Seit November 2025 ziehen die Aufträge in der Stromversorgungsbranche wieder an. Der Start ins Jahr 2026 war vielversprechend. Abgebaute Lager bei den Kunden ziehen Folgeaufträge. Der Investitionsstau der letzten Jahre scheint sich aufzulösen. Die nächsten Monate werden zeigen, ob das so bleibt.
Auch wenn der Iran-Krieg Ende März schon einige Wochen andauerte, waren sich die Teilnehmer des diesjährigen Stromversorgungs-Forums der Markt&Technik einig, dass seine Auswirkungen auf die Branche beschränkt blieben. Inzwischen haben die führenden deutschen Wirtschaftsinstitute unter dem Eindruck des Energiepreisschocks und der steigenden Inflationen ihr prognostiziertes Wachstum für 2026 halbiert.
Warum das für die Stromversorgungsbranche aber vorerst keine Auswirkungen haben dürfte, führt Nico Kagel, Regional Sales Director Central Europe bei XP Power, vor allem auf einen Faktor zurück: »Das De-Stocking, der Lagerabbau, hat endlich ein Ende gefunden. Vor diesem Hintergrund erwarte ich für 2026 ein Wachstum im unteren zweistelligen Bereich.«
Bernhard Erdl, Gründer und CEO der Puls-Gruppe, stimmt ihm zu: »Es ist wirklich erstaunlich, wie lange das De-Stocking angehalten hat. Dass es jetzt zu einem Ende gekommen ist, ist ein starker Grund dafür, warum die Aufträge anziehen.« Was das im konkreten Fall für Puls bedeutet, macht er so deutlich: »Wenn unsere Kunden für einen Monat mehr Ware aufs Lager legen, bedeutet das für uns ein Plus von 8 Prozent.«
»Bei uns fand im letzten Jahr eine starke Umschichtung des Umsatzes statt«, berichtet Kai Heinemann, General Manager Development and Product Management bei der Block Transformatoren-Elektronik. »Dieses Jahr ist aber gut gestartet, wir werden das erste Quartal deutlich zweistellig abschließen. Und es sieht aktuell so aus, als ob das auch im zweiten Quartal so bleiben würde.« Natürlich, so Heinemann, sei es auf der Basis der letzten Jahre einfacher, zweistellig zu wachsen als in einer Peak-Phase.
Warum 2026 besser läuft als 2025, macht Martin Tenhumberg, Managing Director DACH bei Traco Power, bildlich klar: »Letztes Jahr fühlte sich so an, als ob unsere Kunden im dicksten Nebel unterwegs wären, mit 10, 20 Metern Sicht, und entsprechend haben sie dann auch bestellt. Seit November letzten Jahres löst sich dieser Nebel auf, und die Kunden können wieder längerfristig planen. Immer dieses Klein-Klein macht ja keinen Spaß. Man will auch mal wieder von den Vorteilen eines Jahresrahmens profitieren.«
Auch wenn er für sein Unternehmen ein zweistelliges Wachstum für 2026 erwartet, ist sich Karsten Bier, CEO der Recom-Gruppe, absolut darüber im Klaren, dass das Spektrum bei den Kunden extrem sein kann. »Wenn ich mit meinen Vertriebsmitarbeitern rausgehe, dann reicht das beispielsweise von Geschäftsführern im Maschinenbaubereich, deren exportlastiges Geschäft in die USA komplett weggebrochen ist, bis zu Unternehmen im Smart-Metering-Bereich, die derzeit einen absoluten Boom erleben.«
Wie gut man von der aktuellen Marktentwicklung profitiert, hängt für Tobias Hübner, Head of Sales TDK-Lambda EMEA, von der Breite des Produktspektrums ab und von den Märkten, die man abdeckt: »Wenn man sich ansieht, was auf der Welt passiert, dann sind wir jetzt schon zwei, drei Mal im Aufbruch gewesen und sind dann wieder zurück ins Glied gegangen. Das kann wieder passieren.« Er sei optimistisch, dass es dieses Mal besser laufe, »aber ein Wachstum um 2 bis 5 Prozent wäre für mich noch keine Markterholung, man muss darum aufpassen, das sind noch ganz zarte Pflänzchen«.
Diejenigen, die heute besser dastehen als noch vor einem Jahr, haben nach Hübners Beobachtung Umstrukturierungen angestoßen, »die haben beispielsweise Produktbereinigungen durchgezogen und sich mit neuen Produkten am Markt positioniert. Sie haben von sich aus Maßnahmen eingeleitet, um wieder erfolgreich zu sein, und nicht auf die Politik gewartet. Und das ist in meinen Augen der Unterschied, warum unsere Kunden heute deutlich positiver in die Zukunft schauen als noch vor einem Jahr«.
Es habe im letzten Jahr Hoffnungen gegeben, dass nach einem Regierungswechsel schnelle Entscheidungen getroffen und Investitionsprogramme verabschiedet würden, in deren Folge dann Geld fließen würde, »aber die Gelder aus dem Sondervermögen müssen jetzt erst durch Behörden und Freigabeprozesse, durch den Bürokratismus«. Der Speed der Veränderung, den mancher nach dem Regierungswechsel erwartet habe, er sei nicht eingetreten.