Interview mit Dirk Finstel, Seco

»Wir wollen in den nächsten fünf Jahren in den Top 3 sein«

29. November 2022, 9:30 Uhr | Tobias Schlichtmeier
Finstel Dirk
Dirk Finstel im Gespräch mit Markt&Technik-Redakteur Tobias Schlichtmeier.
© Steven Kluge/Seco

2021 hat die italienische Seco die deutsche Garz&Fricke-Gruppe übernommen. Entstanden ist ein großes, europäisch geführtes globales Embedded-Unternehmen, das nicht nur mit einem großen Produktportfolio aufwartet. Dirk Finstel an der Spitze von Seco Northern Europe hat große Pläne mit dem Konzern.

Markt&Technik: Herr Finstel, die Lieferkettenproblematik reißt nicht ab. Wie reagieren Sie auf die Situation bei Seco?

Dirk Finstel: Ich spreche sehr oft und ausführlich mit Herstellern, um für Seco und seine Kunden die Allokationen zu sichern; nur so können wir weiter produzieren. Auch wenn wir erste Zeichen der Entspannung sehen, ist nicht abzusehen, dass sich die Situation in den nächsten Monaten ändert. Im Vergleich zum letzten Halbjahr haben wir unsere Lagerkapazitäten um 50 Prozent erhöht – das betrifft Halbleiter, Displays, Mechanik sowie passive Bauelemente.

Ist es möglich, auf europäische Lieferanten auszuweichen?

Als europäisches Unternehmen legen wir viel Wert darauf, die lokale Industrie zu unterstützen. Ich halte eine Refokussierung auf Europa für sinnvoll. Die lokalen Lieferketten sind jedoch ebenfalls von Asien oder den USA abhängig, allerdings nicht alle gleichermaßen. Bei Klebstoffen oder Spezialglas arbeiten wir beispielsweise bereits mit deutschen Lieferanten zusammen – das funktioniert sehr gut. Eine neue Herausforderung sind die steigenden Energiekosten, auch wenn unsere Produktion nicht energieintensiv ist. Gleichzeitig spielen die extrem angestiegenen Transport- und Lieferkosten eine signifikante Rolle. Insgesamt bleibt es für die nächsten 18 bis 24 Monate weiter sehr herausfordernd.

Glauben Sie, dass der EU Chips Act Verbesserungen mit sich bringt?

Ja, auf jeden Fall. Realistisch betrachtet dauert es jedoch noch eine ganze Dekade, bis eine entsprechende Infrastruktur entstanden ist. Im deutschen Silicon Saxony kann man derzeit eine Unternehmensgründung nach der anderen beobachten. Vom Produktdesign bis zur Markteinführung ist es jedoch ein langer Weg. Im x86-Bereich sind nach wie vor die USA sehr stark, auf der Arm-Seite gibt es bereits ein paar mehr Player im europäischen Markt. Allerdings bisher noch nicht mit durchschlagendem Erfolg. Klar ist aber, die Abhängigkeit von asiatischen, speziell chinesischen Produkten wird langfristig sehr stark zurückgehen.

Seco ist gerade dabei, sich neu zu positionieren. Sind die Themen gerade in solch einem Stadium besonders herausfordernd?

Tatsächlich kommt uns das in dieser Phase zugute: weil wir noch so agil und flexibel sind. Außerdem ist für uns von Vorteil, dass wir noch sehr auf Europa fokussiert sind und kaum Strukturen in Asien bedienen müssen. Den amerikanischen Markt bauen wir weiter aus, auch hier können wir auf die kommenden Herausforderungen noch sehr gut reagieren. Letztendlich sind für uns Europa und Amerika interessant, denn dort können wir am stärksten wachsen. Aus dem Grund stärken wir die europäische Vertriebsorganisation, mit eigenen Büros in den jeweiligen Ländern – in den USA passiert das Gleiche. Japan, Südkorea und Australien sind weitere Zielmärkte, in die wir investieren werden. Das sollte uns in den nächsten fünf bis sieben Jahren ein solides und starkes Wachstum ermöglichen.

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Die Produktionsstraße von Seco in Hamburg. Hier entsteht im nächsten Jahr eine weitere SMD-Linie für höhere Kapazitäten.
© Seco

Möchten Sie in diesem Zuge Produktionen in Europa neu aufbauen?

Seco betreibt derzeit vier Werke in Europa, zwei davon in Italien und zwei in Deutschland. Vor Kurzem haben wir 2 Mio. Euro in eine neue Fertigungsstraße am Standort Hamburg investiert, die im zweiten Quartal 2023 in Betrieb geht. Aktuell sind wir dort bei ca. 70 Prozent Auslastung. Aufgrund unseres starken Wachstums – 45 Prozent in den letzten drei Quartalen – müssen wir weitere Produktionskapazitäten aufbauen, was am Standort Hamburg jederzeit möglich ist. Wir bereiten uns außerdem darauf vor, die anderen Standorte zu vergrößern. Das Hauptgebäude in Arezzo stammt aus dem Jahr 2018, auch hier können wir noch gut erweitern.

Wie sieht das für neue Standorte in Amerika aus?

In Amerika, speziell USA, müssen wir erst eine gewisse Größe erreichen, damit sich ein eigener Fertigungsstandort lohnt. Wir diskutieren das aktuell, entschieden ist aber noch nichts. Als europäisches Unternehmen können wir ohne Probleme jederzeit in die USA exportieren, ohne Auflagen, ohne Sanktionen. Gegenüber asiatischen Wettbewerbern ist das ein Vorteil, diese müssen eventuell mit Importzöllen oder Sanktionen rechnen.

Wie groß ist das Auftragsvolumen in den USA im Vergleich zu Europa?

Derzeit liegen wir bei etwa 50 Prozent des europäischen Volumens. 70 Prozent unseres kompletten Umsatzes erwirtschaften wir derzeit noch in Europa. Mit einer ambitionierten Wachstumsstrategie, auch mit zielgerechtem anorganischem Wachstum – also durch Zukäufe – wollen wir diesen Anteil sukzessive senken. Allerdings müssen wir hierfür etwas Geduld haben, da der Kapital- und Aktienmarkt im Moment einfach sehr volatil ist, und solange die Energiekrise nicht im Griff ist, wird sich an den dynamischen Aktienmärkten nichts ändern.

Wenn Sie weiter wachsen wollen, muss Seco zwangsläufig Mitarbeiter einstellen. Auch in Hamburg?

2022 haben wir uns um 10 Prozent verstärkt, möchten den Trend im nächsten Jahr weiter fortsetzen. Wir bauen Mitarbeiter in der Produktion, aber auch in der Entwicklung auf und stärken den Vertrieb und technischen Support. Mein Fokus gilt aktuell auf dem Aufbau der europäischen Sales-Mannschaft. Ich möchte die Menschen für unsere Produkte begeistern, denn diese sind nicht ganz einfach erklärbar und nicht einfach zu integrieren.

Stichwort Produkte: Seit dem Zusammenschluss mit Seco ist Ihr Produktportfolio riesig. Auf welche Produkte richten Sie den Fokus?

Wir haben eine sehr vertikale Marktausrichtung, die wir weiter ausbauen wollen. Ein Kunde möchte mehr und mehr Know-how an den Auftragnehmer auslagern; der Herausforderung müssen wir uns stellen. Kunden erwarten mehr als lediglich ein Embedded Board, sie wollen die komplette Lösung, inklusive Zertifizierung.

Unsere Stärke bei Seco liegt in der tiefen Wertschöpfungskette. Am Standort Hamburg beispielsweise ist der große Kernbereich unsere Human Machine Interfaces (HMIs) im Low-Power-Bereich, die unsere Kunden in den verschiedenen vertikalen Märkten wie Medizintechnik, Vending oder Retail einsetzen. Außerdem zertifizierte Payment-Applikationen. Wir sind eines von weltweit lediglich fünf Unternehmen, das zertifizierte Payment-Produkte anbietet. Das ist eine hohe Eintrittsbarriere für den Wettbewerb. Hier haben wir einen sehr großen Marktanteil, den wir weiter ausbauen wollen.

Gibt es weitere Bereiche, in die Sie investieren?

In Europa müssen bis 2025 etwa 6,5 Mio. elektrische Ladesäulen aufgestellt werden, wenn wir die Energiewende im Mobilitätsbereich wirklich ernstnehmen und umsetzen wollen. Kunden müssen hier kontaktlos und sicher bezahlen können – und das ist eine riesige Chance für uns. Wir haben sowohl die nötige Technologie als auch die Zertifizierungen der Kreditinstitute. Daneben möchten wir ebenfalls unser Standardportfolio weiter stärken. Es gibt immer Kunden, die ein standardisiertes Embedded Computer Board möchten.

Gibt es schon konkrete Projekte oder Partner für den Ausbau der Ladesäuleninfrastruktur?

Mit Intel haben wir kürzlich in Santa Clara in den USA unser EV Charging Reference Design vorgestellt, das wir mit verschiedenen Partnern entwickeln. Hier integrieren wir unsere HMIs auf Intel-Basis in eine Ladesäule inklusive des Bezahlprozesses und dem IoT- und KI-Software-Framework »Clea«. Wichtig hierfür sind das HMI mit Touch-Funktion, die entsprechende Konnektivität sowie die Zertifizierung für den Bezahlprozess.

Ein Thema, das derzeit alle Unternehmen beschäftigt, ist die Energiekrise. Setzen Sie bereits konkrete Maßnahmen um?

Für die Produktion benötigen wir lediglich Strom. Am Standort Hamburg arbeiten wir mit lokalen Stromanbietern zusammen, die Versorgung ist gut. Beim Heizen sind wir auf Gas angewiesen, fangen aber dieses Jahr sehr spät mit der Heizperiode an. Außerdem haben wir in unserem Gebäude eine automatische Licht-An- und Abschaltung installiert, die wir ab sofort eine Stunde früher vornehmen. In der Produktion im Zweischichtbetrieb ist lediglich die Produktionsebene beleuchtet. Zudem möchten wir soweit es geht auf LED-Beleuchtung umrüsten, haben dazu ein Investmentpaket aufgesetzt. Weiterhin prüfen wir zusammen mit dem Vermieter, im nächsten Jahr eine Photovoltaikanlage zu installieren.

In der Produktion sparen wir bereits durch den Einsatz von Pendelverpackungen 90 Prozent der Verpackungen ein. Wir verpacken unsere Panels in Kisten, mit ESD-Schutz – diese kommt anschließend wieder zu uns zurück. Ein anderes Projekt betrifft unser Lötzinn. Mit der Uni Aachen arbeiten wir aktuell an einem Zinn mit einem geringeren Anteil an Schwermetallen. Bevor wir es großflächig einsetzen, benötigen wir jedoch umfassende Studien.

Finstel Dirk
Dirk Finstel, Seco: »Die Abhängigkeit von asiatischen, speziell chinesischen Produkten wird langfristig sehr stark zurückgehen.«
© Seco

Lassen Sie uns noch auf die Technik eingehen. Auf welche CPUs setzen Sie hauptsächlich?

Im Arm-Bereich arbeiten wir traditionell sehr stark mit NXP Semiconductors zusammen, zudem mit STMicroelectronics. Außerdem stellen wir uns künftig mit Rockchip und Mediatek noch breiter auf. Für x86 sind Intel und AMD gesetzt. Für den stark wachsenden Bereich der Visualisierung benötigen wir jedoch CPUs und GPUs, die 4K- oder 8K-Displays unterstützen. Wir haben viele HMI-Anwendungen im Vending-Bereich; dafür benötigen wir eine hohe CPU- und Grafik-Leistung, zusätzlich Video- oder Kamera-Ein- und Ausgänge, um die zukünftigen technologischen Anforderungen unserer Kunden befriedigen zu können. Auch im Payment-Bereich ist künftig aufgrund biometrischer Prozesse mehr Leistung nötig.

Ist Nvidia für Sie ein potenzieller Partner?

Nvidia ist stark im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) aktiv. Hier arbeiten wir bereits mit Hailo auf Board Level zusammen. Ein Jetson-Modul von Nvidia können wir allein aufgrund der Größe nicht in ein aktuelles HMI-Konzept adaptieren, aber wir sondieren Nvidia für die neue Produktgeneration. Unser zweiter Ansatz ist unsere KI-Plattform Clea. Mit Clea sind wir nicht mehr nur auf das Edge Computing für KI angewiesen. Wir splitten die Inferenzleistung auf und können sie verstärkt über die Cloud bereitstellen. Zudem arbeiten wir mit Microsoft bzgl. ihres Azure IoT Hubs zusammen, was uns gerade im Ultra-Low-Power-Bereich sehr hilft.

Sie sind Mitglied der SGET und PICMG. Gibt es Computermodul-Standards, deren Standardisierung sie derzeit verstärkt vorantreiben?

Wir waren stark bei COM-HPC eingebunden und versuchen derzeit, SMARC zu verbessern. Andererseits beschränken sich Gremiumsaktivitäten derzeit oft auf wenige Stunden pro Woche, weil die Kapazitäten sehr stark für Redesigns ausgelastet sind. Es könnte sein, dass der gesamte Markt aufgrund der Redesign-Aktivitäten bei Kunden und Herstellern eine komplette Produktgeneration überspringen wird, da wir und unsere Kunden aktuell zu wenig Ressourcen haben, um nur an der neuen Produktgeneration zu arbeiten.

Wie sieht es mit Redesigns aus?

Es gibt leider viele Bauteile, die abgekündigt werden, zum Beispiel ein Spannungsregler eines großen amerikanischem Herstellers, der überhaupt nicht mehr zu bekommen war. So mussten wir unsere komplette Produktpalette auf ein anderes Produkt redesignen, um überhaupt produzieren zu können. Somit ist der Aufwand viel größer, für Einkauf, Engineering, Validierung. Als Folge müssen wir uns leider mit einen intensiven End-of-Life-Programm befassen, um die Kapazitäten im Engineering für neue Produktentwicklung freizubekommen, da der Aufwand im R&D bzgl. Redesigns zur Zeit mehr als 40 Prozent beträgt. Die Möglichkeit des Redesigns kann jedoch in diesem Engpass-Szenario ein sehr wirksames Instrument sein: In diesem Jahr haben wir über 20 produktionsstarke Produkte umgestaltet und Lösungen gefunden, um nicht verfügbare Komponenten zu ersetzen. So haben wir unsere Lieferfähigkeit sichergestellt. Der Aufwand war enorm, wurde aber von unseren Kunden sehr geschätzt.

Können Sie mir zum Schluss drei Ziele nennen, die Sie mit Seco verfolgen?

Ich möchte Seco zum größten europäischen Player am Embedded- und IoT-Markt aufbauen. Mit etwa 200 Mio. Euro Umsatz sind wir zurzeit wohl die Nummer 6 bis 10. Wir wollen in den nächsten fünf Jahren in den Top 3 sein. Außerdem möchte ich die Marke Seco an sich weltweit bekannter machen. Als dritten Punkt möchte ich unser Unternehmen nachhaltiger ausrichten. Ich möchte Technologie und Produktion wieder zurück nach Europa bringen, den Standort Europa und Deutschland stark ausbauen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Finstel.


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