Wie Halbleiterfirmen durch die Krise steuern können

15. April 2009, 15:46 Uhr | Corinne Schindlbeck, Markt&Technik

Die Unternehmensberatung Oliver Wyman hat in einer neuen Studie analysiert, mit welchen Maßnahmen sich Halbleiterfirmen nicht nur durch die Krise retten, sondern sogar gestärkt aus ihr hervortreten können. »Die entscheidenden Hebel sind Wachstum, Kosten, Finanzierung sowie Transparenz und Kontrolle«, so Dr. Lutz Jäde, Partner von Oliver Wyman.

Markt&Technik: Die Finanzkrise trifft die gebeutelte Speicher-Branche erneut mit voller Wucht. Aber auch der Bereich Electronics Automotive ist massiv eingebrochen. Welche strukturellen Hausaufgaben warten auf die Unternehmen?

Dr. Lutz Jäde: Dazu gehört vor allem eine kritische Prüfung der bedienten Marktsegmente – OEM-Kunden, Regionen – und der Produktangebote im Hinblick auf Wachstumspotenzial, Marge und die eigene Wettbewerbsposition. Wer als Automobilzulieferer nicht unter den Top-3-Lieferanten für ein Produkt ist, macht in der Regel keine ausreichende Marge mehr.

Sie raten unter anderem dazu, den Vertrieb zu intensivieren und neue Kundenbereiche zu erschließen. Können Sie das konkretisieren? Beispiel Automotive: Wo liegen die neuen Kundenbereiche?

Neue Kundenbereiche können zum Beispiel Hersteller in Wachstumsmärkten wie China, Russland und Indien sein, die zunehmend höhere Ansprüche an Elektronikkomponenten stellen. So wird zum Beispiel das Low-Cost-Auto »Tata Nano« in Indien mit Komponenten von Bosch beliefert. Ein weiterer Bereich sind neue Produkte für bestehende Applikationen. Zum Beispiel LEDs als Substitution für klassische Leuchtmittel im Automobil, die in den nächsten Jahren deutlich zweistellige Wachstumsraten haben werden – trotz Volumenrückgang bei der Fahrzeugproduktion.

Nur Unternehmen mit guter Bonität haben Aussicht auf bezahlbare Kredite. Wie steht die Halbleiterindustrie diesbezüglich da? Wie kann sie ihre Bonität verbessern?

Die Bonität der Halbleiterunternehmen hat sich klar verschlechtert. Seit dem Erfolgsjahr 2004, in dem viele Hersteller operative Margen von mehr als 20 Prozent realisiert haben, ist die Profitabilität im Schnitt um 40 Prozent eingebrochen. Gerade große und stark diversifizierte Unternehmen wie Infineon, NXP oder Freescale haben sogar unter Verlusten zu leiden – häufig bei hohen Schulden und knapper Liquidität. Eine Verbesserung der Bonität ist nur durch eine tiefgreifende Restrukturierung zu erreichen. Dazu gehören eine Fokussierung auf ausgewählte Aktivitäten, eine Auslagerung von Standardtechnologien (zum Beispiel CMOS) an Foundries und eine Komplexitätsreduktion in der Organisation.

Zudem ist in den meisten Fällen eine finanzielle Restrukturierung oder Refinanzierung notwendig – keine leichte Aufgabe bei der aktuellen Kreditklemme. Eine gute Bonität ist erreicht, wenn Unternehmen ein klares Geschäftsmodell haben und damit nachhaltig EBIT-Margen von mehr als 10 Prozent sowie einen freien Cashflow von mehr als 5 Prozent vom Umsatz realisieren können.

Die niedrigen Unternehmensbewertungen sind derzeit günstig für Übernahmen. Wo sehen Sie in den einzelnen Halbleitersparten Zusammenschlüsse?

Unsere aktuelle Studie hat gezeigt, dass Fokussierung eindeutig der wichtigste Erfolgsfaktor in der Halbleiterindustrie ist. Daher sehen wir zwei »Schnittmuster« von Übernahmen: Bereits stark fokussierte Unternehmen verstärken sich durch Akquisitionen mit gleichem Markt- oder Produktfokus. Die Konsolidierung der Speicherhersteller oder der Foundries in Asien ist ein Beispiel dafür. Diversifizierte Unternehmen »tauschen« Geschäftseinheiten oder legen diese in Joint Ventures zusammen, um so die Fokussierung zu erhöhen. Das JV für Wireless Communication zwischen NXP und STM ist ein solcher Fall. Weitere Felder für ähnliche Umstrukturierungen wären zum Beispiel das Automotive-Geschäft von Freescale und Infineon oder das Chipkarten-Geschäft von Infineon, STM und NXP.

Wer wird nach Ihrer Einschätzung von der Krise profitieren?

Profitieren werden die Unternehmen, die bereits vor der Krise mit einem fokussierten Geschäftsmodell hohe Cashflows generiert haben. Sie können jetzt stärker in Technologien und Produktentwicklung investieren. Ein Beispiel: Im Schnitt investieren »Fabless«-Unternehmen wie Mediatek oder Qualcomm fast doppelt so viel in Research & Development für die Produktentwicklung wie diversifizierte IDMs. Und sie realisieren dennoch – oder gerade deshalb – weit bessere Margen. Diese Schere geht in Zeiten der Krise natürlich noch weiter auf. Leider stehen gerade die europäischen Unternehmen wie Infineon, STM und NXP besonders unter Druck. Eine konzertierte Aktion wäre hier wünschenswert.


  1. Wie Halbleiterfirmen durch die Krise steuern können
  2. Wie Halbleiterfirmen durch die Krise steuern können