Nach mehreren Quartalen im Abschwung zeigen sich im Halbleitermarkt erste Anzeichen einer Stabilisierung. Michael Speyerer, Regional Vice President DACH von Avnet Silica, ordnet die aktuelle Lage in Zentraleuropa ein.
Er spricht über vorsichtigen Optimismus, strukturelle Herausforderungen, die Rolle von Innovation und Beratung, Künstliche Intelligenz als Technologietreiber und darüber, warum die Distribution trotz aller Umbrüche fest im Sattel sitzt.
Markt&Technik: Herr Speyerer, die Avnet Inc. hat zuletzt wieder solide Zahlen vorgelegt. Wie stellt sich die Lage für Ihre Region momentan dar?
Michael Speyerer: Aus meiner Perspektive für Zentraleuropa haben wir die Talsohle erst einmal erreicht. Wir sehen die ersten zarten Pflänzchen, seit mehreren Monaten wieder positive Vorzeichen. Wachstum ja – aber Entwarnung würde ich definitiv noch nicht geben. Mit rund einem Prozent Wirtschaftswachstum in der Region ist das Umfeld nach wie vor alles andere als überschwänglich. Für uns im Halbleiterbereich sieht es erstmals seit vielen Quartalen wieder positiv aus, aber es gibt noch einiges zu tun.
Man darf auch nicht vergessen: Der Markt ist massiv eingebrochen. Wir reden je nach Segment von 30, 40 oder sogar 50 Prozent. Österreich hat es besonders hart getroffen. Insgesamt ist der Halbleitermarkt stärker eingebrochen als viele unserer Kundenmärkte. Das gleichen wir gerade wieder aus. Zudem ist der jüngste Aufschwung ein Mix aus gestiegenen Stückzahlen und Preiserhöhungen, zum Beispiel bei Memory-Bauteilen – das gehört zur Wahrheit dazu.
Welche Segmente entwickeln sich derzeit am positivsten?
Automotive bleibt eine Herausforderung, das ist unverändert, aber der Halbleiteranteil in den Fahrzeugen wird weiter steigen. Deutlich bessere Signale sehen wir im Industriebereich. Hier beobachten wir einen klaren Trend: Technologien, die früher ausschließlich in Rechenzentren eingesetzt wurden, wandern zunehmend in Maschinen und Anlagen.
Künstliche Intelligenz spielt dabei eine zentrale Rolle. Sensoren erfassen nicht mehr nur Daten, sondern werten diese direkt im Gerät aus. Entscheidungen werden lokal getroffen – Stichwort Edge AI. Das sehen wir sehr deutlich in der Industrieautomation, in der Medizintechnik, bei Robotik oder in intelligenten Infrastrukturen.
Ein weiterer wichtiger Treiber ist Energieeffizienz. Mehr Rechenleistung bedeutet zwangsläufig mehr Stromverbrauch. Genau hier entsteht aktuell enormer Innovationsdruck. Leistungsfähige, aber energieeffiziente Prozessoren, intelligentes Power-Management und optimierte Architekturen sind gefragter denn je. Entsprechend sehen wir in Teilen des Power-Segments wieder steigenden Bedarf und längere Lieferzeiten.
Heißt das, dass Kunden wieder stärker investieren und neue Designs anstoßen?
Ja, aber sehr selektiv. Investitionen erfolgen weiterhin vorsichtig. Es gibt neue Designstarts, insbesondere dort, wo KI und intelligente Funktionen echten Mehrwert schaffen. Von einer breiten Investitionswelle sind wir aber noch ein Stück weit entfernt.
Viele Kunden agieren sehr kurzfristig. Das aktuelle Quartal ist meist gut planbar, das nächste noch einigermaßen – darüber hinaus wird es schnell unklar. Langfristige Forecasts sehen wir noch zu wenig. Diese Unsicherheit prägt derzeit das gesamte Geschäft.
Wie wirkt sich diese kurze Planungsperspektive auf die Supply Chain aus?
Sie macht die Planung für alle Beteiligten deutlich anspruchsvoller. Wir erleben häufig Situationen, in denen Kunden sehr kurzfristig Bedarf anmelden. Gleichzeitig wachen viele gerade auf, weil sie sehen, dass Preise und Lieferzeiten – wie bei Memory-Produkten sowie Standard- und diskreten Bauteilen – wieder steigen. Das aktuelle Quartal ist visibel, das nächste geht noch, aber weiter hinaus wird es sehr trüb. Das macht Planung für alle Seiten schwierig.
Trotz dieser Unsicherheit gilt Europa immer noch als Innovationsstandort ...
Das ist richtig. Gerade Deutschland und Zentraleuropa verfügen über eine enorme Innovationskraft. Allerdings liegt zwischen Design-in und Serienproduktion oft ein erheblicher Zeitraum. Viele Unternehmen haben noch Lagerbestände älterer Produktgenerationen. Solange diese abgebaut werden, werden neue Technologien nur zögerlich eingeführt. Innovation findet statt – aber zeitversetzt.
Sie verantworten in Ihrer Funktion Zentraleuropa. Wo verorten Sie die größten regionalen Unterschiede?
Deutschland ist mit Abstand der größte Markt und sehr breit aufgestellt – von großen OEMs bis zu vielen kleineren EMS-Unternehmen. In Österreich, der Schweiz und den Benelux-Ländern ist die Kundenbasis überschaubarer.
Österreich hat es besonders hart getroffen, mit teilweise dramatischen Rückgängen. Das ist herausfordernd, weil der Markt stark von wenigen großen Akteuren abhängt. Die Schweiz agiert häufig analytischer und abwartender. Jeder Markt hat seine Eigenheiten, und darauf müssen wir individuell eingehen.
Sie sind Mitte 2024 in Ihrer aktuellen Rolle gestartet, seit Juli 2025 fungieren Sie als Regional Vice President für Avnet Silica – und das in einem enorm herausfordernden wirtschaftlichen Umfeld. Welche Ziele kann man da überhaupt stecken?
Ich bin natürlich mit hohen Erwartungen und ambitionierten Zielen gestartet. Die Realität hat uns jedoch schnell eingeholt. Der Markt befand sich im freien Fall, wir waren plötzlich nicht mehr im Allokationsmodus, sondern in einer anderen Form des Krisen- und Troubleshooting-Modus.
Verfügbarkeit war lange Zeit das zentrale Thema. Heute ist sie kein Differenzierungsmerkmal mehr. Der Markt ist vollgesogen mit Ware, der Wettbewerb ist deutlich härter geworden, Preise stehen unter Druck. Netzwerk, Beziehungen und Vertrauen spielen wieder eine sehr große Rolle.
Diese Umstellung war auch intern wichtig – gerade für jüngere Kolleginnen und Kollegen, die nur Wachstumsphasen kannten. Jetzt geht es darum, in einem schwierigen Markt zu bestehen.
Ein großes Thema sind derzeit regulatorische Anforderungen ...
Der administrative Aufwand ist massiv gestiegen. Themen wie Herkunftsnachweise, Materialzusammensetzung oder Zollregularien beschäftigen uns täglich. Wir investieren hier gezielt in Spezialisten und Datenstrukturen.
Gleichzeitig ist das eine Chance. Je komplexer die Anforderungen werden, desto größer ist der Mehrwert, den wir bieten können. Unsere Informationsveranstaltungen und Roadshows zu diesen Themen sind extrem gut besucht.
KI ist längst kein abstraktes Buzzword mehr.
Lassen Sie uns noch einmal auf das Thema KI zurückkommen. Welche Rolle spielt sie aktuell in der Entwicklung neuer Produkte?
Eine sehr große. KI ist längst kein abstraktes Buzzword mehr. Viele Kunden kommen mit konkreten Ideen, andere beginnen tatsächlich bei null. Ziel ist es, Produkte intelligenter zu machen, Daten lokal auszuwerten und neue Services zu ermöglichen.
Ein typisches Beispiel ist Predictive Maintenance: Sensoren erfassen Zustandsdaten, KI-Algorithmen analysieren diese direkt im Gerät und melden frühzeitig Abweichungen. Solche Ansätze sehen wir in der Industrieautomation, in der Medizintechnik, in der Robotik – und zunehmend auch im Automotive-Bereich.
Entscheidend ist: Die Rechenleistung wandert direkt in die Anwendung. Das reduziert Latenzen, spart Bandbreite und eröffnet neue Geschäftsmodelle. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Hardware, Software und Systemintegration erheblich.
Welche Konsequenzen hat das für die Distribution?
Die Abwicklung ist heute stärker digitalisiert und effizienter. Gleichzeitig wächst unsere beratende Rolle. KI-gestützte Systeme sind komplex, sie lassen sich nicht rein theoretisch bewerten. Themen wie thermisches Verhalten, EMV, funktionale Sicherheit oder Energieeffizienz müssen getestet werden.
Unsere größte Stärke ist dabei unser Know-how und unser Netzwerk. Wir verstehen uns ganz klar als Demand-Creation-Distributor mit starkem Consulting-Ansatz. Der Kunde kommt mit einer Idee oder einem Problem – und wir entwickeln gemeinsam eine Lösung. Mit zunehmender KI-Integration wird diese Rolle eher wichtiger als weniger.
Der Markt wird weiter wachsen, und wir wollen überproportional daran teilhaben.
Wie blicken Sie insgesamt auf die Zukunft der Distribution?
Sehr optimistisch. Die Distribution bleibt das Bindeglied zwischen Hersteller und Kunde. Hersteller konzentrieren sich auf Entwicklung und Fertigung, wir auf Beratung, Supply Chain und Kundennähe.
Der Markt wird weiter wachsen, und wir wollen überproportional daran teilhaben. Nicht jeder Hersteller kann oder will die notwendige Nähe zum Kunden selbst aufbauen. Deshalb bin ich überzeugt: Die Distribution sitzt auch künftig fest im Sattel.
Zum Abschluss noch ein Blick auf Start-ups. Avnet Silica engagiert sich mit Nachdruck in diesem Segment. Warum?
Start-ups sind für uns extrem wichtig. In Deutschland sind wir beispielsweise seit langer Zeit im BayStartUP-Netzwerk engagiert und unterstützen über Wettbewerbe und Partnerschaften junge Unternehmen. Der Austausch ist sehr inspirierend – Start-ups denken oft radikal anders und schneller.
Natürlich sind die Entwicklungszyklen länger als in etablierten Industrien, da häufiger Finanzierungsthemen eine Rolle spielen. Aber genau dort entstehen neue Ideen und Anwendungen. Für uns ist das ein zentraler Zugang zu Innovation – und wir haben in dieser Richtung auch in diesem Jahr noch einiges vor!