sind das einige Bereiche der erneuerbaren Energien, beispielsweise die Windkraft oder die neue magnetokalorische Technologie bei Kühlschränken, bei der Gadolinium zum Einsatz kommt.

Wie können die deutschen Industrieunternehmen ihre Planungssicherheit in punkto Seltene Erden erhöhen?

Unternehmensübergreifend sollte erst einmal geklärt werden, welche Rohstoffe überhaupt verwendet werden. Dann sollte ein Unternehmen die eigenen Lieferquellen genauer unter die Lupe nehmen. Ich muss als Unternehmen wissen, wo meine Rohstoffe herkommen und darf mich nicht nur auf die Händler verlassen. Weitere Schritte wären dann Substitution und Recycling der Rohstoffe soweit möglich. Aber das lässt sich natürlich nicht von heute auf morgen umsetzen.




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  2. Schwere Seltene Erden weiterhin nur aus China

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