Seit Jahren prägen Stagnation und Seitwärtsbewegungen den europäischen Markt für passive Bauelemente. Ursache dafür: Übervolle Lager im Gefolge der Corona-Pandemie. Jetzt scheint sich die Situation schnell zu ändern: Steigende Lieferzeiten, steigende Preise im Sog des AI/KI-Booms.
Neue Kapazitäten entstehen, bestehende werden umgewidmet. Wie sich das auf Europa auswirkt, wird sich zeigen.
Sollte sich das erwartete Wachstum der KI-Infrastruktur fortsetzen, könnte der KI-Markt weltweit eine ähnliche Bedeutung für passive Bauelemente erreichen wie heute die Automobilindustrie.« Mit diesen Worten beschreibt Rüdiger Scheel, Vice President Strategic Marketing bei Murata den möglicherweise massiven Wandel der sich aktuell in der Branche vollzieht. In Europa zeigt er im ersten Schritt erst einmal indirekt Wirkung. Die Musik in Sachen AI/KI spielt nicht in Europa, sie spielt in Asien und den USA. Was Europa zu spüren bekommen wird, sind die Auswirkungen dieses Booms.
»In den USA und China sind die Bedarfe für Datencenter und KI bereits der größte Nachfragetreiber für passive Bauelemente«, stellt Ferdinand Leicher, Vice President Sales EMEA bei Bourns fest, »diese Nachfrage führt bereits weltweit zu steigenden Lieferzeiten, die sich schon in diesem Jahr auswirken werden und absehbar auch im nächsten Jahr«. Eine Einschätzung, die Maximilian Jakob, Division Director der Device Solutions Business Division bei Panasonic Industry Europe absolut teilt: »Wir sehen einen großen Einfluss der KI-Bedarfe auf die globale Versorgungssituation. Die permanent steigenden Bedarfe erfordern hohe Investments, Mitarbeiter und Fokus.«
»Der starke Anstieg der Nachfrage nach AI/KI-Rechenzentren ist klar erkennbar«, beurteilt auch Josef Vissing, President und Head of Sales bei TDK Europe die aktuelle Entwicklung, »in Asien zeigt sich dies insbesondere darin, dass der Bedarf an Bauelementen für die Leistungselektronik und Stromversorgungen der Datencenter steigt. Im Halbleiterbereich führt diese Entwicklung bereist zu Engpässen, und auch bei passiven Bauelementen verlängern sich die Lieferzeiten in ausgewählten Produktgruppen deutlich«.
Nach Einschätzung von Bernardo Knoblich, Vice President Reginal Marketing EMEA bei Vishay, profitieren vom AI/KI-Boom im Bereich passiver Bauelemente vor allem direkt eingesetzte Komponenten wie Widerstände, MLCCs, Polymer-Tantal-Kondensatoren sowie Induktivitäten. »Darüber hinaus steigt auch der Bedarf in der Peripherie von AI/KI-Anwendungen, beispielsweise in Stromversorgungen, Power-Management-Systemen und Rechenzentrumsinfrastrukturen. Entsprechend sehen wir in diesem Bereich attraktive Wachstumsmöglichkeiten. Eine generelle Versorgungsknappheit für Industrial, Medical und Automotive erwarten wir derzeit jedoch nicht.«
Aus Sicht von Alexander Gerfer, CTO der Würth Elektronik eiSos, »wird der KI-Boom den Bedarf an leistungsfähigen passiven Bauelementen für Rechenzentren klar erhöhen«. Er erwartet aber keine pauschale Verknappung über alle Segmente hinweg, weil viele dieser Anwendungen sehr spezifische Produkte und Auslegungen erfordern. »Entscheidend wird sein, Kapazitäten frühzeitig an den Bedarf anzupassen und Kunden über Design-In, Planung und technische Beratung eng zu begleiten«.
Eine Einschätzung, die Thomas Heel, Director, Head of Sales Global Distribution EMEA bei der Yageo Gruppe teilt: »Bei passiven Bauelementen kann man momentan klar zwischen Standard- und High-End-Produkten unterscheiden.« Auch wenn man nicht von einer allgemeinen Verknappung sprechen könne, »tun Kunden in Europa gut daran ihre Visibilität, was zukünftige Bedarfsplanungen angeht zu verbessern«. Da sei zuletzt noch zu sehr auf unmittelbare Sicht gefahren worden, und das so seine Warnung, »birgt ein hohes Potential massiv schief zu gehen!«
Harald Sauer, Director Taiyo Yuden Europe, fasst die aktuelle Entwicklung und Situation prägnant zusammen: »Die angespannte Liefersituation beginnt eher jetzt!« Dass es so kommen würde, hat sich eigentlich seit letztem Herbst abgezeichnet. Das Verwirrende dabei mag der Umstand sein, dass steigende Lieferzeiten und Bauteilkosten nicht einem Bedarfsanstieg in Deutschland oder Europa geschuldet sind, sondern dass es wieder einmal darum geht, sich für die Unwägbarkeiten der Zukunft rechtzeitig mit Ware einzudecken. Bleibt nur zu hoffen, dass man aus den Zeiten der Pandemie gelernt hat.
Dr. Arne Albertsen, Senior Sales Manager bei Jianghai Europe Electronic Components, warnt denn auch davor, «dass Europa die Wucht der Entwicklungen in Asien unterschätzt!« Allerdings schränkt auch er ein, »dass die erhöhte Nachfrage bestimmte Technologie und Bauformen betrifft, die nicht in allgemeinen Industrieapplikationen zum Einsatz kommen«. Auch wenn SRT Resistor Technology nach Auskunft von Geschäftsführer Dr. Lutz Baumann nicht vom KI-Boom profitiert, sieht er für die europäische Elektronikbranche das Risiko, »dass mehr Produktionskapazität für entsprechende Produkte blockiert werde und dafür andere Bereiche wie etwa Industrieelektronik, Medizintechnik und Automation in Versorgungsprobleme rutschen könnten«.
Und wie sieht die Distribution die Entwicklung? »Ob aus dem AI/KI-Boom spürbare Versorgungsengpässe entstehen, wird maßgeblich davon abhängen, wie erfolgreich die Hersteller ihre Kapazitäten an das erwartete Marktwachstum anpassen«, meint Dr. Sara Ghaemi, Director Technical Development bei Avnet Abacus. Aus heutiger Sicht erwartet sie eher, »punktuelle Verknappungen und verlängerte Lieferzeiten in ausgewählten Technologien als eine flächendeckende Marktverknappung«.
»Wir sehen in einigen Bereichen ansteigende Lieferzeiten, teilweise getrieben durch überproportional schnell wachsende Märkte« gibt Maike Kothes, Director, Supplier Business Development IP&E EMEA bei Arrow Electronics zu Protokoll. »Auch andere Märkte werden betroffen sein, da viele Produkte übergreifend in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden«.
Zu einem wachsamen Umgang mit der aktuellen Situation ruft auch Joachim Pfülb, Vertriebsleiter bei Beck Elektronik auf, »die Wirkmacht der AI und KI zur Erstellung der Hardware, Server, Stromversorgungen, Kühlung und der gesamten Vernetzung nimmt Produktionskapazitäten ein, die uns bereits jetzt im Zulauf zur Versorgung ab Q4 2026 fehlen!« Warnend fällt auch der Hinweis von Antonio Rodas CTO von Endrich Bauelemente aus: »Bei einzelnen Bauteilen rechnen wir mit einer sehr angespannten Liefersituation, merken bereits verlängerte Lieferzeiten und teilweise Allokationen«. Er ist sich darum sicher: »Es wird definitiv Auswirkungen geben auf die anderen Bereiche, wie stark diese ausfallen wird, ist aber noch nicht prognostizierbar«. Aus Sicht von Falko Ladiges, Teamleader PEMCO bei WDI, werden die Auswirkungen des AI/KI-Booms ab 2027 durchaus spürbar sein, »wir gehen aber nicht davon aus, dass es kurzfristig zu einer flächendeckenden angespannten Versorgungssituation in allen Segmenten kommen wird.« Er räumt aber auch ein, »dass es durch Kapazitätsverschiebungen vereinzelt zu längeren Lieferzeiten kommen kann.«
Was bedeutet das nun alles voraussichtlich für die Marktentwicklung 2026? Aus Sicht eines absoluten Spezialisten wie Dr. Baumann von SRT Resistor Technology vor allem Auftrags- und Umsatzanstieg: »Der Auftragseingang zeigt bei uns seit Januar einen massiven Anstieg«. Ferdinand Leicher, Bourns, spricht davon, »dass das Jahr sehr gut begonnen hat und es sowohl im Verkauf als auch im Auftragseingang sehr stark weiterläuft – fast wie in der Post-Corona-Phase«.
Und wie sehen das die MLCC-Spezialisten? »Der starke Ausbau von KI-Infrastrukturen und Rechenzentren sorgt weltweit für eine hohe Nachfrage und entsprechend hohe Auftragseingänge«, so Scheel, Murata. Für Europa erwartet er jedoch im Gesamtjahr 2026 nur geringe Umsatzzuwächse gegenüber dem Vorjahr, was der langsamer als ursprünglich erwarteten Markterholung geschuldet sei. Etwas anders fällt die Antwort von Sauer, Taiyo Yuden aus: »Momentan verzeichnen wir einen starken Auftragseingang, und diese Aussage betrifft sowohl das weltweite Geschäft als auch das Europageschäft«.
Auch bei TDK sind die Auftragseingänge in den letzten Monaten nach Auskunft von Vissing deutlich angestiegen. Besonders deutlich wächst nach seiner Darstellung das Industriegeschäft im Umfeld der Infrastruktur für AI-Anwendungen, gefolgt von Automotive sowie einer spürbar erhöhten Nachfrage aus der Distribution. Etwas anders fällt die Einschätzung von Gerfer, Würth Elektronik eiSos aus. Für ihn ergeben die ersten sechs Monate des Jahres 2026 ein gemischtes Bild: »Zwar haben sich die Lagerbestände normalisiert, der erwartete Nachholeffekt bei den Aufträgen bleibt aber noch verhalten. Wir sehen Bedarf im Markt, aber viele Kunden agieren angesichts der weiterhin unsicheren Rahmenbedingungen noch sehr vorsichtig«.
Wie unterschiedlich die Einschätzungen bezogen auf Zielmärkte und Produktgruppen ausfallen zeigt die gegenteilige Auskunft von Jakob, Panasonic Industry Europe: »Wir sehen einen sehr hohen Auftragseingang, unser B2B liegt deutlich über 1 für sämtliche Produktgruppen«. Er stellt sich allerdings die Frage – »wieviel davon ist wirklich echter Bedarf?« Sein Fazit, für 2026 rechnet er mit einer moderaten zweistelligen Umsatzsteigerung.
Heel, Yageo Gruppe, bleibt weiterhin optimistisch, »dass sich das Jahr 2026 grundsätzlich positiv entwickeln wird, und wir es mit einem sehr guten Ergebnis abschließen können.« Global betrachtet befindet sich die Elektronikbranche aus seiner Sicht aktuell in einer segmentierten Erholung.
Bei Vishay verlief das erste Halbjahr nach Auskunft von Knoblich, sehr positiv. »Neben einem soliden Auftragseingang konnten wir auch das Umsatzwachstum weiter fortsetzen. Diese Entwicklung zeigt sich bei Vishay sowohl in Europa als auch weltweit und spiegelt sich entsprechend in unseren Quartalsergebnissen wider.«
Dr. Albertsen berichtet bei Jianghai Europe von einer deutlich erhöhten Nachfrage, bis hin zur Bitte um Notlieferungen und Ersatz durch den Entfall oder Rückzug von Lieferanten. »Unser Wachstum kommt dadurch nicht nur durch die erhöhte Nachfrage, sondern auch durch Verschiebungen in der Versorgung«.
So optimistisch sich die Hersteller passiver Bauelemente geben, so positiv fällt letztlich auch der Ausblick der Distributoren aus. »Auch wenn die Vorhersagbarkeit kurzfristiger Marktentwicklungen schwieriger geworden ist«, so Dr. Ghaemi, Avnet Abacus, »bleiben wir für 2026 grundsätzlich optimistisch, die langfristigen Wachstumstreiber bleiben unverändert intakt«. Ähnlich die Sichtweise ihrer Kollegin Kothes bei Arrow Electronics: »Wir sind sehr zufrieden mit den Ergebnissen im ersten Quartal 2026. Wir beobachten eine beschleunigte Erholung über Regionen und Brachen hinweg. Zudem sehen wir uns zu Beginn eines Erholungszyklus.«
»Wenn wir nur die passiven Bauelemente betrachten«, so Pfülb, Beck Bauelemente, »sehen wir eine leichte Verbesserung und regelmäßig bestellende Kunden. Das Ordervolumen steigt über die längeren Lieferzeiten. Die Umsatzsteigerungen sind mehr und mehr den steigenden Preisen geschuldet, die wir kurzfristig von unseren Lieferanten erhalten, und die wir an unsere Kunden weitergeben müssen.« Auch Rodas, Endrich Bauelemente bleibt weiterhin optimistisch für 2026, auch weil man bei Endrich keine starken Schwankungen durch den Irankrieg feststellen konnte: »Wir rechnen aber mit einem deutlichen Plus wenn dieser Krieg beendet ist«.
Etwas anders sind die Erfahrungen bei WDI: »Unser Jahresstart 2026 war von einem gewissen Optimismus geprägt, der jedoch insbesondere durch den Irankrieg spürbar gedämpft wurde«, so Ladiges, »für 2026 sehen wir keine dynamische Marktentwicklung mehr. Trotz deutlich reduzierter Lagerbestände in der Industrie, blieb der erwartete Nachholbedarf bislang weitgehend aus.«