Wer führt Digitalisierung am Shopfloor?

»Das Rennen ist offen. Noch.«

13. Dezember 2021, 15:30 Uhr | Ute Häußler
Dirk Lumma
Dirk Lumma, Körber Digital: »Wir dürfen es uns als Maschinenbauer nicht zu leicht machen. Digitale Transformation kann man sich nicht einkaufen.«
© Körber Digital

Amazon, Google & Co. wollen mit industriellen Digital Services den deutschen Maschinenbau in den Hintergrund der Wertschöpfung drängen.

Dirk Lumma, CTO von Körber Digital, erklärt, wie Maschinen- und Anlagenbauer ihre Hoheit auf dem digitalisierten Shopfloor sichern und mit neuen Erlös- und Servicemodellen ihre Wettbewerbsvorteile nutzen können.

Markt&Technik: Herr Lumma, wo sehen Sie im Zuge der Digitalisierung die Wettbewerbsvorteile des deutschen Maschinenbaus gegenüber den großen Plattformanbietern schwinden?

Dirk Lumma: Wir sind gerade in einer sehr entscheidenden Wettbewerbsphase der industriellen Digitalisierung. Im Consumer-Bereich kommen die wesentlichen Plattformen aus den USA, inklusive der cloudbasierten Infrastruktur. Diese Infrastruktur wird auch in der Industrie genutzt, die Wettbewerbssituation ist aber eine völlig andere. In der Industrie müssen kleinteiligere, oft branchenspezifische Probleme gelöst werden; die Skalierbarkeit und Übertragbarkeit der Lösungsansätze ist erst einmal nicht so einfach gegeben. Dieser Wettbewerb um die industrielle Digitalisierung wird im Brownfield, also der installierten Basis, gewonnen. Und da lautet die entscheidende Frage: Wer macht das? Machen es die Hyperscaler und Digitalplattformen, oder machen es die Maschinen- und Anlagenbauer selbst?

Wie meinen Sie das?

Es geht gar nicht so sehr darum, dass fremde Software oder cloudbasierte Dienste und Tools von Amazon Web Services oder Microsoft Azure auf dem Shopfloor genutzt werden. Die Frage ist vielmehr, wer die digitalen Anwendungen auf den Industrieanlagen platziert und betreibt. Wer ist derjenige, der die digitalen Dienste dem Fertiger oder Nutzer der Maschine verkauft? Wer geht mit den Daten um und kann darauf basierend Dienste anbieten, die Mehrwert liefern? Denn derjenige, der diese Mehrwertdienste anbietet, ist am Ende in einer entscheidenden strategischen Position. Dieses Rennen ist momentan offen. Noch.

Wie steht ein mittelständischer Maschinenbauer dabei in Konkurrenz zu Google?

Der digitale Layer mit Analytik und Empfehlungen zum effizienteren Betrieb des Shopfloors generiert hohen Mehrwert. Deshalb haben die großen Digital-Plattformen ein tiefes Interesse daran, hier mitzuspielen. Die wichtige, für Maschinenbauer kritische Frage ist: Wer stellt diese Empfehlungsmaschine zur Verfügung? Ist z. B. ein AWS oder Google „nur“ Anbieter von Infrastruktur oder auch der Anbieter der digitalen Dienste? Denn wenn eine digitale Anwendung Mehrwert generiert, zum Beispiel mithilfe von Machine Learning bestimmte Empfehlungen für eine höhere Maschineneffizienz liefert, dann werden die Betreiber der Maschine dieser Empfehlung regelmäßig folgen. Die digitale Lösung wird so ganz pragmatisch Teil des Fertigungsprozesses. Die Gefahr ist also groß, dass der ursprüngliche Hersteller der Anlage, der von diesem Mechanismus ausgesteuert und eventuell ausgeschlossen wird, zum reinen Teilelieferanten degradiert wird. Die entscheidende Frage also lautet: Wer hat die Ownership der digitalen Applikation?

Welche Szenarien sind momentan am wahrscheinlichsten?

Szenario eins: Die Plattformunternehmen stellen neben der Infrastruktur auch die digitale Anwendung und haben damit effektiv auch die Maschinensteuerung in der Hand. Der ursprüngliche Anlagenbauer rückt dadurch immer mehr in den Hintergrund der Wertschöpfung, er wird zum reinen Zulieferer. Das frisst Margen und Gestaltungsspielraum, das kann nicht im Interesse des Maschinenbaus sein.
Amazon zum Beispiel geht längst direkte Partnerschaften mit Unternehmen ein, baut Forschungszentren in Deutschland und bietet unter anderem spezifische Sensoren für Condition Monitoring an. Dieses erste Szenario ist also real. Die Plattformanbieter haben, wie in anderen Bereichen auch, längst angefangen, die Probleme der Industrie zu sondieren, digitale Applikationen zu entwickeln und zu vertreiben – und damit strategische Kontrollpunkte sukzessive zu besetzen.

Unser Ziel als Anlagenbauer muss sein, dies zu verhindern und die Kontrollpunkte selbst zu besetzen.

Was braucht es für dieses zweite, gewünschte Szenario?

Die Maschinenbauer haben seit vielen, vielen Jahrzehnten ihre Maschinen in die Welt geliefert, nicht nur die reine Mechanik, sondern auch die Elektrik und entsprechende Automatisierung. Jetzt, bei der nächsten Entwicklungsstufe, dem Ausrollen des digitalen Layers, stellt sich die Frage: Wer hat eigentlich die Hosen an? Wie können wir weiterhin selbstbestimmt bleiben in der Art und Weise, wie wir den Service für unsere eigenen Anlagen zur Verfügung stellen? Dafür müssen die Maschinen- und Anlagenbauer sich mit ihren Kunden zusammen ihre installierte Basis anschauen, systematisch Probleme und Optionen eruieren und dann digitale Anwendungen bauen, die Mehrwert stiften. So besetzen sie selbst die strategischen Kontrollpunkte.

Für die Anlagenbauer besteht also die strategische, ja existenzielle Notwendigkeit, den digitalen Layer als nächsten Schritt der Wertschöpfungsoptimierung selbst zu gestalten, um sich nicht in den Hintergrund drängen zu lassen. Wer sich die Digitalisierung ausschließlich über externe Service Provider ins Haus holt, macht es sich zu einfach. Wir müssen digitale Dienste eigenständig entwickeln, die Ownership für die Zukunft in die eigenen Hände nehmen. Das spezifische Domain Know-how ist vorhanden, denn die betreffenden Anlagen wurden ja von unseren eigenen Ingenieuren entworfen. Jetzt geht es darum, die bestehende Automatisierungsebene, gegebenenfalls zusammen mit weiterer Sensorik, um den digitalen Layer zu ergänzen und digitale Anwendungen zu bauen.

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