Resilienz und Kosten neu gewichten

Stabilere Lieferketten durch Nearshoring

30. September 2022, 17:08 Uhr | Andreas Knoll
Je weniger Glieder eine Lieferkette hat, desto stabiler ist sie im Krisenfall.
Je weniger Glieder eine Lieferkette hat, desto stabiler ist sie im Krisenfall.
© Cowen

Die Corona-Pandemie und die Rohstoffkrise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine haben gezeigt, dass globale Lieferketten schnell brechen können und nicht mehr in jeder Situation beherrschbar sind. Doch was sind mögliche Alternativen? Experten der Unternehmen Cowen und Twinner informieren.

Markt&Technik: Was ist Nearshoring, welchem Zweck dient es, und warum liegt es derzeit im Trend und erscheint notwendig?

Daniel Kroll, Director bei der Investmentbanking-Beratungsgesellschaft Cowen: Nearshoring ist eine spezielle Form der Gestaltung von Lieferketten. Im Kontext der aktuellen Situation auf den Weltmärkten bedeutet es, Produktionsstätten im (sehr) nahe gelegenen Ausland zu wählen statt fernab. Das ist vor allem für solche Unternehmen relevant, die bisher im fernen Ausland produziert haben und in einer der aktuellen Krisensituationen Lieferengpässe erleben mussten. Zum Teil lassen sich solche Probleme durch die Wahl einer weniger entfernten ausländischen Produktionsstätte lösen – sogenanntes Nearshoring.

Welche Erwartungen an das Nearshoring hegte speziell Twinner?

Silvan Rath, CEO von Twinner: Durch den Kauf eines hochspezialisierten Betriebes in Ungarn wappnen wir uns gegen Lieferengpässe bei Bezug aus Fernost. Das war im Zuge von Corona und der Ukraine-Krise leider immer wieder sichtbar, und wir haben uns entschieden, nichts dem Zufall zu überlassen.

Wir sind ein „hardware-enabled" Softwareunternehmen. Unser Scanner ist einfach aufgebaut und lässt sich deshalb überall auf der Welt produzieren. Für die Fertigung des Scanners ist für uns relevant, dass ein Partnerbetrieb günstig und zuverlässig liefert und natürlich die Stückzahlen schnell erhöhen kann.

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Daniel Kroll, Director bei der Investmentbanking-Beratungsgesellschaft Cowen
Daniel Kroll, Cowen: »Nearshoring ist eine spezielle Form der Gestaltung von Lieferketten.«
© Cowen

Unter welchen Voraussetzungen ist die Übernahme eines Zulieferers zur Steigerung der Resilienz sinnvoll?

Daniel Kroll: Bei dieser Frage, Make or Buy, wägen Unternehmen häufig zwei Argumente gegeneinander ab. Bringt die Wahl eines Drittanbieters, Outsourcing, Vorteile durch Skaleneffekte? Wer sich eine Produktionsstätte mit anderen teilen kann, wird von Skaleneffekten profitieren wollen.

Auf der anderen Seite hat man beim Outsourcing nur bedingt Kontrolle über den Anbieter, und manchmal kann es aus strategischen Gründen sinnvoll sein, eine Funktion Inhouse, aber im nahen Ausland zu haben, so wie Twinner das bei SHI gemacht hat.

Silvan Rath: Wir haben uns gefragt, wie wir größtmögliche Sicherheit bei Liefermengen, Lieferzeiten, Qualität und Preis erzielen können. Natürlich haben wir auch Alternativen geprüft, beispielsweise den Aufbau eines höheren Lagerbestands. Die Übernahme war für uns letztendlich die beste Option und sichert uns die Kontrolle über eine skalierbare Produktionsstätte mit einer guten Kostenstruktur.

Wer sind die globalen Gewinner und Verlierer des Nearshoring-Trends?

Daniel Kroll: Für viele Unternehmen geht es um Prioritäten, Reduktion des Risikos von Lieferengpässen, also mehr Resilienz zum Preis höherer Kosten. Wer dafür niedrigere Gewinne in Kauf nimmt, sieht sich nicht zwangsläufig als Verlierer.

Robotik-Unternehmen beispielsweise profitieren vom Nearshoring. Ein höheres Maß an Automatisierung kann die höheren zusätzlichen Kosten beim Nearshoring in einem Hochlohnland wie Deutschland erheblich reduzieren. Nearshoring wird hierzulande also mit Investitionen in Automatisierung einhergehen.

Silvan Rath, CEO von Twinner
Silvan Rath, Twinner: »Durch den Kauf eines hochspezialisierten Betriebes in Ungarn wappnen wir uns gegen Lieferengpässe bei Bezug aus Fernost.«
© Twinner

Welche alternativen Herangehensweisen gibt es, um Lieferketten resilienter zu machen?

Silvan Rath: Wir haben uns ja gerade mit diesem Thema beschäftigt. Für uns war neben Off- oder Nearshoring auch „Make or Buy“ eine wichtige Frage, und wir haben uns letztendlich für einen Zukauf im nahegelegenen Ausland entschieden.

Am intensivsten haben wir uns aber damit beschäftigt, welche Faktoren wir kontrollieren können und welche nicht. Wenn geopolitische oder volkswirtschaftliche Faktoren eine Rolle spielen, wie in den jetzigen Krisen, dann muss man sich auch damit befassen, für eine bestimmte Zeit (lange) Lieferketten nicht kontrollieren zu können.

Welcher Anteil an Nearshoring ist für deutsche Unternehmen bzw. die deutsche Industrie sinnvoll?

Daniel Kroll: Der deutschen Wirtschaft geht es gut, wenn wir produktiv sind. Unterbrechungen bei der Herstellung von Gütern oder dem Erbringen von Dienstleistungen wollen viele Unternehmen unbedingt vermeiden und werden das richtige Maß an Nearshoring für sich bestimmen, um das zu bewerkstelligen. Die Abwägung wird sein, welches Maß an Resilienz erreichbar ist und zu welchem Preis, vor allem höheren Lohnkosten. Je langfristiger solche Entscheidungen ausgelegt sind, desto besser lassen sich Investitionen in Automatisierung und Robotik in die Überlegung einbeziehen.

Welche Zusammenhänge bestehen zwischen den Lohnkosten und den Vorteilen des Nearshorings?

Silvan Rath: Das ist Teil der Abwägung. Das wesentliche Element des Offshoring ist ja die Einsparung von Kosten. In unserem Fall sind das Lohnkosten, aber für andere Unternehmen spielt sicher auch Energie eine Rolle.

Die Gleichung funktioniert aber nur, wenn die Lieferketten stabil sind und auch die Qualität stimmt. Je mehr Zeitzonen, Sprachen, Reisebedarf oder Zollbestimmungen bestehen, desto schwieriger wird es, von niedrigen Lohnkosten zu profitieren.


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