Die Unsicherheit am Arbeitsmarkt kommt inzwischen auch an den Hochschulen an. Über die Hälfte der Hochschüler fürchten laut einer Befragung Schwierigkeiten beim Berufseinstieg - während Experten langfristig gute Perspektiven für Ingenieure betonen.
Die Unsicherheit am Arbeitsmarkt kommt inzwischen auch an den Hochschulen an. Mehr als die Hälfte der Studierenden in Deutschland befürchtet, nach dem Abschluss keinen passenden Job zu finden. Das geht aus einer aktuellen Befragung der Hochschul-App UniNow unter Studierenden deutscher Hochschulen hervor.
Demnach bewerten 56 Prozent ihre Sorge vor einem schwierigen Berufseinstieg als „sehr groß“ oder „eher groß“. Nur zwölf Prozent der Befragten geben an, keine Angst vor der Jobsuche nach dem Studium zu haben.
Die Ergebnisse dürfen als Reaktion auf die aktuelle wirtschaftliche Lage gewertet werden. Seit mehr als zwei Jahren schwächelt die deutsche Industrie. Unternehmen bauen Stellen ab oder besetzen frei werdende Positionen nicht mehr nach. Erst kürzlich zeigte eine Studie der Bertelsmann Stiftung, dass die Zahl der Industriebeschäftigten 2025 auf 6,6 Millionen und damit auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren gefallen ist.
Bei ihren Karrierevorstellungen scheint die junge Generation im Zwiespalt. Einerseits zeigen sich viele Studierende offen für Veränderungen. 29 Prozent möchten im Laufe ihres Berufslebens unterschiedliche Rollen und Branchen ausprobieren. Weitere 20 Prozent planen, regelmäßig den Arbeitgeber zu wechseln.
Andererseits wächst offenbar der Wunsch nach Stabilität. Für 33 Prozent der Befragten ist der attraktivste Karriereweg weiterhin der klassische Aufstieg innerhalb eines Unternehmens. Damit bevorzugt die größte Gruppe ein langfristiges Beschäftigungsverhältnis mit klaren Entwicklungsperspektiven. Weitere 18 Prozent möchten laut Befragung möglichst unabhängig und flexibel arbeiten.
Für Dr. Wolfgang Achilles, Geschäftsführer der Jobbörse Jobware, spiegeln die Ergebnisse die derzeitige Orientierungslosigkeit vieler Nachwuchskräfte wider. Gleichzeitig verweist er auf die langfristigen Perspektiven am Arbeitsmarkt. Aufgrund des demografischen Wandels werde die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland in den kommenden Jahren deutlich zurückgehen.
Tatsächlich zeigen zahlreiche Arbeitsmarktindikatoren derzeit ein widersprüchliches Bild. Einerseits berichten Unternehmen von Stellenabbau, Investitionszurückhaltung und einem schwierigeren Berufseinstieg als noch vor wenigen Jahren. Andererseits sinkt gleichzeitig die Zahl der Nachwuchskräfte. Nach Angaben des VDE sind die Erstsemesterzahlen in der Elektro- und Informationstechnik zwischen 2013 und 2023 sowohl an Universitäten als auch an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften um rund ein Drittel zurückgegangen.
E-Techniker werden aber gebraucht, sobald die Wirtschaft wieder anzieht. „Dann knallt es“, prognostiziert VDE-Arbeitsmarktexperte Michael Schanz mit Blick auf den Ingenieurarbeitsmarkt. Hintergrund ist die demografische Entwicklung: In den kommenden Jahren werden deutlich mehr Ingenieure in den Ruhestand gehen, als durch Hochschulabsolventen nachrücken.
Auch Personalberater beobachten derzeit weniger einen strukturellen Nachfrageeinbruch als vielmehr eine vorübergehende Zurückhaltung bei Neueinstellungen. Arbeitsmarktexperte und Personalberater Christian Pape sprach zuletzt von einer ausgeprägten Verunsicherung vieler Beschäftigter und Unternehmen, die sich in einer ungewöhnlich niedrigen Wechselbereitschaft bemerkbar macht.
Für MINT-Absolventen, insbesondere Elektroingenieure, ergibt sich daraus ein differenziertes Bild. Der Berufseinstieg dürfte kurzfristig anspruchsvoller geworden sein als während der Boomjahre. Langfristig sprechen demografischer Wandel, Elektrifizierung, Energiewende, Halbleiterindustrie, Automatisierung und der Ausbau der Verteidigungsindustrie jedoch weiterhin für einen hohen Bedarf an technischen Fachkräften.
Die Umfrage wurde über die Hochschul-App UniNow durchgeführt, die nach eigenen Angaben von rund 850.000 Studierenden genutzt wird. An der Befragung zum Thema Berufseinstieg nahmen 779 Studierende teil.