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Corona stellt Thermografie-Markt auf den Kopf

19. November 2020, 09:00 Uhr   |  Markus Haller

Corona stellt Thermografie-Markt auf den Kopf
© Image Point Fr | Shutterstock.com

Durch die Corona-Pandemie ist der Markt für professionelle thermografische Fiebermess-Systeme massiv gewachsen.

Die hohe Nachfrage für Fiebermessgeräte konnten die chinesischen Hersteller am schnellsten bedienen und haben die Marktführer aus den USA und Europa überholt. Nur eine Momentaufnahme?

Im Jahr 2019 wurden weltweit rund 373.000 thermografische Systeme in Form von Wärmebildkameras und IR-Thermometern ausgeliefert. Gemessen an den ausgelieferten Stückzahlen waren die größten Lieferanten die US-Unternehmen Flir Systems (40 %), Seek (16 %) und der französische Anbieter Lynred (25 %). Durch die Corona-Pandemie haben sich die Marktverhältnisse nun deutlich verschoben, berichtet das Marktforschungsunternehmen Yole Développement. Im Jahr 2020 gehören mit Guide IR, Hikvision und IRay drei chinesische Hersteller zu den Top-4-Lieferanten. Der Führungswechsel ist unerwartet, weil diese drei Hersteller 2019 noch eine eher untergeordnete Rolle spielten: Guide IR hatte damals nach Einschätzung von Yole Développement einen Weltmarktanteil von 9 % und wird 2020 auf 27 % kommen. Die größte prozentuale Steigerung verzeichnet Hikvision, das 2019 auf 1 % kam und 2020 auf 20 % Weltmarktanteil kommen wird. Eine ganz ähnliche Ausgangslage hatte Marktbegleiter IRay, auf den 2019 ebenfalls 1 % Weltmarktanteil entfiel und 2020 auf prognostizierte 14 % klettern wird. Durchbrechen kann diese chinesische Phalanx im Jahr 2020 nur noch Flir Systems, das mit 19 % Anteil an den weltweit ausgelieferten thermografischen Systemen allerdings deutlich einbricht.

Einordnung der Zahlen

Wie konnte es zu einer so gravierenden Umschichtung zu Lasten der etablierten Marktführer kommen? Zunächst muss festgehalten werden, dass die Zahlen für 2020 einem verzerrten Markt entnommen sind. Die Anzahl der ausgelieferten Systeme ist innerhalb eines Jahres auf 1,59 Millionen angewachsen und hat sich damit um den Faktor 4,3 erhöht.

Entwicklung des Thermografie-Marktes nach Herstellern: Links 2019, rechts 2020. Im Jahr 2019 wurden insgesamt 373.000 Systeme ausgeliefert, im Jahr 2020 werden es laut Prognose 1,59 Millionen Systeme sein.
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Bild 1: Entwicklung des Thermografie-Marktes nach Herstellern: Links 2019, rechts 2020. Im Jahr 2019 wurden insgesamt 373.000 Systeme ausgeliefert, im Jahr 2020 werden es laut Prognose 1,59 Millionen Systeme sein.

Das bedeutet für Flir Systems, dass auch mit nur noch 19 % Marktanteil doppelt so viele Systeme wie im Vorjahr ausgeliefert wurden. Der europäische Vertreter Lynred, der von 25 % auf 8 % Marktanteil gefallen ist, hat ebenfalls rund 35.000 Systeme mehr ausgeliefert als noch 2019. Auffällig ist aber, dass Kunden ihren abrupt gestiegenen Bedarf bevorzugt von chinesischen Anbietern decken ließen.

Sind chinesische Hersteller agiler?

Yole Développements Leiter der Marktforschungsabteilung, Eric Mounier, geht davon aus, dass die Ursache nicht darin liegt, dass chinesische Hersteller ihre Produktion schneller aufstocken können oder dafür im großen Maßstab Staatshilfen erhalten hätten: »Generell sind die Produktionslinien für Wärmebildsensoren nicht so stark ausgelastet wie andere IC-Produktionslinien, die bei rund 90 % der Auslastungsgrenze arbeiten«. Daher sei für Hersteller generell kein hohes Investment für die Aufstockung der Produktion durch neue Fertigungslinien nötig, sondern lediglich ein Hochfahren der Bestandsanlagen. Wahrscheinlicher sei es laut Mounier, dass es in einzelnen Fällen staatliche Unterstützung für diese Ramp-up-Phase gab.

Die Ursache für die starke Marktverschiebung sieht Yole Développement darin, dass der Bedarf für Thermografie-Systeme zur Fiebermessung durch den frühen Corona-Ausbruch zuerst in China entstand. Dort setzt man gerne auf heimische Lieferanten. Als die Krankheit sich auf die westlichen Länder ausbreitete, hätten sich die amerikanischen und europäischen Länder gegen einen schnellen und flächendeckenden Einsatz von Fiebermess-Systemen entschieden, vor allem aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes. Die Folge ist neben einem deutlich gewachsenen Markt eine massive Verschiebung der Marktanteile.

Auswirkung der Corona-Pandemie

Thermografie-Markt nach EBT/EST und traditionellen Systemen im zeitlichen Verlauf: Die hohe Nachfrage für Fiebermess-Systeme 2020 sehen Analysten als absolute Ausnahme, die aber ein gewisses Wachstum in Zukunft generiert.
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Bild 2. Thermografie-Markt nach EBT/EST und traditionellen Systemen im zeitlichen Verlauf: Die hohe Nachfrage für Fiebermess-Systeme 2020 sehen Analysten als absolute Ausnahme, die aber ein gewisses Wachstum in Zukunft generiert.

Die hohe Nachfrage ist durch die Corona-Pandemie entstanden und betrifft vor allem Fiebermess-Systeme. Sie werden im englischsprachigen Raum auch als EBT/EST-Markt bezeichnet (Elevated Body Temperature, EBT und Elevated Surface Temperature, EST). Im Bericht »Thermal Imagers and Detectors 2020« gehen die Autoren davon aus, dass die hohe Nachfrage in diesem Jahr eine absolute Ausnahme darstellt und sich spätestens ab 2022 wieder auf einem normalen Niveau befindet (siehe Bild 2). Eine leicht erhöhte Nachfrage für EBT/EST-Systeme als Folge der Pandemie halten die Autoren für wahrscheinlich.

Generell wird die Corona-Pandemie als Schub für die Thermografie angesehen, da es vor allem in China viel Produktionskapazität gebe und die dortigen Unternehmen durch die aktuell noch hohe Nachfrage zum Aufbau von neuen Produktionskapazitäten ermuntert werden. Laut Prognose wird der gesamte Thermografie-Markt, der neben den Fiebermess-Systemen auch industrielle Wärmebild-Systeme umfasst, bis 2025 um jährlich 8 % wachsen und ein Volumen von 7,5 Mrd. US-Dollar erreichen.

Marktverschiebung keine Momentaufnahme

Auch wenn die Marktzahlen durch die Corona-Pandemie verzerrt sind und die chinesischen Hersteller in ähnlicher Weise von dem erwarteten Rücklauf der Nachfrage betroffen sein werden, wie sie auch von dem Anstieg profitiert haben, halten die Yole-Analysten eine dauerhafte Verschiebung des Thermografiemarktes in Richtung China für denkbar. Ein Grund dafür sei, dass die dortigen Hersteller zu den europäischen un den US-Unternehmen technisch ebenbürtig seien. Das legt auch ein Bericht der Beratungsfirma System Plus Consulting nahe. In einem Reverse-Engineering-Projekt wurde ein 17 mm-Mikrobolometer-Modul (GSTI 17W) von Guide Infrared untersucht und stellte sich als »direkter Konkurrent zum Lepton-3-Modul von Flir und dem Smartphone-Aufsatzmodul von Seek« heraus. Assembliert wird das Mikrobolometer-Modul vom chinesischen Fertigungsdienstleister O-Film, der laut Plus Consultings Projektmanager Sylvain Hallerau aktueller Weltmarktführer in der Assemblierung von Kameramodulen ist.

Mit 120 x 90 Pixeln und einem Einbauvolumen von 680 mm³ wurde das Mikrobolometer-Modul für den Konsumelektronik-Markt ausgelegt. In erster Linie soll es in Smartphones integriert werden, für Anwendungen mit geringer Auflösung. Vom Bereich Konsumelektronik erwarten die Yole-Analysten, dass er in Zukunft verstärkt durch chinesische Hersteller bedient wird, die sich durch Entwicklungen wie das Mikrobolometer GSTI 17W diesen Markt technisch bedienen können. Außerdem sind die chinesischen Hersteller nach Einschätzung der Analysten intensiv auf der Suche nach neuen Wachstumsmärkten, um ihre hochgefahrenen und eventuell auch erweiterten Produktionskapazitäten auch weiterhin voll auszuschöpfen.

Zur Analyse des globalen Thermografie-Marktes mit Schwerpunkt Fiebermess-Systeme wird am 8. Dezember in einem Web-Seminar näher vorgestellt, indem auch auf ein weiteres Reverse-Engineering-Projekt eingegangen wird – Interessenten können sich hier registrieren. Die Marktanalyse »Thermal Imagers and Detectros 2020« umfasst rund 200 Seiten und wird von Yole Développement zu einem Preis von 6490 Euro angeboten.

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