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Effizient digitalisieren

Lieferketten gehen viral

24. November 2020, 11:50 Uhr   |  Von Selina Doulah

Lieferketten gehen viral
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Andreas Thonig ist Regional VP Sales DACH bei Tradeshift und verfügt über rund zwanzig Jahre Erfahrung in den Bereichen E-Invoicing, Business Collaboration, Digitalisierung und E-Procurement. Vor seinem Wechsel zu Tradeshift war der studierte Bankfachwirt für Unternehmen wie SAP / Ariba und Lufthansa AirPlus tätig.

Der aktuelle Index of Global Trade Health zeigt, dass der Welthandel in Q2 2020 um 14,8% zurückging. Wir sprachen mit Andreas Thonig, Regional VP Sales DACH bei Tradeshift, über aktuelle Entwicklungen und wie Lieferketten effizient digitalisiert werden können.

Sie definieren als Transaktionsvolumen die Handelsaktivitäten, alle Bestellungen und Zahlungsaktivitäten an Lieferanten. Wie ist hier der aktuelle Stand?

Dem Index zufolge erlebte Großbritannien im zweiten Quartal verglichen mit dem ersten mit einem Rückgang des Transaktionsvolumens seiner Handelsaktivitäten um 23,1 % die größten Einbußen. Das Transaktionsvolumen in der gesamten EU sank um 21,9 %, während die Aktivitäten in den USA um 16,1 % zurückgingen.

Viele Branchen erlitten starke Einbußen. Positiv hervorzuheben ist, dass Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe und dem Maschinenbau das zweite Quartal mit einem Anstieg der Aktivitäten im Juni um 2,5 % im Vergleich zum Monatsdurchschnitt des ersten Quartals beendeten.

 Andreas Thonig | Tradeshift
© Bild: Tradeshift

Andreas Thonig ist Regional VP Sales DACH bei Tradeshift und verfügt über rund zwanzig Jahre Erfahrung in den Bereichen E-Invoicing, Business Collaboration, Digitalisierung und E-Procurement. Vor seinem Wechsel zu Tradeshift war der studierte Bankfachwirt für Unternehmen wie SAP / Ariba und Lufthansa AirPlus tätig.

Die Auftragsvolumen in der EU sind im Juni wieder deutlich gestiegen?

Ja, es ist ein klarer Aufwärtstrend zu sehen. Die Eurozone profitiert am meisten von einem »Nach-Lockdown-Aufschwung«, wobei die Zahl der Bestellungen im gesamten Monat Juni im Vergleich zu den Tiefstständen im April im Durchschnitt um 24 % anstieg. Auch in den USA und im Vereinigten Königreich haben die Auftragsvolumen seit Ende Mai zu steigen begonnen, aber der Anstieg der Handelsaktivitäten war weit weniger ausgeprägt.

Wie sieht es mit den Zahlungen an Lieferanten aus?

Der Bericht zeigt, dass die Rechnungsvolumen wieder zunehmen, allerdings geschieht dies nur langsam. Da viele Lieferanten nach einer längeren Zeit der Inaktivität knapp bei Kasse sind, könnte der Mangel an Betriebskapital, das durch die Lieferketten fließt, diese Lieferanten daran hindern, Aufträge zu erfüllen, was die Erholung bremsen würde.

Welche Auswirkungen hat das?

Der Versuch, Lieferketten ohne schnellen und vorhersehbaren Zugang zu Betriebskapital neu zu starten, ist ein wenig wie der Versuch, ein Auto ohne Benzin im Tank zu starten. Damit kommt man nicht sehr weit. Die vielfältigen Konjunkturmaßnahmen vieler Regierungen haben einen großen Beitrag dazu geleistet, die Unternehmen vor dem schlimmsten Abschwung zu bewahren. Doch jetzt, da ein neues Kapitel der Pandemie beginnt, müssen wir nach neuen Wegen suchen, um Liquidität freizusetzen und sie schnell zu den bargeldlosen Lieferanten fließen zu lassen.

Säulendiagramm
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Bild 1. Der Tradeshift Index of Global Trade Health gibt einen Überblick über die Entwicklungen aktueller Handels- und Zahlungsaktivitäten zwischen Unternehmen über globale Lieferketten hinweg. Analysiert wurde das weltweite Gesamtvolumen der wöchentlichen und monatlichen B2B-Transaktionen auf der Tradeshift-Plattform im zweiten Quartal und mit dem ersten Quartal sowie Vor-Lockdown Zahlen verglichen (siehe Bild 2).

Was können Unternehmen tun, um diesbezüglich schneller und agiler zu reagieren?

Das Verhältnis zwischen Unternehmen und die Art und Weise, wie sie miteinander Handel treiben, hat sich grundlegend verändert. Der globale Charakter moderner Lieferketten bedeutet, dass sich die Beziehungen zwischen Unternehmen von linearen Eins-zu-Eins-Engagements zu komplexen Ökosystemen der Interkonnektivität zwischen Käufern und Lieferanten rund um den Globus entwickelt haben.

Hier kommt die digitale Transformation ins Spiel. Wenn Bestellungen und Rechnungen noch via PDF verschickt werden, entsteht schnell ein Engpass. Vor allem in diesen Zeiten, wenn viele im Home Office arbeiten. Viele denken, es sei damit getan und sie wären fit für die Zukunft. Dabei verwechseln sie jedoch Automatisierung mit echter Digitalisierung.

Können Sie das genauer erklären?

Mit der Automatisierung machen Unternehmen nur den ersten Schritt. Nämlich das Auslesen der Bestell- oder Rechnungsdaten, die via E-Mail oder Fax oder PDF versandt werden, und deren Übertrag ins Enterprise-Resource-Planning- (ERP-) bzw. Buchhaltungssystem. Zudem sind Unternehmen noch oft an zu starre Technologie-Strukturen gebunden und jede Abteilung arbeitet für sich.

Die digitale Transformation geht jedoch viel weiter. Sie hinterfragt, ob Prozesse und Software überhaupt noch in heutiger Form notwendig sind oder ob es deutlich effektivere Methoden gibt. Es geht darum, neue Ansätze zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen, die Unternehmen und Lieferanten der Elektronikbranche direkt stärker vernetzen und besser zusammenarbeiten lassen.

Sie sagen, ein Ansatz sind cloud-basierte Software-as-a-Service- (SaaS-)Lösungen für den Handel zwischen Unternehmen und Lieferant und das abteilungsübergreifend. Klingt das nicht ein wenig nach Zukunftsmusik?

Die sozialen Netzwerke, wie LinkedIn, die wir in unserem Privatleben nutzen, helfen uns dabei, Verbindungen herzustellen und Informationen ziemlich mühelos auszutauschen. Wie wäre es, wenn es dasselbe für Unternehmen gäbe? Unternehmen und Tausende von Lieferanten auf der ganzen Welt auf einer einzigen digitalen Plattform. Sobald sie verbunden sind, können sie praktisch jeden Aspekt der Beziehung digitalisieren, von der Rechnungsstellung über den Einkauf bis hin zur Risikobewertung der Lieferanten. Das ist heute schon Realität. Die Zukunft hat uns also bereits eingeholt.

Säulendiagramm
© Bild: Tradeshift

Bild 2. Tradeshift treibt die Lieferketteninnovation für die digital vernetzte Wirtschaft voran. Als Unternehmen für Supply-Chain-Zahlungen und -Marktplätze unterstützt Tradeshift Unternehmen, Käufer und Lieferanten bei der Digitalisierung ihrer Handelstransaktionen, bei der Prozess-Zusammenführung und bei der Anbindung an Supply-Chain-Anwendungen. Mehr als 1,5 Millionen Unternehmen in 190 Ländern nutzen die Lösungen. Dabei werden mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar jährlich an Transaktionswert verarbeitet. Damit ist die cloudbasierte B2B-Handelsplattform von Tradeshift, die auf einem Netzwerkgedanken angelehnt an LinkedIn sowie einem flexiblen App-Ökosystem basiert, eines der wichtigsten globalen Geschäftsnetzwerke für den Ein- und Verkauf.

Wie läuft das genau ab?

Auf so einer Plattform können sich Unternehmen und Lieferanten untereinander vernetzen. Das Unternehmen sieht sofort das Angebot des Lieferanten, die vereinbarten Preise, Rabattstaffeln, die Kapazitäten von Lieferant, aber zum Beispiel auch Sublieferant etc. Fragen können direkt per Chatfunktion beantwortet werden. Der Einkäufer kann seinen Bestellwunsch direkt formulieren, der Vorgesetzte erhält automatisch eine E-Mail und nach dessen Bestätigung läuft der Bestellprozess ab. Der Lieferant bestätigt die Bestellung und gibt an, wann der Versand startet, erstellt nach Lieferung eine Rechnung, die direkt an die Kreditorenbuchhaltung des Einkäufers geht und als bezahlt markiert wird oder als überfällig, wenn ein gewisses Datum überschritten wurde. Solche Lösungen arbeiten heute bereits mit künstlicher Intelligenz. Sie erkennen beispielsweise, wenn Rechnungsdaten sich wiederholen und empfehlen diese dann oder erstellen Teile der Rechnung direkt selber.

Analysen zu Bedarf, Kapazitäten, Volumen etc. runden das Ganze ab. Dabei arbeitet der Nutzer mit einem einfach verständlichen Dashboard und kann sich einzelne Elemente – wir nennen das Apps bzw. das App Ecosystem – flexibel hinzufügen und auch selber entwickeln für seine Kunden. Natürlich ist auch der Datenschutz gesichert, in dem jeder Nutzer nur das sieht, was für seinen Bereich relevant ist. Das klingt nach vielen neuen Möglichkeiten, die mit starren Silo-Architekturen eher schwer umsetzbar sind.

Heißt das, es muss auch ein Umdenken in Unternehmen stattfinden und ein noch stärkeres Öffnen in Richtung neuer Anwendungen?

Das ist definitiv ein entscheidender Punkt. Damit fängt es an. Covid-19 hat wieder ganz klar gezeigt, wie verletzlich Lieferketten immer noch sind. Wenn alle auf einer digitalen Plattform miteinander verbunden sind, werden Lieferengpässe viel schneller sichtbar – und zwar über die gesamte Lieferkette hinweg. Ich kann also auch sehen, ob meine Sublieferanten genügend Kapazitäten haben oder ausfallen und kann viel schneller reagieren und Alternativen schaffen.

Die Lösungen, auf die Unternehmen vertrauen, sollten einfach zu bedienen und auf der ganzen Welt zugänglich sein. Nur so können alle vom Fortschritt profitieren und die gesamte Lieferkette kann eindeutig abgebildet werden. E-Invoicing ist übrigens eine gute Möglichkeit, seine Lieferanten an die Plattform anzubinden. Die Prozesse laufen so viel schneller. Zudem bieten wir eine Möglichkeit, Rechnungen sehr zeitnah über einen Finanzdienstleister zwischenfinanzieren zu lassen. So wird die Liquidität gewährleistet und das kann von Lieferant zu Lieferant weitergegeben werden bis zum ersten Anfangspunkt. Es profitiert also im besten Fall die gesamte Lieferkette davon.

Das neue Lieferkettengesetz ist ja in aller Munde. Unternehmen werden sich vor allem auch nach Lösungen umschauen, mit denen sie die rechtlichen Grundlagen einhalten können. Sind solche Plattformen auch dafür nützlich?

Auf jeden Fall. Mit einer modernen Plattform und dem App Ecosystem können globale Unternehmen ihre Handels- und Buchhaltungsprozesse optimieren und gleichzeitig die Einhaltung der Corporate-Social-Responsibilty- (CSR-)Vorschriften sicherstellen. Die Transparenz der N-Tier-Lieferkette ist damit gewährleistet.

Es gibt z.B. eine Reihe von Kunden, die eine App auf unserer Plattform testen, um die Analyse des CO2 Footprint anhand von Rechnungsdaten über ihre gesamte Lieferkette zu betrachten. Unsere Partnerschaft mit FRDM ist ein weiteres Beispiel. Mit der von FRDM entwickelten App können Tradeshift-Anwender soziale Risiken auf jeder Ebene ihrer Lieferkette verfolgen und überwachen, von den Rohstoffen bis hin zu den Fertigprodukten. Die Anwendung kombiniert globale Handelsflussdaten mit Details auf Lieferanten- und Einkaufsebene, um Unternehmen eine mehrstufige Transparenz zu bieten.

Das neue Lieferkettengesetz wird kommen und damit der Druck hin zu nachhaltigen Lieferketten wachsen. Unternehmen, die auf digitale Plattformen setzen, schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie digitalisieren ihre Prozesse und stellen gleichzeitig die Überprüfung der Nachhaltigkeit ihrer Lieferanten sicher.

Literatur

Tradeshift Index of Global Trade Health: https://hub.tradeshift.com/research-and-reports/the-tradeshift-index-of-global-trade-health-q2-2020

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