CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Steier »Leading-Edge-Chipfabrik ist machbar, wenn man sie haben will«

Andreas Steier wurde in seiner Heimat Trier als Direktkandidat für die CDU/CSU-Fraktion in den deutschen Bundestag gewählt. Nach dem Abitur studierte er Maschinenbau mit dem Abschluss Diplom-Ingenieur. Anfang 1998 begann er seine berufliche Karriere als Entwicklungsingenieur bei IEE in Luxemburg.
Andreas Steier wurde in seiner Heimat Trier als Direktkandidat für die CDU/CSU-Fraktion in den deutschen Bundestag gewählt. Nach dem Abitur studierte er Maschinenbau mit dem Abschluss Diplom-Ingenieur. Anfang 1998 begann er seine berufliche Karriere als Entwicklungsingenieur bei IEE in Luxemburg.

Im Bundestag sind Ingenieure in der Minderheit. Der studierte Maschinenbauingenieur Andreas Steier arbeitete erfolgreich in der Industrie und ist Berichterstatter für KI in der CDU/CSU-Fraktion. Im Interview mit der Elektronik erklärte Steier,wie es mit KI in Deutschland und Europa voran gehen soll.

Herr Steier, fangen wir mit Ihren persönlich an. Der ehemalige Forschungsminister und Alterspräsident des Bundestages, Heinz Riesenhuber, hat beklagt, dass im Parlament viele Anwälte, Beamte und Lehrer, aber kaum Naturwissenschaftler oder Ingenieure sitzen [1]. Sie als studierter Maschinenbauer sind ja eine dieser Ausnahmen, was hat Sie motiviert, aus der Industrie in die Politik zu wechseln?

Ich war schon frühzeitig politisch interessiert, erst in der Schülerunion [2] und dann während des Studiums in der Fachschaft, danach war ich im Ehrenamt kommunalpolitisch engagiert. Wenn man als Ingenieur in der Wirtschaft aktiv ist, ist das natürlich nicht einfach, da brauchen Sie einen Arbeitgeber, der Ihnen die Freiheiten einräumt, auch im Ehrenamt politisch aktiv zu sein.

Das ist nachvollziehbar, gibt es noch andere Hindernisse?

Ein zweiter Grund ist meine Erachtens, dass wenn man als Ingenieur etwas entwickelt, sieht man im Ergebnis: es funktioniert oder es funktioniert nicht. In der Politik muss man Dinge erst erklären, was oft eine mühselige Aufgabe mit hohem Frustrationspotential ist. Was bei Ihnen vielleicht logisch und klar ist, ist bei anderen eben nicht logisch und klar. Und last but not least, da man als Ingenieur in der Regel ganz gut verdient, ist die Hürde in die Politik zu gehen wohl auch höher als bei anderen.

Meinen Sie höher als bei Studienabbrechern, Historikern und Philologen, die man ja im Bundestag hinreichend findet?

Das kommentiere ich natürlich nicht.

Bekanntermaßen sind Netzwerke in der Politik ja ganz wichtig. Haben Ingenieure auch hierbei Nachteile?

Zweifelsfrei, wenn Sie in der Jungen Union starten und dann Politologie oder Jura studieren, haben Sie heutzutage ganz andere Möglichkeiten, Netzwerke aufzubauen als wenn Sie Maschinenbau oder Elektrotechnik studieren. Das hilft natürlich, erstmal aufgestellt zu werden, das ist ja der erste Schritt, und dann auch gewählt zu werden. Hierbei müsste die Politik generell offener werden. Die andere Art von Netzwerken, die Sie als Ingenieur aufbauen, machen Sie beim Thema Politik quasi zum Quereinsteiger und das ist immer schwierig.

Die Karriereaussichten für Studienabbrecher oder Historiker und Philologen sind ja in der Wirtschaft limitiert – und auch viele Juristen ohne Prädikatsexamen sind als Taxifahrer unterwegs. Hilft ihnen auch der Druck, sich in der Politik beweisen zu müssen, um etwas in ihrem Leben zu erreichen?

Sagen wir es so: Ein Ingenieur hat sicherlich bei der gegebenen Arbeitsmarktsituation keinen großen Druck, sich über die Politik beweisen zu müssen.

Wir haben ja in Deutschland einen ausgeprägten Fachkräftemangel, wobei ich mittlerweile gelernt habe, dass die Politik darunter auch Elektriker und Pflegekräfte versteht und nicht nur Informatiker und Ingenieure. Wenn Sie in China Fernsehen sehen, sind oft Ingenieure die Helden, während in Deutschland diese Spezies medial quasi nicht in Erscheinung tritt, gleiches gilt auch für Talkshows. Sie sind selbst bei Themen wie Digitalisierung und Huawei vollkommen unsichtbar, den Germanisten, Philosophen und Philologen Habeck [3] sehen wir wöchentlich. Woran liegt das?

Ich bin ja jetzt zwei Jahre dabei und werde innerhalb der Fraktion und auch in der Regierung schon wahrgenommen, gerade bei KI. Allerdings setzen viele Journalisten lieber auf ihre traditionellen Netzwerke. Dazu spielen sie immer gerne mit Kontrasten und suchen Politiker, die mehrere Themen abdecken können, da haben Sie es als Ingenieur nicht ganz so einfach. Sie müssen manchmal Dinge auch einfach überzeichnen.

Sind technische Fragestellungen generell weniger interessant?

Das ist richtig. Themen, bei denen jeder mitreden kann, werden in der politischen Debatte viel stärker wahrgenommen als isolierte technische Fragestellungen. Letztere sind eben nicht so reißerisch und werden weniger gelesen als Themen, bei denen Sie schön eine Spannung aufbauen können wie zum Beispiel bei »China gegen Europa«.

Wird die Sache Huawei deshalb außenpolitisch und nicht technisch geführt, weil alle mitreden wollen?

Außenpolitiker sind in der Ansprache tatsächlich meistens prägnanter als Techniker.

Zum Thema Fernsehen haben Sie noch nichts gesagt…

(lacht) Stimmt. Also, wenn Sie sich das in Deutschland generell anschauen, wird der Fokus mehr auf Entertainment gelegt als auf junge Leute, die mal etwas Tolles entwickelt haben. Insofern ist in der Gesellschaft und damit in der politischen Debatte auch eher jemand gefragt, der Show und Entertainment bringt, als jemand, der ganz nüchtern Schritt für Schritt etwas entwickelt.

Und in der Folge werden junge Menschen so geprägt, dass sie wenig Motivation verspüren, in technische Studiengänge zu gehen. Ist das dann am Ende die bittere Schlussfolgerung? Wie kann man Neugierde generieren, nicht nur Content auf dem Smartphone zu konsumieren, sondern auch selbst zu entwickeln?

Ich bin ja auch Mitglied im Bundesfachausschuss Bildung, Forschung & Innovation der CDU/CSU. Bei einer der letzten Sitzungen ging es um digitale Bildung und dort hat mir eine Botschaft gefehlt: Es ist entscheidend, selbst zu programmieren, am besten schon in der Grundschule, aber spätestens in der Sekundarstufe 1. Man lernt dabei analytisches Denken. Man lernt die Beziehung zwischen Ursache und Folge. Und jemand, der weiß, wie so ein Algorithmus funktioniert, der weiß auch, was mit den Daten passiert.

Wer denkt denn im politischen Berlin so wie Sie?

Wir haben ja den »Digitalpakt Schule« [4] aufgesetzt, aber die Länder haben dann gesagt, wir wollen nicht, dass uns der Bund da reinredet. Wir in der CDU haben die Verpflichtung in das Grundsatzprogramm hineingeschrieben, dass die Kinder programmieren.

In Ihrem KI-Papier [5] sprechen Sie von »optimalen Voraussetzungen, Vorreiternation im Bereich KI zu werden«. Nicht wenige unserer Leser und Geschäftspartner denken darüber anders. Lassen Sie mich nur einmal den VDE zitieren [6], der die deutschen 3 Mrd. Euro Fördergeld bis 2025 den 150 Mrd. Euro in China bis 2030 gegenübergestellt hat. Wo sehen Sie in Deutschland optimale Voraussetzungen für KI?

Unabhängig von der Geldfrage haben wir in der Forschung schon einige Koryphäen, zum Beispiel Prof. Sami Haddadin in München [7] oder das DFKI [8], die uns zu einem führenden Standort weiterbringen könnten. Wo wir hinterherhinken, sind die Bereiche Hard- und Software, da haben wir mit Infineon und SAP nur jeweils eine Firma von Weltruf. Die Amerikaner haben seit Anfang der 2000er Jahre eine große Dynamik über den Consumer-Bereich entwickelt, der in Deutschland schon immer unterrepräsentiert war. Da müssen wir überlegen, ob uns die Dynamik nicht abgeht, die in diesem Bereich erforderlich ist.

Der Industrie-Sektor ist ja in der Tat etwas langsamer in der Entwicklung, vor allen Dingen im Mittelstand…

Im klassischen Maschinenbau sind wir immer noch Weltmarktführer und dort erwarte ich den nächsten Sprung von KI. Dort müssen wir die Stärke von KI ausbauen. Ich habe da weniger Bedenken, was die großen Firmen wie zum Beispiel Siemens angeht. Oder Bosch als Nr. 1 weltweit bei Patenten für autonomes Fahren. Die Herausforderung liegt beim Mittelstand und beim Nachwuchs. Da setzen die 3 Mrd. Euro Bundesmittel an, die zusätzlich zu den schon bestehenden Mitteln investiert werden. Dazu sind natürlich auch die Länder gefordert, an denen die Standorte, also KI-Cluster, angesiedelt sind und auch die Industrie selbst. Nur so kann eine Hebelwirkung entstehen.

Ist das nicht generell ein Problem in Deutschland, dass wir in der Forschung gut sind, aber der Transfer in die reale Applikation optimierbar ist?

Da bin ich bei Ihnen. Das Unternehmertum in der Forschung fehlt bei uns und diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren leider noch verstärkt. In den USA haben die Leute immer schon gleich im Hinterkopf: »Wie kann ich damit Geld verdienen?«

In den USA haben die ja auch eine andere gesellschaftliche Sicht aufs Geldverdienen…

Richtig. Da ist das nicht anrüchig, während bei uns oft der »böse Kapitalist« im Hinterkopf ist. Nur mit dem Bewusstsein, Geld verdienen zu wollen, kann dann auch in der Forschung eine entsprechende Dynamik entstehen, eine gute Idee in ein Produkt umzusetzen.

Was meinen Sie damit konkret?

Zum Beispiel den Wechsel aus der Forschung in die Industrie und zurück. Oder den Fall, dass ein Professor auch mal nur halbtags da ist und nebenbei eine eigene Firma aufbauen kann.

Deutschland war und ist ja nun das Land der Blechbieger. Aber das war ja mal anders, ich erinnere an Heinz Nixdorf in der IT oder an Firmen wie Blaupunkt, Schneider, Loewe, Dual usw. Die sind alle weg nach Asien und mit ihnen die Entwickler und das Knowhow. Jetzt brauchen wir auf einmal wieder Leute, die Algorithmen programmieren können und stellen fest, dass ein Programmierer bei Apple 200.000 Dollar pro Jahr verdient, was in Deutschland eher ungewöhnlich ist. Wo wollen Sie denn die Leute herkriegen?

In der Forschung kommen Sie natürlich mit klassischen Tariflöhnen nicht weiter und müssen da auch andere Ideen entwickeln, auch in den nachgelagerten Bereichen. In der Wirtschaft ist es ja nicht nur das Einkommen, sondern in Deutschland vor allen Dingen die Abgabensituation, die meines Erachtens viel zu hoch ist. Manche Firmen erreichen schon Spitzenkräfte und können diese motivieren, nach Deutschland zu kommen. Aber klar ist: Man braucht eine kritische Masse und muss diese Kompetenzen in Clustern bündeln.

Fakt ist doch, dass Spitzenkräfte Deutschland zum Beispiel in Richtung Silicon Valley verlassen!

Da bekommen sie eben schneller und mehr Risikokapital, um eine Firma zu gründen. Auch da müssen wir uns Gedanken machen, wie wir jungen Menschen die Gelegenheit geben können, eine Firma zu gründen.

In einer KI-Studie von IDG wird bemängelt, dass KI nur defizitär in neue Geschäftsmodelle implementiert wird und es zu AWS oder Google in Deutschland keine Alternativen gibt, um seinen Modelle in der Cloud zu trainieren [9]. Dazu kommt der Regulierungswahn: Die EU-Kommission will KI-Modelle durch den TÜV prüfen lassen, wie auch immer das gehen soll. Und dann haben wir noch den Datenschutz, der in der EU nur bedingten Zugriff ermöglicht. Ist die EU ein Hemmschuh, der die Entwicklung unserer Wirtschaft blockiert?

Ich gebe Ihnen Recht mit der Befürchtung EU. Ich habe seinerzeit ja bewusst in meinem Eckpunktepapier angestoßen, dass der Gesetzgeber nicht alles definieren kann und darf. Eine gute Analogie, wie ich finde, sind die DIN-Normen, die Standards gesetzt haben und für Vertrauen und Qualität stehen, aber dabei genügend Freiheiten erlauben. So etwas, dass Experten den Stand der Technik festlegen, brauchen wir meines Erachtens auch für KI. Wir brauchen also eine Normierungs-Roadmap. Ich bin ja auch im Steuerungsgremium beim DIN Mitglied.