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Abschiedsinterview mit Johann Weber

»Corona stellt unsere Strategie nicht auf den Kopf«

04. Dezember 2020, 09:30 Uhr   |  Karin Zühlke

»Corona stellt unsere Strategie nicht auf den Kopf«
© Markt&Technik

Johann Weber, Zollner Elektronik: »Den Wind werden wir nicht ändern, aber es ist unsere Aufgabe, die Segel richtig zu setzen.«

Zum Jahresende geht Johann Weber als Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik in den Ruhestand. Exklusiv für Markt&Technik zieht der Branchenveteran ein persönliches Fazit – und erläutert unter anderem, wie es in Zukunft bei Zollner weitergeht.

Markt&Technik: Ihr letztes Jahr vor dem Ruhestand haben Sie sich sicher anders vorgestellt. Wie verlief das Pandemie-Jahr für Zollner Elektronik aus wirtschaftlicher Sicht?

Johann Weber: Im Frühjahr hat uns die Pandemie voll erwischt; wir hatten im 2. Quartal 2020 den stärksten Einbruch – allen voran in der Luftfahrt- und Automobilbranche. Mittlerweile hat sich die Lage wieder etwas stabilisiert. Im 3. Quartal hat der Automotive-Bereich begonnen sich zu erholen. Aufs ganze Unternehmen bezogen gab es glücklicherweise sehr wenig Stornierungen, wenn auch einige Verschiebungen. Den Umsatz des Vorjahres wird die Zollner Elektronik AG im Krisenjahr nicht erreichen. Vermutlich liegen wir leicht darunter. Für uns endet das Jahr aber besser, als es im Frühjahr ausgesehen hat.

Geholfen hat uns unsere breite Branchenaufstellung. So konnten einige Branchen den Verlust wettmachen, der in anderen entstanden war. Insbesondere Medizintechnik, Datentechnik und Messtechnik erlebten in der Krise eine steigende Nachfrage. Unsere Internationalität hat uns ebenfalls Stabilität verliehen: Die schnelle Erholung in China auf Vorjahresniveau trug dazu bei, die Zahlen des gesamten Unternehmens zu verbessern. Darüber hinaus konnte ein Zollner-Werk anderswo einspringen, wenn Standorte in bestimmten Ländern von den Behörden geschlossen wurden. So haben wir die Zeit überbrückt, bis wir mit einer Ausnahmegenehmigung weiterproduzieren durften.

Was ebenfalls ausschlaggebend war: das Vertrauen unserer Kunden und Geschäftspartner in Zollner. Sie wussten, dass sie sich auf uns verlassen können. Die Zollner Elektronik AG hat schon im Januar eine Corona-Taskforce gebildet, die sich zunächst mit der Lage in unserem Werk in China befasst hat. Als die Pandemie auf die ganze Welt übergriff, hat die Taskforce viele proaktive Maßnahmen eingeleitet, auch aus der Erfahrung von China heraus, die bei maximalem Schutz der Gesundheit der Mitarbeiter einen Produktionsstillstand verhindert haben. Wir standen aktiv kontinuierlich in enger Abstimmung mit den Kunden und Lieferanten und der Logistik und haben durch diese Offenheit Vertrauen geschaffen.

Was waren aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen, die es in diesem Jahr zu bewerkstelligen gab?

Wir mussten zwei zentrale Anliegen unter einen Hut bringen: die Gesundheit der Menschen schützen und das Tagesgeschäft bestmöglich weiterführen. Zum Präventionsplan, den die Corona-Taskforce entworfen hat, gehörten deshalb zum Beispiel strenge Reise- und Besuchsrestriktionen, genau definierte und über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehende Hygieneregeln sowie ein Zonenkonzept. Um die Kontakte zwischen den Mitarbeitern zu begrenzen und bei Bedarf die Nachverfolgung von Kontakten Erkrankter zu erleichtern, haben wir unsere Werke in Zonen unterteilt und penibel darauf geachtet, dass Begegnungen nur innerhalb einer Zone stattfinden, und auch innerhalb der Zonen, zum Beispiel durch Schichttrennung, die Kontakte auf das notwendigste beschränkt werden.

Eine große Herausforderung stellten auch kurzfristige Werksschließungen durch die Behörden einiger Länder dar. Hier hieß es, unter Hinweis auf unsere systemrelevanten Kunden rasch eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen, um weiterproduzieren zu können. Dafür haben wir in kürzester Zeit alle Kräfte mobilisiert.
Darüber hinaus haben wir viele Anstrengungen darauf verwendet, die weltweite Supply Chain aufrechtzuerhalten. Ein großer Teil der Waren wurden üblicherweise mit Passagierflugzeugen transportiert. Was tun, wenn diese plötzlich am Boden bleiben? Wir haben umgehend Alternativen gesucht und gefunden. Zum Beispiel sind wir auf die Bahn ausgewichen und haben mit der neuen Seidenstraße gut Erfahrungen gemacht.

Der Austausch mit unseren Partnern – Kunden, Lieferanten, Verbänden – war in dieser Krise noch intensiver als sonst. Auf dem Laufenden zu bleiben und andere auf dem Laufenden zu halten, war nicht einfach, hat alle Betroffenen aber auch enger zusammengeschweißt.

Eine Firma Zollner ohne Johann Weber ist kaum vorstellbar. Wie geht es ab Januar bei Zollner Elektronik im Vorstand weiter?

Die Zollner Elektronik AG ist sehr gut und zukunftsorientiert aufgestellt. Die digitale Transformation ist eingeleitet und wird stetig weiter ausgebaut. Die einheitlichen Prozesse und Technologien in unseren weltweiten Werken sind etabliert. Unsere motivierten und engagierten Mitarbeiter werden auch in Zukunft sowohl technologisch als auch auf Qualitätsebene unsere Kunden in ihren spezifischen Branchen begeistern. Somit kann ich beruhigt in den Ruhestand gehen. Das „Strategische Geschäftsfeld (SGF) Elektronik“ mit fünf Geschäftsbereichen und die beiden Zentralbereiche Marketing & Sales und Global Engineering habe ich im letzten und in diesem Jahr stufenweise an Markus Aschenbrenner übergeben. Anstelle eines Vorstandsvorsitzenden gibt es künftig einen Sprecher des Vorstands; diese Rolle übernimmt Ludwig Zollner, der älteste Sohn des Firmengründers.

Inwieweit beeinflusst die Coronakrise die künftige Strategie von Zollner Elektronik? Z. B. in Bezug auf neue Märkte oder Bereiche in denen man künftig vielleicht mehr oder auch weniger tätig sein möchte, etc.?

Die Coronakrise stellt unsere Unternehmensstrategie nicht auf den Kopf, veranlasst uns aber zu Anpassungen. Wir möchten den Erfolg aus der Vergangenheit in die Zukunft übertragen mit entsprechenden Ergänzungen. Getreu dem Zollner-Motto „Bewährtes bewahren und Neues hinzugewinnen“.

Die digitale Transformation des Unternehmens ist beispielsweise schon lange ein Ziel, das wir mit großer Ausdauer und Energie verfolgen. Der ganzheitliche Regelkreis der digitalen Transformation sieht bei Zollner so aus: Megatrends finden ihren Niederschlag im Markt, bei unseren Kunden und in den Produkten, nach denen eine Nachfrage entsteht. Dann sind Lösungen gefragt, für die wir die dazugehörigen Prozesse aufsetzen und Daten generieren. Dazu brauchen wir bestimmte Fähigkeiten – aufseiten unserer Mitarbeiter, der Hardware und der Software. Die Voraussetzungen, um diesen Regelkreis zu schließen, schaffen wir mithilfe der schrittweise Digitalisierung aller Geschäftsprozesse entlang des Produktlebenszyklus. Darin hat uns die Coronakrise bestätigt, denn die Digitalisierung macht den gesamten Produktionsprozess widerstandsfähiger gegenüber äußeren Einflüssen. Aufgrund der Pandemie haben wir die digitale Transformation auch auf die Kommunikation sowie auf die nicht wertschöpfende Prozesse ausgeweitet: Wir haben sehr schnell die nötige Infrastruktur aufgebaut, um verstärkt digitale Kommunikationskanäle zu nutzen.

Eine weitere Erkenntnis aus der Krise für uns: Unsere breite Branchenaufstellung bringt uns enorme Vorteile, weil nicht alle Branchen gleichzeitig schwanken und jede Branche besondere Herausforderungen mit sich bringt und daraus viele Synergien und Mehrwerte entstehen. Die Anpassung, die wir hier vornehmen, ist eine Erweiterung: Künftig werden wir noch mehr Gewicht auf die Branche Semiconductor legen.

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1. »Corona stellt unsere Strategie nicht auf den Kopf«
2. Talsohle durchschritten?
3. Zukünftige Aufgaben der EMS-Branche

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