»Neue Märke kreieren!«

Die Supply Chain im Kriegsschock

10. Juni 2022, 14:42 Uhr | Heinz Arnold
Georg Steinberger
Georg Steinberger, FBDi: »Der Fokus in Europa sollte auf das Problem des Arbeitskräftemangels gelegt werden: Gut ausgebildete Fachkräfte und Ingenieure fehlen. Wo keine Entwickler sind, da gibt es auch keine kritische Masse!«
© WEKA FACHMEDIEN

Nach dem Corona-Schock schien sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres die Stimmung aufzuhellen, dem weltweiten Halbleitermarkt wurde ein Umsatz von 1000 Milliarden Dollar bis 2030 vorhergesagt.

Nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges verdüstern sich nun die Aussichten wieder. Georg Steinberger vom FBDi sieht zwar kurzfristig – auch wegen der Spannungen zwischen den USA und China – ebenfalls eine Abkühlung der Stimmung voraus, er bleibt aber optimistisch: »Langfristig ist es mathematisch fast unmöglich, das Wachstumsziel zu verfehlen.« Das macht er an mehreren Überlegungen fest. Nach einem Umsatz von 440 Mrd. Dollar 2020 kletterte der Umsatz mit Halbleitern weltweit um 25 Prozent auf 556 Mrd. Dollar. Das Wichtige: Die Stückzahlen stiegen im selben Zeitraum um 21 Prozent, das Umsatzplus war also nicht weitgehend von steigenden Preisen getrieben. Das wird in diesem Jahr etwas anders ausfallen, hinter dem neuen Umsatzsprung auf voraussichtlich 619 Mrd. Dollar (SIA, Januar 2022) werden dann selbstverständlich auch zum Teil die höheren Preise stehen. Der Distributionsmarkt beispielsweise ist im ersten Quartal dieses Jahres in Europa um 40 Prozent in die Höhe geschnellt. Deshalb lauten die Erwartungen, dass am Ende des Jahres ein Plus von mindestens 15 Prozent für den europäischen Distributionsmarkt stehen wird. »Ich sehe dagegen ein Plus von mindestens 25 Prozent«, so Steinberger, »bei 15 Prozent müssten die restlichen drei Quartale schon sehr schlecht laufen«.

Was die allgemeine weltwirtschaftliche Lage betrifft, so hält er die Erwartungen des IMF in der gegenwärtigen Situation für überhöht. »Meiner Meinung nach ist das politisch motiviert, die ursprünglichen Prognosen nur häppchenweise zu reduzieren, damit die Langfristprognosen ihre Validität behalten.« Doch dürften kurzfristig die Auswirkungen der Inflation das Wachstum deutlich bremsen, »deshalb wird der IMF seine Daten für 2022 bald nach unten korrigieren müssen.«

Der Ukraine-Krieg wird außerdem direkte Auswirkungen auf die Halbleiterindustrie nehmen. Wichtige Rohstoffe wie Nickel und Chrom kommen zum Beispiel auch aus Russland, Neon aus der Ukraine, das könnte auf die Komponenten-Supply-Chain unangenehm durchschlagen. Dass sich die Lieferketten entlang der politischen Blöcke teilweise auflösen und neu ordnen, wird weitere Probleme für Europa mit sich bringen: »Die Abhängigkeit von China zu reduzieren, wie jetzt gefordert wird, dürfte nicht ohne Verluste für Europa abgehen.« Und dass die Halbleiterhersteller unter diesen Bedingungen mit High-End-Produkten Geld verdienen wollen und deshalb den älteren Produkten, die in Europa benötigt werden, noch weniger Aufmerksamkeit schenken werden als bisher, dürfte die Lage nicht verbessern. Wohin die Reise gehe, zeigte laut Steinberger schon ein Blick auf die weltweiten Top-Ten-Hersteller: »Mit Texas Instruments ist nur ein einziger Broadliner darunter!« Und auch wenn die Experten von McKinsey sagen, dass die Wachstumsraten der Industrie- und Automotive-Märkte die übrigen Sektoren überholen werden, bleibt er dabei: »Die Geschichte zeigt: Computer gewinnen immer. Denken Sie nur an den immensen Data-Center-Bedarf für Krypto, KI, Smart City oder E-Mobility!«

Worauf sollte in Zukunft also der Fokus für Europa liegen? »Das Ziel, bis 2030 20 Prozent der weltweiten Chips in Europa zu fertigen – statt heute weniger als 10 Prozent –, können wir vergessen, darüber werden wir auch noch in 25 Jahren reden.« Weit sinnvoller wäre es seiner Meinung nach, erst einmal hierzulande neue Märkte zu kreieren, die mehr komplexe Chips benötigen. Europa war ja schon mal führend bei der Entwicklung eines weltweiten Massenmarktes (Mobilfunk). Da gebe es durchaus Möglichkeiten, von der Medizintechnik über Smart City bis zu Big Data, all diese Märkte benötigten Komponenten und wüchsen überdurchschnittlich.

Vor allem sollte der Fokus auf das Problem des Arbeitskräftemangels gelegt werden: Gut ausgebildete Fachkräfte und Ingenieure fehlen! Deshalb müssten die Ausbildung und die Begeisterung für Technologie in den Vordergrund rücken. Da liegt vielleicht auch der Schlüssel dafür, den in Europa immer noch zu geringen Unternehmergeist und die fehlende Venture-Capital-Mentalität zumindest zu lindern: »Wo keine Entwickler sind, da gibt es auch keine kritische Masse!« Die Ausbildung deutlich und schnell zu verbessern – darin sieht er den wichtigsten und effektivsten Hebel für Europa.


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