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Interview mit Marco Sauer, Theben

»Netzdienliche Anwendungen pushen das Smart-Metering!«

07. April 2021, 17:25 Uhr   |  Heinz Arnold

»Netzdienliche Anwendungen pushen das Smart-Metering!«
© Theben

Marco Sauer, Theben: »Das Metering an sich ist nicht der entscheidende Use-Case sondern die netzdienlichen Funktionen werden künftig entscheidend sein. Es wird darüber hinaus viele Möglichkeiten geben, neue Services im Sinne der Kunden umzusetzen.«

Im Sommer rechnet Marco Sauer von Theben mit der Rezertifizierung des eigenen Smart Meter Gateway. »Diese Gateways ermöglichen insbesondere die netzdienlichen Anwendungsfälle. Diese werden dem Rollout noch einmal ein ganz anderes Momentum geben.«

Markt&Technik: Befürchten Sie Verzögerungen des Rollouts durch das Urteil des OVG Münster?

Marco Sauer, Head of Regulatory Affairs & Business Development Smart Energy von Theben: Das Urteil wurde zunächst medial natürlich etwas aufgebauscht, hat aber sehr begrenzte Auswirkungen auf den Rollout, da es nur die Allgemeinverfügung des BSI für die klagende Partei aussetzt. Wichtig ist es herauszustellen, dass sich das Gericht mit der Frage beschäftigt hat, ob die Umsetzung des MsbG formal den Vorschriften der Paragraphen entspricht, es hat nicht dem Rollout oder der Digitalisierung der Energiewende eine Absage erteilt.

Das Urteil des OVG Münster stellt fest, dass die Smart Meter Gateways derzeit nicht den gesetzlichen Anforderungen entsprechen, also müssen sie auch nicht eingebaut werden. Muss also der Gesetzestext geändert werden?

Das ist so nicht richtig. Die Allgemeinverfügung des BSI wurde für die Klägerin in der Allgemeinverfügung ausgesetzt. Das BSI hat dies dann auf die Kläger im Hauptverfahren ausgeweitet, bis man dort zu einem Urteil gelangt. Davon abgesehen gelten die Einbaupflichten weiter. Das MsbG ist fünf Jahre alt, da ist es kein Wunder, dass sich Theorie und Praxis auch einmal auseinanderentwickeln. Das muss nun kurzfristig wieder zusammengeführt werden, damit wir zu Rechts- und Investitionssicherheit gelangen. Dafür sind verschiedene Optionen denkbar, die muss man nun prüfen und bewerten.

Entsprechen die rezertifizierten Smart Meter Gateways nicht schon jetzt den Anforderungen des Gesetzes?

Die rezertifizierten Smart Meter Gateways entsprechen meines Erachtens den im Gesetz formulierten Anforderungen. Ich schätze, dass wir im Sommer die Rezertifizierung für unsere Smart Meter Gateway erhalten werden und damit das dritte Unternehmen sind, das sie auf den Markt bringen wird. Aber auch bei diesen Geräten müssen wir begründen für welche Einsatzfelder sie geeignet sind und für welche eben noch nicht. Das wir alle Einsatzbereiche auf einmal umsetzen ist wegen der Breite der Möglichkeiten einfach nicht realistisch, deshalb hat sich ja das stufenweise Vorgehen hier bewährt. Wir können aber ab Sommer wirklich spannende use cases und Mehrwerte angehen, zum Beispiel Richtung Netzintegration von Elektromobilität und EEG, aber vielleicht halt noch nicht die registrierende Lastgangmessung. Diese zeitliche Differenzierung verschiedener Einsatzbereiche ist meines Erachtens aber auch immer schon im Sinne des MsbG gewesen.  

Könnte die neuerliche Diskussion den Rollout zurückwerfen, gerade wo sich die meisten Beteiligten darüber freuten, dass der Rollout jetzt endlich Fahrt aufnimmt?    

Natürlich führt so etwas kurzfristig zu Verunsicherung. Grundsätzlich aber ändert sich nichts: Für die Energiewende und die Sektorenkopplung, sind die Smart Meter Gateways ein unverzichtbares Element – und das wissen alle Beteiligten. Das wir das intelligente Messsystem in Deutschland als sichere Kommunikationsplattform ausgelegt haben, um diese Entwicklungen zu ermöglichen, war genau die richtige Entscheidung. Das war weitsichtig und wird uns noch sehr stark helfen. Wir merken bereits, dass sich auch abseits von Deutschland sehr viel Interesse an diesem Ansatz entwickelt, denn dort haben wir dieselben Herausforderungen in Bezug auf die Erreichung der Klimaziele durch mehr Erneuerbare und Elektrifizierung in den Sektoren Wärme und Mobilität.

Was uns zum Einsatz der Smart Meter Gateways im Umfeld der Ladesäulen für Elektrofahrzeuge bringt. Sie zählen nicht zu den Pflichteinbaufälle Wie sieht die Situation auf diesem Gebiet aus?

Der Einbau geschieht im privaten Bereich schon aus Verbrauchsgründen. Das Steuerbare-Verbrauchseinrichtungen-Gesetz könnte hier mit Anreizen für die Verschiebung von Spitzenlasten zusätzlichen Nutzen bringen. Alle fordern zu Recht, dass die Zahl der Elektroautos schnell steigt, aber wir müssen gleichzeitig deren Netzintegration mitdenken. Dafür brauchen wir das Smart Meter Gateway, das einerseits die Beobachtbarkeit des Netzzustands herstellt, anderseits die Steuerbarkeit des Ladevorgangs ermöglicht. In der Folge lassen sich mehr Elektroautos in die Netze integrieren. Die Dringlichkeit ist hoch, eine Regelung noch in dieser Legislaturperiode wäre sehr wünschenswert.

Die Smart-Meter-Gateways sind weitgehend standardisiert. Welche Möglichkeiten gibt es für die verschiedenen Hersteller, sich zu differenzieren?

Da gibt es genügend Möglichkeiten. Das fängt bei der Leistungsfähigkeit der Geräte an, geht aber noch weit darüber hinaus. Das Metering an sich ist nicht der entscheidende Use-Case sondern die netzdienlichen Funktionen und weitere Services werden entscheidend sein. Es wird viele neue Möglichkeiten geben, neue Geschäftsmodelle umzusetzen. Deshalb setzen wir auf eine Mehrwertplattform, mit der
diese Anwendungen flexibel umsetzbar sind, ähnlich wie Apps auf dem Smartphone.

Sind Sie grundsätzlich mit dem Verlauf des Rollouts zufrieden?

Natürlich hätten wir uns alle mehr Dynamik gewünscht. Ich habe aber den Eindruck, dass wir zum Beispiel mit den Grundsatzentscheidungen von BMWi und BSI im Zusammenhang mit der Umsetzung der Standardisierungsroadmap auf einem Weg sind, der zum einen Klarheit schafft, zum anderen zu einer Beschleunigung führen wird, weil eben die wichtigsten Anwendungen in den Mittelpunkt gestellt werden und zeitnah ermöglicht werden. Das ist richtig und gut.

Wie zufrieden sind sie mit dem Geschäftsverlauf 2020, was erwarten Sie für 2021 und in den kommenden Jahren?

Bis 2030 werden 15 Millionen Einbaufälle für das SMGW erwartet. Ich verrate Ihnen kein Geheimnis: der Großteil dieser Zahl liegt noch vor uns.
 

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