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Interview mit Ingo Schönberg, PPC

»Der Smart-Meter-Rollout geht zügig weiter!«

07. April 2021, 19:05 Uhr   |  Heinz Arnold

»Der Smart-Meter-Rollout geht zügig weiter!«
© PPC AG

Ingo Schönberg, CEO von PPC: »Wenn Unsicherheiten im Gesetz bestehen – was bei der Komplexität des gesamten Themas kein Wunder ist –, dann werden sie ausgeräumt und der Rollout läuft weiter.«

Warum trotz des Urteils des OVG Münster der Smart-Meter-Rollout weiter Fahrt aufnehmen wird, erklärt Ingo Schönberg, CEO von PPC, im Interview mit Markt&Technik.

Markt&Technik: Welche Auswirkungen wird das Urteil des OVG Münster Ihrer Ansicht nach haben?

Ingo Schönberg, CEO von PPC: Aktuell schlägt das Urteil in der Öffentlichkeit zunächst hohen Wellen, es wird aber keine nachhaltigen Auswirkungen haben. Sollte sich herausstellen, dass das Gesetz den technischen Prozess des Rollouts nicht richtig abbildet, dann werden das BMWi und das BSI die formalen Fehler minimalinvasiv heilen, das steht außer Frage.

Kann das noch in dieser Legislaturperiode geschehen?

Dann müsste das Gesetz bis Ende Juni verabschiedet sein und sehr zügig eine einfache Ermächtigung des BSI zur sukzessiven Fortschreibung des Standes der Technik für Allgemeinverfügungen vorzusehen.

Also kann es doch zu größeren Verzögerungen kommen?

Das glaube ich nicht, denn auf 95 Prozent des Marktes hat das Urteil keine Auswirkungen. Die Zahl der Einbaufälle steigt daher rasant weiter an. Die meisten Beteiligten wollen den Zuwachs im Rollout und machen unbeeindruckt weiter, wir auch. Davon abgesehenen müssen Messstellenbetreiber, die ihre Grundzuständigkeit nicht verlieren wollen, über die ersten drei Jahre mindestens 10 Prozent der Pflichteinbaufälle geschafft haben. Das ist die unterste Grenze. Wer in diesem Zeitraum nicht mehr intelligente Messtellen installiert hat, der sollte sich darüber im Klaren sein, über die dann folgenden fünf Jahre 90 Prozent zzgl. des Zuwachses über E-Mobilität und EEG einbauen zu müssen.

Wer hat aus welchen Gründen überhaupt ein Interesse daran, zu klagen?

Abgesehen von dem wirtschaftlichen Interesse der Anwälte,  hatten viele kleine und mittlere Stadtwerke und Dienstleister die Sorge, die Ausbauquote von 10 Prozent der Geräte über drei Jahre nicht zu schaffen, was zum Verlust der Grundzuständigkeit führen könnte. Sie wollten wohl etwas Zeit gewinnen. Deshalb hatten 50 Stadtwerke, vertreten durch das Anwaltsbüro Becker Büttner Held (BBH), schon im Frühjahr 2020(?) eine Klage beim Verwaltungsgericht Köln eingereicht. Zudem hat nun  ein Messstellenbetreiber  geklagt.  Das OVG Münster hat daraufhin in einem Eilbeschluss entschieden, dass das BSI den Einbau von intelligenten Messsystemen erst anordnen darf, wenn sie auch ihren vollen im Gesetz beschriebenen Nutzen bringen. Wenn das so ist – was noch geklärt werden muss – dann wird wie oben schon angedeutet, der technische Prozess, also das stufenweise Vorgehen von Gateway-Generation zu Gateway-Generation, im Gesetz nicht richtig abgebildet. Dann wäre ein formaler Fehler unterlaufen, der meiner Meinung nach aber einfach zu beheben sein wird.

Falls ein Fehler vorliegt, warum würde das den Rollout ihrer Meinung kaum behindern würde?

Allen Beteiligten dürfte klar sein, dass die intelligenten Messsysteme weiter ausgerollt werden müssen, denn sie bilden ein wesentliches Element in der Energiewende, beispielsweise in der Elektromobilität oder in der Wohnungs- und Energiewirtschaft, wo jetzt die klassischen Stromzähler und das Submetering endlich zusammenwachsen. Wenn Fehler gemacht werden – was bei der Komplexität des gesamten Themas kein Wunder ist –, dann werden sie auch wieder behoben und der Rollout läuft weiter.

Das rezertifizierte Smart-Meter-Gateway von PPC.
© PPC AG

Das rezertifizierte Smart-Meter-Gateway von PPC.

Proprietäre Systeme haben definitiv ausgedient?

Es hat keinerlei Sinn, zu meinen, dass proprietäre Systeme künftig noch eine Rolle spielen können. Denn das Sicherheitsniveau der Smart Meter Gateways ist für die kritischen Infrastrukturen zwingend erforderlich. Die Systeme müssen interoperabel sein, das geht nur mit standardisierten Geräten wie es vorgesehen ist. Es ist einfach absurd anzunehmen, man könnte die Digitalisierung und die Energiewende aussitzen.

Die großen Messstellenbetreiber investieren weiter in den Rollout?

Ja, sie sind überzeugt davon, dass sie den Kunden schlussendlich einen Mehrwert bieten können und entwickeln viele innovative Ideen in diese Richtung. Außerdem haben MSBs viel Geld in die dafür erforderliche IT-Infrastruktur investiert. Jetzt müssen sie die intelligenten Gateways installieren, um Umsatz zu generieren. Die großen Netzbetreiber warten also nicht ab, sie wollen innovativ sein und beschleunigen den Rollout. Zum Beispiel  arbeiten wir inzwischen mit mehr als 60 Unternehmen zusammen, die unsere Lieferkette für Smart Meter Gateways nutzen.

Wie viele Geräte bestellen die Anwender im Durchschnitt?

Zwischen 100 und 10.000 Einheiten ist alles drin. Kleinere Bestellungen unter 100 gibt es nur noch für erste Tests.

Das vergangene Jahr ist für PPC also gut verlaufen?

Jedenfalls besser als gedacht. Im zweiten Quartal haben wir einen Einbruch erlebt, weil die Monteure nicht mehr in die Häuser der Kunden durften. Seit dem Sommer läuft der Rollout aber normal weiter. PPC als ISO27001-zertifiziertes IT-Unternehmen ist glimpflich davongekommen, weil praktisch alle Mitarbeiter von zu Hause arbeiten können, die dazu erforderlichen Geräte und sichere Infrastrukturen waren bereits vorhanden.

Wieviel Smart Meter-Gateways arbeiten denn derzeit im Feld und wie viele müssen es werden?

Ich schätze, dass derzeit zwischen 50.000 und 100.000 Smart Meter Gateways im Feld installiert sind. Es gibt aber in Deutschland zwischen 7 und 8 Millionen Pflichteinbaufälle, dazu kommen noch die Bedarfe für die Ladesäulen der Elektrofahrzeuge, so dass wir auf eine Gesamtzahl von 15 Millionen Smart Meter Gateways kommen, die über die nächsten Jahre verbaut werden müssen.

Ist der steigende Bedarf durch die Ladestationen schon spürbar?

Der KfW liegen bereits 300.000 Anträge auf Wallboxes vor, täglich kommt eine große Anzahl hinzu, was bei einer Förderung von 900 Euro pro Wallbox auch nicht verwunderlich ist. Daher ist es wichtig, den Rollout der Messsysteme voranzutreiben, um diese Wallboxen von Anfang an in das Stromnetz integrieren zu können.

Sind die Kapazitäten in der Smart Meter Gateway Produktion hoch genug, um die steigende Anzahl herstellen zu können?

Ja, unsere eigenen Kapazitäten und die der übrigen Hersteller sind hoch genug, da dürfte es keine Probleme geben.

Spüren Sie die Knappheiten auf dem Sektor der elektronischen Komponenten?

Wir haben rechtzeitig bestellt und wir sind derzeit kaum von Knappheiten betroffen.

Gibt es genügend Fachkräfte, die die Smart Meter Gateways vor Ort montieren können?

Wir alleine haben 2.500 Monteure für die sichere Auslieferung und Inbetriebnahme von Smart Meter Gateways ausgebildet, über von uns qualifizierte Schulungsleiter bei unseren Kunden wurden noch einmal geschätzt 1500 bis 2000 Monteure geschult. Damit ist die Kapazität für die Montage gesichert.

Die Smart Meter Gateways sind weitgehend standardisiert. Haben die verschiedenen Hersteller da noch die Chance sich differenzieren zu können?

Im Kern unterscheiden sich die zertifizierten Gateways nicht, sie müssen ja interoperabel sein. Es gibt aber durchaus Möglichkeiten zur Differenzierung. So sind wir die einzigen, die über Breitband-Powerline und das 450 MHz-Funknetz kommunizieren können. Außerdem haben wir einen Vorsprung von zwei Jahren im Betrieb, weil wir schon 2018 mit  zertifizierten Gateways auf den Markt kamen.  

Grundsätzlich sind Sie also mit dem Verlauf des Rollouts zufrieden?

Wenn auch nicht alles perfekt läuft, so läuft doch vieles gut an. Über die vergangenen zwei Jahre wurden sehr viele regulatorische Aufgaben abgeschlossen und es gibt eine klare Roadmap. Wie die intelligenten Gateways für die Ladesäulen aussehen müssen, wird demnächst ebenfalls geklärt werden. Ich bin überzeugt, dass der Rollout zügig weitergehen wird.

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