Unternehmenskrise akut Investorensuche für einen erfolgreichen Neustart

Die Suche nach einem Investor ist eine Möglichkeit für ein Unternehmen, sich aus einer finanziellen Schieflage zu retten. Wie der Unternehmensverkauf einen erfolgreichen Neustart ermöglichen kann, zeigt das Praxisbeispiel Gemac.

Dass ein Mikroelektronikunternehmen trotz Wirtschaftswunder in eine Schieflage geraten kann, zeigt das Beispiel des mittelständischen Unternehmens Gemac mit Sitz in Chemnitz. Gemac hatte eine außerordentlich gute Marktpositionierung, vor allem im Bereich qualitativ hochwertiger Neigungssensoren. Das Unternehmen konnte Auftragsvolumen in Höhe von 7 bis 9 Millionen Euro jährlich vorweisen.

Als problematisch erwies sich allerdings, dass ein positives Unternehmensergebnis nur mittels erheblicher Fördermittelzuschüsse generiert werden konnte. Operativ musste das Unternehmen schon über längere Zeit Verluste hinnehmen. Um dem entgegenzuwirken, wurden zunächst unrentable Geschäftsbereiche ausgegründet. Dieser Lösungsansatz war Teil der sogenannten leistungswirtschaftlichen Restrukturierung.

Wirklich erfolgreich ist eine Sanierung aber nur, wenn daneben auch Ansätze für eine finanzwirtschaftliche Restrukturierung, sprich die Anpassung des Finanzierungsvolumens und -bedarfes an die tatsächlichen Gegebenheiten und die Sicherstellung der erforderlichen Liquidität, gefunden werden. Genau daran scheiterte das Vorhaben, denn bis zuletzt konnte unter den Beteiligten des Unternehmens kein Konsens gefunden werden.

Gemac musste im Februar 2017 Insolvenz anmelden, das Verfahren wurde am 28. April 2017 eröffnet. Wenige Monate später schon gab es für die 70 Mitarbeiter Grund zum Aufatmen: Ein Finanzinvestor aus der Region übernahm den Geschäftsbetrieb des Unternehmens zum 1. August 2017.

Share Deal oder Asset Deal

Fachleute sprechen in solchen Fällen von den sogenannten »Distressed M&A-Verfahren«, kurz für Mergers & Acquisitions: Neben Verkäufen aus der Insolvenz zählen dazu auch Transaktionen in Sondersituationen wie generelle Restrukturierungsprozesse oder die Veräußerung von Unternehmenssparten in der Krise.

Je nach Ausgangslage kommt bei der Transaktion von Krisenunternehmen der Share oder Asset Deal – die sogenannte übertragende Sanierung – zum Einsatz. Beim Share Deal erwirbt der Käufer die Gesellschaft durch den Kauf aller oder fast aller Anteile einer Personen- oder Kapitalgesellschaft.

Beim Asset Deal wird das Vermögen der Gesellschaft in Form der einzelnen Wirtschaftsgüter übertragen, von denen sich der Käufer die „passenden“ aussucht. Dazu gehören Grundstücke, Gebäude, Maschinen, Einrichtungen oder Vorräte. Der Käufer wählt die Assets, die er übernehmen will.

Mögliche Dealbreaker identifizieren

Übernahmeprozesse von krisenbehafteten Unternehmen weisen eine Reihe von Besonderheiten und Herausforderungen auf, die den Erfolg maßgeblich beeinträchtigen, unterstützen oder auch verhindern können.

Wichtig ist die frühzeitige Identifikation von potenziellen Dealbreakern, also gefährdenden oder hinderlichen Faktoren. Dazu gehören zum Beispiel unterschiedliche Interessenlagen der Beteiligten – vor allem bei Verkäufen in der Insolvenz – oder die Kaufpreiserwartungen beider Seiten. Potenzielle Erwerber fordern aufgrund der wirtschaftlichen Situation und schwierigen Planbarkeit des Erfolgs oft hohe Risikoabschläge.

Auch Schnäppchenjäger versuchen gerne, die Notlage des Unternehmens und den damit verbundenen Verkaufsdruck auszunutzen. Kaufpreisangebot und geforderter Preis liegen deshalb häufig weit auseinander.

Hürden beim Verkaufsprozess

Wichtige Ziele in den Verhandlungen sind: Vertrauen in das Unternehmen steigern und die Kaufpreishöhe im Sinne aller beeinflussen.

Dies gelingt meist mit einer detaillierten Darstellung der Krisenursachen und des -verlaufs, mit umfassendem Zahlenmaterial zur Historie, mit Daten zum aktuellen Geschäftsverlauf und einer glaubhaften Planung sowie im Idealfall mit einem Sanierungskonzept oder einem Maßnahmenkatalog zur benötigten Restrukturierung.

Wie bei jedem Geschäft müssen dem Käufer glaubhaft die zu erwartenden Potenziale aufgezeigt werden, wie beispielsweise positive Effekte für sein Geschäft, strategischer Nutzen und Synergien. Einfach ist das in der Praxis nicht, da Unterlagen und Zahlenmaterial oft nur unvollständig vorhanden sind. Der hohe Zeitdruck sowie die wirtschaftliche Lage lassen zudem selten eine schnelle und vollständige Aufarbeitung zu.

Mit zunehmender Dauer der Krisen- oder Insolvenzphase muss man zudem von sich ändernden Parametern ausgehen, die den Transaktionsprozess zusätzlich erschweren oder den Abschluss sogar verhindern können: Das Abwandern von Schlüsselpersonal, der Verlust von wichtigen Kunden oder Hauptlieferanten sowie die Kürzung von Kreditlinien gehören dazu.

Auch die Finanzierung eines Unternehmenskaufes in wirtschaftlicher Schieflage oder aus der Insolvenz heraus ist eine Hürde, denn neben dem Kaufpreis sind meist zusätzliche Gelder für die Betriebsfortführung und Durchführung von Restrukturierungsmaßnahmen nötig. Ein Lösungsansatz können bankenunabhängige alternative Finanzierungen sein, zum Beispiel Factoring oder Sale & Lease Back.

Breite Ansprache potenzieller Investoren

Zu den Erfolgsfaktoren eines M&A-Prozesses gehören das Erkennen und Gegensteuern möglicher Dealbreaker, das Wissen und die Erfahrung zu grundsätzlichen Anforderungen eines M&A-Verfahrens, Verhandlungsgeschick, Kenntnisse zu Sanierung und gegebenenfalls insolvenzspezifischen Besonderheiten. Ebenfalls unerlässlich ist ein gezieltes und strukturiertes Vorgehen.

Schon zu Beginn sollte man auf eine möglichst breite und übergreifende Ansprache potenzieller Investoren setzen. Die Erfahrung aus der Praxis zeigt, dass sich eine anfangs ausreichende Anzahl von Interessenten sehr schnell reduzieren kann. Und während beim Verkauf »gesunder Unternehmen« die Due Diligence Phase mehrere Monate dauern kann, sind die zeitlichen Ressourcen in Krisensituationen begrenzt: Hier stehen für den gesamten Transaktionsprozess oft nur ein paar Wochen zur Verfügung. Daher muss dieser von einer hohen Transparenz, einem gesunden Pragmatismus aller Beteiligten sowie einer hohen Geschwindigkeit gekennzeichnet sein.

Im Fall von Gemac ist mit dem M&A-Verfahren der Weg für den erfolgreichen Neustart geebnet: Standort und Arbeitsplätze wurden erhalten und auch der neue Investor hat als Inhaber einer mittelständischen sächsischen Beteiligungsgesellschaft Erfahrungen in der Neuausrichtung von Unternehmen und der Erschließung neuer Märkte für das weitere Wachstum.

 

 

Der Autor

Simon Leopold
ist Geschäftsführer und Unternehmensberater bei der ABG Consulting-Partner GmbH & Co. KG, einem Unternehmen im Beratungsverbund ABG-Partner. ABG-Partner betreut Unternehmen und Institutionen bei sämtlichen steuerlichen und wirtschaftlichen Themen.