Die digitale Abhängigkeit bleibt

Aktuelle europäische Strategien funktionieren nicht

31. März 2026, 10:34 Uhr | Heinz Arnold
Der Digital Dependence Index (DDI) des Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn wird mit Unterstützung des Vodafone Instituts deutlich erweitert und aktualisiert.
© Gregor Hübl/Uni Bonn

Europa erzielt derzeit ein starkes Wachstum im digitalen Handel – das ist super und Europa kann die Zeile für ihr »Digitales Jahrzehnt« zu erreichen? Nein! Denn der vermeintliche Handelsüberschuss ist in Wirklichkeit ein Handelsdefizit.

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Zwar hat die EU auf dem Papier einen digitalen Handelsüberschuss erzielt – aber nur aufgrund der unverhältnismäßig großen Präsenz von US-Technologiekonzernen in Irland, die dadurch einen kostengünstigen Zugang zu den europäischen Märkten erhalten. Dieser »Irland-Effekt« verzerrt die europäischen Handelsstatistiken und schränkt die digitale Autonomie ein. Ohne US-Unternehmen in Irland würde die Europäische Union ein enormes digitales Defizit aufweisen. 

Das Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn in Kooperation mit dem Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation, Vodafones europäischer Think Tank, haben das digitale Handelsdefizit Europas im Rahmen eines Policy Briefs jetzt genauer in den Blick genommen. Sie zeigen auf, wie versteckte Handelsabhängigkeiten von den USA und China die Wirksamkeit aktueller europäischer Strategien grundlegend in Frage stellen.

Das reale Defizit: 350 Mrd. Dollar

»Die Kosten dieses Defizits für Europa summieren sich zwischen 2022 und 2024 auf über 350 Milliarden US-Dollar, das entspricht annähernd 40 Prozent der geplanten Verteidigungsausgaben bis 2030«, sagt Junior-Prof. Dr. Maximilian Mayer, der das Vorhaben am CASSIS (Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies) koordiniert und Mitglied im Transdisziplinären Forschungsbereich »Individuals & Societies« der Universität Bonn ist.

Zwischen Skylla und Charybdis

Darüber hinaus hebt die Studie die übermäßige Abhängigkeit Europas von China im Handel mit digitalen Gütern hervor. Anhand dieses erheblichen Ungleichgewichtes und des »Irland-Effektes« werde deutlich, dass Europa zwischen den digitalen Giganten China und USA eingezwängt ist. Diese Realität stellt Europas wirtschaftliche Gewinne in Frage, erhöht seine geopolitische Verwundbarkeit und schränkt seine digitale Autonomie ein, so die Analyse.

Das Autorenteam empfiehlt der Europäischen Kommission deshalb, die europäische Fertigungsindustrie und Wettbewerbsfähigkeit weiter zu stärken, die Abhängigkeiten im Handel mit digitalen Gütern gegenüber China weiter zu verringern sowie eine politische Sprache zu verwenden, die die Autonomie und Souveränität als gemeinsame Ziele definiert und neue vielseitige Technologiepartnerschaften mit Partnern aus dem öffentlichen und privaten Sektor fördert.

»Die Analyse zeigt: Europas digitale Abhängigkeiten sind größer, als es die Statistik vermuten lässt«, sagt Michael Jungwirth, Director Public Policy & External Affairs Vodafone Deutschland und Public Policy Director Vodafone Group. »Wir brauchen jetzt eine kohärente Industrie‑ und Handelspolitik, die die digitale Resilienz wirklich stärkt – für ein wirtschaftlich und geopolitisch souveränes Europa.«

»Digital Dependence Index« neu aufbereitet

Wie gut das klappt, zeigt der Digital Dependence Index (DDI) des CASSIS der Universität Bonn. Die Kennzahl stellt dar, wie anfällig europäische Länder im weltweiten Vergleich tatsächlich sind. Zu den Indikatoren zählen unter anderem, wie sehr ein EU-Staat von elektronischen Komponenten oder Kommunikationsausrüstung aus dem Ausland abhängig ist. Auch bei Computer-Software, Betriebssystemen und Patenten wird dargestellt, wie sehr man am Tropf ausländischer Unternehmen hängt. »Basierend auf einer Vielzahl von Indikatoren veranschaulicht der DDI die Herausforderungen und die Potenziale, technologische Abhängigkeiten in einer global vernetzten und hochgradig arbeitsteiligen Wirtschaft zu reduzieren«, sagt der Juniorprofessor.

Bislang fokussierte sich der DDI auf die G20-Staaten. In einer Neuauflage soll er aktualisiert und auf mehr als 50 Länder weltweit erweitert werden. Dadurch ist eine weitaus bessere Abdeckung auch von vielen kleineren Ländern in Europa, Afrika und Asien gewährleistet. »Dies bringt viele Vorteile, da die Messung nicht nur geographisch umfassender ist, sondern wir auch globale und regionale Trends sowie Muster in Bezug auf digitale Kapazitäten, Verwundbarkeiten und Kosten sichtbar machen können«, fasst Mayer zusammen. Das Vodafone Institut unterstützt im Rahmen der einjährigen Kooperation auch die Aktualisierung und Erweiterung des DDI. Mit dem neuen Design der DDI-Webseite soll die Zugänglichkeit, die Übersichtlichkeit und die Analytik für die Nutzerinnen und Nutzer weiter gesteigert werden.
 


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