Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln

Elektroingenieurslücke trotz Rezession: 14.733

13. Mai 2009, 9:57 Uhr | Corinne Schindlbeck

Eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln beziffert die Zahl der fehlenden Elektroingenieure bundesweit auf 14.733. Die Zahl arbeitslos gemeldeter Elektroingenieure ist nur minimal gestiegen, die Unternehmen halten sich mit Kurzarbeit über Wasser.

Verbände warnen eindringlich vor Kurzschlusshandlungen: Die demographische Entwicklung verschärfe den Ingenieurengpass, erst recht, wenn die Konjunktur wieder anziehe.

Zur Hannover-Messe haben gleich beide großen Industrieverbände VDE und VDI dringende Appelle an Wirtschaft und Politik gerichtet: Es ist zwar Wirtschaftskrise, aber das Problem des Fachkräftemangels ist dadurch nicht beseitigt! Die Industrievertreter warnen vor vermeintlich schnellen Lösungen durch Arbeitsplatzabbau: Alle mühselige Image-Aufbauarbeit könnte mit einem Schlag zunichte gemacht sein, geriete ein Arbeitgeber durch hässliche Entlassungen in die Schlagzeilen.

Dass es soweit noch nicht gekommen ist, dafür sorgt die flächendeckend angemeldete Kurzarbeit. Noch puffert man damit die gesunkene Auftragslage ab, mancherorts sogar so weit, dass »wir kaum fertig werden mit unseren Bestellungen«, wie ein Geschäftsführer hinter vorgehaltener Hand berichtet. »Aber unsere Konkurrenten machen auch Kurzarbeit, da wollte ich nicht als einziger Volllast fahren.«

Die ersten setzen schon wieder aus: Schweizer Electronic etwa geht im Mai zunächst für einen Monat wieder zur vollen Arbeitszeit zurück, weil sich die Auftragslage gebessert hat. Seit November praktizierte die Firma unternehmensweit Kurzarbeit. Egal, ob und wie lange die wirtschaftliche Talfahrt noch andauert: Die demographische Entwicklung und der damit einhergehende Strukturwandel der Gesellschaft schreitet ebenfalls ungebremst voran.

»Nach OECD- und VDE-Studien kann Deutschland kaum den Ersatzbedarf an Ingenieuren decken. Und wenn die Konjunktur wieder anspringt, wird der konjunkturabhängige Zusatzbedarf wieder nach oben schnellen«, warnt VDE-Präsident Joachim Schneider. Selbst in der aktuellen Schwächephase bleibe der Ersatzbedarf für in Rente gehende Ingenieure konstant.

Konjunkturelle Tiefs führen zu »antizyklischem Verhalten«

Die Vergangenheit habe außerdem gezeigt, dass die »klassischen Mittel« für konjunkturelle Tiefs, also Einstellungsstopps, Kündigungen und das Streichen von Nachwuchsfördermaßnahmen, stets zu »antizyklischem Verhalten« geführt hat: Die Studenten haben sich anderen Studienfächern zugewandt.

So lag zum Beispiel die Zahl der Absolventen in Elektrotechnik im Konjunkturhoch des Jahres 2000 auf einem »historischen Tiefpunkt«, wie der VDE mahnend erinnert und mit erhobenem Zeigefinger nachschiebt: »Rationalisierungsmaßnahmen, die kurzfristig aus betriebswirtschaftlicher Sicht notwendig erscheinen, erwiesen sich in der Vergangenheit für die Branche als eine der Ursachen des Fachkräftemangels!«

Zumal das Image des Ingenieurberufs gerade erfreulich gestiegen ist: laut einer VDE-Umfrage auf Platz 3 der Berufe, hinter Ärzten und Naturwissenschaftlern. 2005 hat es noch nicht fürs Treppchen gereicht. Dieses Imagehoch ist auch bitter nötig. Denn es langt hinten und vorne nicht. Einer neuen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zufolge lag die Zahl der gesuchten Ingenieure 2008 bei 64.000. Knapp die Hälfte davon betraf Fachkräfte aus dem Maschinen- und Fahrzeugbau.

Die Lücke an Elektroingenieuren liegt bundesweit bei 14.733. VDI-Direktor Dr. Willi Fuchs sprach am ersten Tag der Hannover-Messe von »einem immer noch stabilen Arbeitsmarkt für technisch Hochqualifizierte, der bis heute der Finanzkrise standhält«. Freilich mit Abstrichen: Der Bedarf sei im Monat März auf 44.000 gesunken. Dennoch habe der Mangel an diesen Fachkräften die deutsche Volkswirtschaft im letzten Jahr laut Fuchs erneut 6,6 Milliarden Euro gekostet.

Zwei Drittel wollen die Ingenieurbeschäftigung konstant halten

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat im Februar dieses Jahres 3900 Unternehmen befragt. Sie erwarten trotz aktueller Wirtschaftskrise in den kommenden fünf Jahren eine stabile Ingenieurbeschäftigung. Nur jedes 14. Unternehmen plant laut Studie, Ingenieurstellen abzubauen. Zwei Drittel wollen die Ingenieurbeschäftigung konstant halten, und sogar jedes vierte Unternehmen beabsichtigt aufzustocken. »Das ist die einzig richtige Strategie«, lobt Fuchs. »Denn nach dieser Krise kommt garantiert der nächste Aufschwung. Und wer dann die Auftragseingänge auf Grund fehlender Spezialisten nicht bedient, wird der Konkurrenz nicht standhalten können und deutliche Wettbewerbsnachteile haben.«

Tatsächlich war die Stimmung unter den Automatisierern auf der HMI verhalten optimistisch. Um die Krise abzufedern, wird vor allem auf das Instrument Kurzarbeit gesetzt. Wenn laut über Entlas-sungen nachgedacht wird, dann am ehesten in den Bereichen Produktion und Fertigung, selten nur in Entwicklung und Vertrieb. Die Warnungen der Verbände stoßen offenbar bei den Unternehmen offene Türen ein. »Würden wir hier abbauen, sägen wir am eigenen Ast«, so der Tenor der Gespräche auf der HMI. Denn bei anspringender Konjunktur wird wieder jedes Talent benötigt werden.

Im derzeitigen Konjunkturtal drohen die Fakten jedoch unterzugehen: Jedes fünfte Unternehmen muss in den kommenden fünf Jahren Ingenieure ersetzen, die altersbedingt aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Die Besetzung neuer Ingenieursstellen droht zu scheitern, denn die Zahl der Absolventen werde bestenfalls reichen, um den entstehenden Ersatzbedarf zu decken, so der VDI – ein Problem, das erstaunlich viele Unternehmen nicht wahrhaben wollen. Die VDI/IW-Studie zeigt, dass 75 Prozent der Unternehmen diesen Effekt bisher gering einschätzen.

»Insbesondere kleinere Unternehmen müssen stärker für die demografische Herausforderung sensibilisiert werden«, mahnt daher Dr. Hans-Peter Klös, Geschäftsführer des IW Köln. Erfreulich sei hingegen, dass ältere Ingenieure schon heute ein wichtiges Beschäftigungspotenzial darstellen. »Bereits jedes fünfte Unternehmen hat in den letzten fünf Jahren gezielt ältere Ingenieure eingestellt«, sagte Klös. »Die Arbeitslosigkeit älterer Ingenieure ist zwischen den Jahren 1999 und 2008 von 42.400 auf 8.900 gesunken. « Darüber hinaus greifen knapp 20 Prozent der Unternehmen auf die Expertise von Rentnern zurück.

 


  1. Elektroingenieurslücke trotz Rezession: 14.733
  2. Fachkräfte halten bei betriebsbedingter Kündigung