Forum Medizintechnik Die Halbleitertechnik hat die zelluläre Schnittstelle erreicht

Während die einen an der Implantierbarkeit von Halbleiterlösungen in menschliches Gewebe arbeiten, ist die Realität der Gegenwart vor allem von Zertifizierungsvorschriften geprägt, wenn es um die Umsetzung neuester Technologie im Medizintechnikbereich geht.

Große Erwartungen knüpfen sich in dieser Lage an Kapital- und R&D-starke Neueinsteiger, wie etwa amerikanische Tech-Konzerne. Feel-Good-Produkte wie Fitness-Armbänder und Smart Watches stellen da erst den Anfang eines möglichen Wandels dar.

Bei seriöser Betrachtung, so Prof. Dr. Bernhard Wolf, Technische Universität München und Leiter des Steinbeis-Transferzentrums Medizinische Elektronik und Lab-on-Chip-Systeme, ist sich die Wissenschaft heute einig darüber, dass die mögliche Lebensspanne des Menschen mit technischer Unterstützung wohl bei 150 Jahren liegt. Bislang erreichten die ältesten Menschen ein dokumentiertes Lebensalter von etwa 120 Jahren. Aktuell sieht die Realität aber eher so aus, dass ein Krankenhausaufenthalt mit Mitte 80 dazu führen kann, dass man dieses nicht mehr lebend verlässt. Es ist also noch viel Luft nach oben. Entscheidend zur Verbesserung der Lebensqualität und zur Verlängerung der Lebensdauer beitragen soll die Medizinelektronik. Große Hoffnungen ruhen dabei insbesondere auf der Mikroelektronik.

Seit den 1990er-Jahren wurde aus dem Kreis der Forschung immer wieder darauf hingewiesen, dass Mikroelektronik einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung der medizinischen Behandlung leisten könne, und dass der Einsatz der Mikroelektronik und ihrer Skalierungsmöglichkeiten sich auch dämpfend auf die Kostenentwicklung im Medizinwesen auswirken würde. Argumentiert wurde dabei vor allem mit einem dezentraleren Betreuungs- und Behandlungsansatz, der zum einen effizienter und zugleich kostengünstiger, da weniger auf großmedizinische Lösungen gestützt sei. »Im Hinblick darauf, dass es kostengünstiger sei, haben wir uns damals geirrt«, gibt Prof. Wolf zu. »In Wirklichkeit trägt sie zu einer Kostensteigerung bei, aber ihr Einsatz führt eben auch zu einer Verbesserung der medizinischen Versorgung für alle.«

Dass es so lange gedauert hat, hängt für Prof. Wolf damit zusammen, dass sich speziell die Halbleiterbranche lange geweigert hat, in harte medizinische Projekte einzusteigen. Möglicherweise haben dazu die Ereignisse aus der Spätphase der Dotcom-Ära beigetragen, als unter anderem Infineon Technologies, NXP und andere Halbleiterhersteller in Form ihrer Lab-on-Chip-Aktivitäten sehr engagiert in den Medizinelektronikmarkt einsteigen wollten. Letztlich erwiesen sich dann aber die wirtschaftlichen Erfolge etwa im Automotive-Bereich als skalierbarer und zuverlässiger. Was Unternehmenslenker wie Dr. Ulrich Schumacher darüber hinaus damals vielleicht nicht ganz auf dem Schirm hatten, war die Tatsache, dass der Medizinmarkt ein sehr regulierter Markt ist, mit klinischen Langzeittest, und die Hoppla-hier-kommen-wir-Attitüde der Halbleiterbranche vielleicht nicht die beste Strategie war, in einen Markt einzusteigen, in dem etablierte Player durch den Einstieg der Halbleiterbranche nur verlieren konnten, doch dazu später.

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