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Emotionen im Stadtverkehr

Das Wohlbefinden schwacher Verkehrsteilnehmer steigern

14. Oktober 2020, 14:35 Uhr   |  Irina Hübner

Das Wohlbefinden schwacher Verkehrsteilnehmer steigern
© Peter Zeile, KIT

Fahrrad-Stress: Mit dem »OpenBikeSensor« gemessene Situationen, in denen Radfahrer von Pkw mit einem Abstand von weniger als 1,5 m überholt worden sind.

Der urbane Verkehrsraum ist ein knappes, an seinen Schnittstellen oft umkämpftes Gut. Wie wohl Fußgänger und Radfahrer sich in brenzligen und weniger brenzligen Situationen fühlen, untersucht nun ein Projekt. Denn subjektiv empfundener Stress hat Einfluss auf die Wahl des Verkehrsmittels.

Ein kombinierter Geh- und Radweg, eine Bushaltestelle, an der Radfahrer vorbeiflitzen: Schnittstellen zwischen verschiedenen Mobilitätsformen gibt es viele – und nicht wenige sind gefahrenträchtig. Wie die Verkehrsräume unserer Städte angelegt werden können, damit man sich weniger in die Quere kommt, ist die Leitfrage des Verbundprojekts »Cape Reviso« (Cyclists And PEdestrians on REal and VIrtual Shared rOads), an dem das KIT, das Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart (HLRS) und der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) beteiligt sind.

»Neben Faktoren wie Kosten und Wegzeit hängt die Wahl des Verkehrsmittels davon ab, ob Mobilität als angenehm oder unangenehm empfunden wird«, sagt Dr. Peter Zeile, vom Institut für Entwerfen von Stadt und Landschaft (IESL) des KIT. »Großen Einfluss haben Konflikte entlang des Weges und subjektiv empfundener Stress, etwa bei den von keiner Statistik erfassten Beinahe-Zusammenstößen. Zur Förderung des Fuß- und Radverkehrs ist es wichtig, die Konflikte, die besonders schwache Verkehrsteilnehmer erleben, zu reduzieren.«

Das vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) mit Mitteln des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP) geförderte Projekt begegnet diesem Problem zunächst mit einer methodisch neuartigen Bestandsaufnahme: Mit Abstandssensoren ausgestattete Radfahrer identifizieren jene Stellen, an denen Autofahrer beim Überholen die vorgeschriebenen Sicherheitsdistanzen unterschreiten. An diesen Hotspots erfasst und analysiert sodann ein vom Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart (HLRS) entwickeltes, KI-gestütztes Kamerasystem das komplexe Verhalten der Verkehrsteilnehmer.

Der Faktor Emotion

Gefühle und Emotionen sind das Terrain von KIT-Forscher Peter Zeile. In der von ihm mit ins Leben gerufenen »Urban-Emotions-Initiative« ermitteln der Stadtplaner und sein Team, wie Fußgänger und Fahrradfahrer sich im alltäglichen Verkehrsgeschehen fühlen. Die Abstandsmessungen verknüpfen die Wissenschaftler mit Daten aus Stresssensoren und GPS-Trackern sowie aus Befragungen.

Ziel ist es, die zunächst ganz unterschiedlichen Erhebungen mittels einer App zu Visualisierungen mobilitätsbedingter Emotionen, sogenannten Heatmaps, zusammenzuführen. »Was Verkehrsplaner vernünftig finden«, so Zeile, »deckt sich nicht zwingend mit der Wahrnehmung einzelner Verkehrsteilnehmer oder bestimmter Gruppen von Verkehrsteilnehmern wie Kindern oder Senioren. In Cape Reviso verfolgen wir beide Perspektiven – und nehmen beide ernst.«

In einem zweiten Handlungsstrang des Projekts sollen die Befunde der Bestandsaufnahme in Anwendungen erweiterter und virtueller Realität überführt werden. In einer interaktiven virtuellen Umgebung (CAVE) des HLRS wollen die Forscher herausfinden, wie die zuvor identifizierten Reibungspunkte zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern entschärft werden können – etwa durch das Anlegen von geschützten Radfahrstreifen oder eine generelle Veränderung der Verkehrsführung. Als Referenzort dient hier die Stadt Herrenberg, die seit 2018 als virtuelles Modell vorliegt.

In seiner Schlussphase soll das Projekt ins reale Verkehrsgeschehen zurückschwenken. Dabei funktionieren die Projektpartner ausgewählte Areale in baden-württembergischen Städten zu »Living Labs« um, unter anderem in der Landeshauptstadt Stuttgart. Dort sollen die virtuell entwickelten Ideen für ein konfliktfreieres Miteinander vor Ort erprobt werden. Für das dreijährige Vorhaben wollen die Cape-Reviso-Akteure den Kommunen einen Instrumentenkoffer an die Hand geben, der mit einem Prototypensystem zur Verkehrserfassung, Softwarekomponenten für Verkehrssimulationen in der virtuellen Realität sowie mit einer Bürgerbeteiligungs-App bestückt ist und verkehrsplanerischen Entscheidungen der Zukunft eine neue Grundlage gibt.

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