Interview mit Hermann Reiter, Digi-Key

»Das Modell der High-Service-Distribution steht erst am Anfang!«

17. April 2020, 9:12 Uhr | Karin Zühlke
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Hermann Reiter, Digi-Key: »Die Distribution ist nach wie vor im Wandel.«
© Digi-Key

Umsatz und Lagerbestand hat Digi-Key in den letzten fünf Jahren verdoppelt und ist auch 2020 sehr erfolgreich unterwegs: »Wir stehen unseren Kunden als verlässlicher Partner zur Seite, auch in schwierigen Zeiten«, unterstreicht Hermann Reiter, Director Supplier & New Market Development von Digi-Key.

Markt&Technik: Unter Ihrer Ägide hat Digi-Key in Deutschland und Europa den Umsatz vervielfacht. Die Messlatte hängt also hoch – wie wollen oder vielmehr können Sie das noch toppen?

Hermann Reiter: Wir sind ein Privatunternehmen, und der familiäre Unternehmergedanke steht im Vordergrund. Mit dieser Philosophie sind wir über Jahrzehnte gewachsen. Wir sind in unserer Ausrichtung und Strategie sehr beständig. Unser oberstes Ziel ist es, Produkte für unsere Kunden auf Lager verfügbar zu haben, um eine schnelle Lieferung zu gewährleisten. Der Lagerwert hat sich bei Digi-Key seit 2014 verdoppelt. Darüber hinaus möchten wir unsere Stellung als One-Stop Shop weiter ausbauen. Und dazu wird es in diesem Jahr einiges an Neuerungen geben.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie aufs Geschäft aus?

We are open! Dies ist besonders in schwierigen Zeiten wichtig, da wir systemrelevante Industrien beliefern und Hersteller unterstützen, die im medizinischen Sektor arbeiten. Daher gibt es für uns auch keine Einschränkungen in der Geschäftstätigkeit von behördlicher Seite. Darüber hinaus unterstützen wir Universitäten und entsprechende Einrichtungen zum einen mit unseren Produkten bei ihren Forschungsvorhaben, wie die University of Minnesota oder NGC Diagnostics. Aber wir stellen auch das Know-how unserer Applikationsingenieure zur Verfügung, um z.B. bei der Entwicklung von kostengünstigen und schnell verfügbaren Beatmungsgeräten einen Beitrag zu leisten.

Wie stabil – oder fragil – ist die Lieferkette derzeit?

Wir sehen einige Engpässe, aber wir arbeiten sehr eng mit den Herstellern zusammen, um sicherzustellen, dass die Kunden z.B. im Medizinsektor, wo die Produkte aktuell am dringendsten gebraucht werden, zur Verfügung zu stellen. Hierzu haben wir verschiedene Portfolios definiert, auch mit Herstellern gemeinsam; dazu zählen zum Beispiel Komponenten für die kontaktlose Temperaturmessung und verschiedenste Sensoren.

Viele Experten und Auguren sind der Ansicht, dass die Coronakrise die Digitalisierung beschleunigen wird. Wie schätzen Sie diese These ein?

Es ist sehr interessant zu sehen, dass bedingt durch die aktuelle Krise ein großer Wille herrscht, vieles zu digitalisieren. Covid-19 wird die Arbeitsweise revolutionieren. Wir sprechen seit Jahrzehnten über Remote-Arbeitsplätze, und wenig ist passiert. Jetzt plötzlich ist alles möglich. Viele Skeptiker werden jetzt möglicherweise ihre Ansichten überdenken, wenn sie merken, dass es eben doch funktionieren kann.
Ich glaube zudem, dass das Tun und Handeln der Industrie nach der Pandemie auf einer neuen Ebene stattfinden wird. Es werden Dinge im Marketing, der Logistik und Infrastruktur mit ganz anderen Augen gesehen und ganz anders angegangen werden und nicht nur Contingency Planning eine viel stärkere Relevanz geben. Kritisch ist, wenn Firmen jahrzehntelang ein Geschäftsmodell vollziehen, das jetzt so nicht oder nicht mehr stattfindet, etwa Messen, Events, Schulungen, Veranstaltungen. Hier stellt sich natürlich die Frage, wie solche Modelle dann in Zukunft aussehen können.

Sie haben eingangs vom One-Stop Shop gesprochen, der Digi-Key sein möchte. Das heißt aber, Digi-Key müsste das Portfolio vor allem in Richtung Elektromechanik und Industrial noch einmal verbreitern.

Unser Lagerbestand ist bereits ,,Meilenweit und metertief‘‘ – wie wir so schön sagen. Dieses Prinzip ist definitiv ein essenzieller Aspekt für die Online- und High-Service-Welt. Derzeit führen wir etwa 1100 Hersteller, in den nächsten Quartalen werden mehrere hundert Hersteller hinzukommen, um das Portfolio abzurunden. Ja, wir wollen der One-Stop Shop in der Elektronikindustrie sein und uns gleichzeitig weiter in Richtung Industrieautomation bewegen. Dafür konnten wir bereits einige namhafte Hersteller hinzugewinnen, wie Lapp Kabel, Sick, pepperl+fuchs und sogar Kuka Roboter kann man jetzt bei Digi-Key ab Lager kaufen.

Da stelle ich einen Trend fest: Industrieautomation scheint derzeit hoch im Kurs bei der Distribution. Was macht den Bereich so attraktiv?

Wir glauben, dass der Elektronikbereich sowie Industrieautomation und Infrastruktur einen gemeinsamen Nenner haben, insbesondere wenn wir die Marktfelder IoT und Industrie 4.0 betrachten. Der Trend geht zudem auch in der Elektronik immer mehr in Richtung fertige Produkte und Lösungen. Wir wollen die Kunden mit unserem Portfolio von der Elektronikindustrie und Automation bis in die IT-Plattform begleiten. Jeder will mit seinen Applikationen in die Cloud, und angesichts des Mangels an verfügbaren Hardware-Ingenieure ist es entscheidend, ein fertiges Modul bzw. Produkt anbieten zu können.

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