Innovationen – bei Displays und generell

Der Nutzen von Schwimmreifen aus Beton

4. April 2023, 6:00 Uhr | Harry Schubert
Klaus Wammes, Wammes & Partner: »Es geht längst nicht mehr darum, dass ein Projekt bestmöglich realisiert wird, sondern dass es innerhalb einer gesetzten Zeit und innerhalb eines vorgegebenen Budgets fertig wird.«
© Wammes & Partner

Wir wollten von Klaus Wammes, Vorstandsmitglied des Deutschen Flachdisplay-Forums und Geschäftsführer bei Wammes und Partner, wissen, wie er die aktuelle Entwicklung in der Display-Branche bewertet. Daraus wurde ein Interview über Innovationen, Zeitgeist und Wandel.

Markt&Technik: Herr Wammes, was meinen Sie, woran es in der deutschen Industrie aktuell am meisten mangelt?

Klaus Wammes: Am Know-how! Deutschland rühmte sich einst mit Made in Germany. Aktuell ist Deutschland auf dem besten Weg, sich kaputtzusparen. Ein schleichender Prozess, der mit der beliebten Begründung, um nicht zu sagen: Ausrede, begonnen hat, dass Produktion in Deutschland zu teuer ist. Wobei hier die jeweilige Definition von teuer beziehungsweise billig der springende Punkt ist! Nur ein Beispiel: Gas aus Russland. Das Ergebnis zeigte sich dann letztes Jahr an Weihnachten. In vielen produzierenden Betrieben hieß es: vorgezogener Urlaub statt Weihnachtsendspurt. Ich sage nicht, dass sich unser Mittelstand nicht auch verlängerte Weihnachtsferien verdient hätte. Ich meine aber umgekehrt, dass dieser Zustand alle roten Lichter in der Chefetage aufleuchten lassen sollte: Die fetten Jahre sind an vielen Stellen schlichtweg vorbei.

Wie konnte es so weit kommen?

Der allgemeine Trend geht seit Jahren Richtung Pareto-Prinzip: Mit 20 Prozent Einsatz können 80 Prozent Ergebnis realisieren werden. Für die letzten 20 Prozent benötigt es dafür aber weitere 80 Prozent Aufwand. Dafür reicht die Eigenmotivation allerdings nicht mehr aus. Die Bereitschaft, sich in Fachthemen einzuarbeiten, sie zu verstehen und den Aufwand dafür zu betreiben, wurde immer weniger.

Dadurch fehlt es an wirklich bahnbrechenden Leuchtturmprojekten. Dafür entwickelte sich das typische Produktgeschäft mit Systemintegratoren: Subsysteme Dritter wurden zugekauft, die Verantwortung und das Risiko werden dabei verkauft und am Ende werden die Subsysteme zu Eigenprodukten mit reduziertem Risiko kombiniert.

Es geht längst nicht mehr darum, dass ein Projekt bestmöglich realisiert wird, sondern dass es innerhalb einer gesetzten Zeit und innerhalb eines vorgegebenen Budgets fertig wird. Damit es dann als markttauglich eingestuft werden kann, wurden ausgeklügelte Qualitätssicherungssysteme eingeführt. Diese interessieren sich in Wirklichkeit aber nicht für Funktion, Anwendbarkeit, Sinnhaftigkeit oder Notwendigkeit. Das ist wie ein Schwimmreif aus Beton: mit allen formalen Qualitätszertifikaten, aber ohne die relevante Funktion.

Ergebnisse daraus sind dann beispielsweise Displays, die in der angedachten Anwendung beim Kunden nicht tun, was sie sollen. Nebenbei: Die Kosten, diese Displays dann zu ertüchtigen, sind um ein Vielfaches höher als der vorher durch den reduzierten Aufwand eingesparte Betrag.

Wie sieht es aktuell in der Display-Branche aus?

Seit ungefähr fünf Jahren hat sich nichts wirklich Bahnbrechendes getan. Detailentwicklungen gab es natürlich: LEDs wurden kleiner zu Micro-LED, OLED wurde mit Quantum-Dot-Portierung spezifischer und LCD wurde noch ein wenig aufgemotzt. Displays gibt es jetzt in Freiform und flexibel, wobei beide Begriffe mehr versprechen, als sie aktuell tatsächlich halten können. Wirklich neu ist das aber nicht.
Es fehlt der Mut und Antrieb, sich ein wenig weiter aus dem Fenster zu lehnen und über den Tellerrand des sicheren Einkommens hinaus zu denken. Corona zeigt mit mRNA übrigens, dass genau so etwas jedoch möglich ist, wenn der Druck nur groß genug wird. Auf der anderen Seite muss ich auch zugeben, dass auch in der Display-Branche ein paar Unternehmen verstanden haben, wie dünn es um das eigene Know-how geworden ist. Für sie ist es wieder sinnvoll, nicht nur auf reine Profit-Center, sondern auch auf vermeintliche Cost-Center zu setzen. Wir nannten das früher Grundlagen- und Vorentwicklung.

Wo sehen Sie dieses Umdenken?

Ich sag mal so: nicht überall, aber häufig. In der IT zum Beispiel gibt es Lichtblicke: Künstliche Intelligenzen wie ChatGPT oder andere, namentlich weniger bekannte Bots, die in der Prozessautomatisierung zum Einsatz kommen, halten Einzug in das Arbeitsleben und beweisen, dass auch kleinere Unternehmen und Mannschaften wirklich etwas bewegen können. Es kommt eben doch nicht nur auf budgetäre Ressourcen an. Klar, wenn das Budget groß genug ist, kann auch Geld verbrannt und Ergebnisse angepriesen werden, die noch nicht einmal in der Entwicklung sind und deren Nutzen für die Gesellschaft schlicht unbekannt ist – ich nenne nur das Stichwort Meta.

Was sollten Ingenieure und Unternehmen tun?

Das ist leider oft unser Problem: Wir reagieren nur, anstatt vorauszudenken. Dabei gilt: Was dann kommt, ist nicht wirklich überraschend – Stagnation, dann Rückgang wurden bereits vor zehn, 15 oder 20 Jahren in Gegenüberstellungen von Technologieprognosen und Wirtschaftsstudien vorausgesagt. Aber die konkrete Antwort auf Ihre Frage lautet: Von der inhaltlichen Neugier bis zur Grundlagenforschung – der Zeitgeist muss sich ändern; Verstand einschalten und Verantwortung übernehmen!

Wie sollte diese Änderung des Zeitgeistes konkret aussehen?

Wir müssen weg vom Phlegma und »das haben wir noch nie so gemacht«. Wir müssen weg von eingeübten Ansätzen, Strategien und Methoden, mit denen wir uns nur im Kreis bewegen. Sehen wir es mal so: Alle bisherigen Gründe, die wir anführen, warum etwas nicht funktioniert, beschreiben gleichzeitig auch neue Möglichkeiten.
Was also getan werden muss, ist wieder wirkliche und grundlegende Forschung, inhaltliche Neugier mit eingeschalteter Vernunft.

Bei Displays könnten echte 3D, Holografie und volumetrische Darstellungen hier der Anfang sein. Wirklich gesucht werden nicht noch ein wenig günstigere Flachbildschirme oder noch ein wenig höhere Auflösung. Gesucht werden Entwicklungen, die buchstäblich in die Tiefe gehen. Dadurch erreichen wir nicht nur eine völlig neue Qualität, sondern erschließen auch echte neue Anwendungsfelder. Und wir würden dabei den anstehenden PFAS-Bann dann auch für Displays in ein positives Momentum drehen können.

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