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Recom steigt ins diskrete Powergeschäft ein

12. Mai 2026, 07:39 Uhr | Engelbert Hopf
Karsten Bier von Recom
Karsten Bier, Recom Gruppe: »Wie komplex das Geschäft geworden ist, zeigt sich daran, dass vermehrt amerikanische Kunden keine Produkte aus China mehr wollen. Das Votum ihrer Stakeholder ist da ganz eindeutig. Das hat nichts mit Schutzzöllen zu tun, diese Entscheidung hat eine ganz starke politische Komponente.«
© Componeers GmbH

Für Karsten Bier, CEO der Recom Gruppe, ist der Einstieg in den Bereich diskreter Stromversorgungslösungen die konsequente Fortsetzung der Unternehmensstrategie, Power-Lösungen vom Schaltschrank bis zum Sensor zu liefern. Eine Strategie, bei der auch ein verstärkter KI-Einsatz helfen soll.

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Markt&Technik: Herr Bier, wie hat sich der Umsatz der Recom-Gruppe 2025 entwickelt? Waren Sie damit zufrieden? Wie haben Trumps Zoll-Effekte Ihr Unternehmen tangiert?

Karsten Bier: Unsere Strategie ist es ja, vom Schaltschrank bis zum Sensor unsere Kunden mit entsprechenden Stromversorgungslösungen zu versorgen. Dazu haben wir in den letzten Jahren auch durch Akquisitionen die notwendige Infrastruktur aufgebaut. Im Rahmen dessen lag das Jahr 2025 mit einem Umsatz von knapp 25 Prozent Wachstum im Korridor unserer Erwartungen. Auf uns als österreichisches Unternehmen haben sich Trumps Zollmaßnahmen nicht negativ ausgewirkt. Was sich allerdings negativ auswirkt, ist die gestiegene Komplexität des Geschäfts, ein markanter Mangel an verlässlichen, fixen Parametern.

Kommen wir zum laufenden Geschäftsjahr 2026. Was war zu Beginn des Jahres das Wachstumsziel? Hat der Irankrieg in den letzten Wochen diese Pläne zu Makulatur gemacht?

Unser Ziel für 2026 ist ein Wachstum von deutlich über 30 Prozent. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen lösen sich bei den Kunden die Lagerwerte auf, die in den letzten Jahren ein deutliches Anziehen der Nachfrage verhindert haben. Zum anderen erweitern wir unser Portfolio über alle Industriesegmente substanziell, inklusive des bereits erwähnten Einstiegs in das Geschäft mit diskreten Power-Lösungen, die auf der embedded world 2026 zu sehen waren. Es ist davon auszugehen, dass dieser neue Geschäftsbereich bereits in diesem Jahr einen Beitrag zum Gruppenumsatz liefern wird. Der Irankrieg trägt in meinen Augen dazu bei, dass der erhoffte Aufschwung vorerst ein zartes Pflänzchen bleibt, und die Chance, dass der Markt 2026 substanziell anzieht, klein ist. Das gilt sowohl für das produzierende Gewerbe, das weiterhin mit angezogener Handbremse unterwegs ist, als auch für die Verbraucher, die 2026 weniger Kaufkraft haben als in den Vorjahren. Um in dieser Situation wachsen zu können, muss man produkttechnisch und von den Anwendermärkten und -regionen her breit aufgestellt sein und darüber hinaus innovative Produktideen haben.

Recoms Anspruch ist es, gegen geopolitische und logistische Risiken resilienter zu sein als andere Unternehmen. Die Straße von Hormus ist nicht das Rote Meer oder der Suezkanal. Welche Auswirkungen hatte der Krieg im Nahen Osten bislang auf das Recom-Geschäft?

Ich würde sagen: Direkt hat das keine Auswirkungen, aber das Risk-Management blickt noch mal ganz genau auf die Supply-Chain, was dazu führt, dass wir uns letztlich in einer Art Dauerkrisenmodus wiederfinden. Durch diesen Krieg ist letztlich der ganze Nahe Osten als Plattform für See- und Luftfracht in Frage gestellt. Und niemand ist in der Lage zu sagen, wie lange das dauern wird und wie viel Zeit es danach noch kosten wird, die beschädigte Infrastruktur wieder instand zu setzen. Damit erhöhen sich natürlich die Frachtkosten, und die Auswirkungen auf die Gas- und Ölpreise kann jeder selbst verfolgen.

Bleiben wir beim Thema Resilienz. Recom bietet Non-China-, Non-Taiwan- und Only-China-Lösungen an. Wäre in diesem Sinne nicht auch eine Only-Europe-Strategie/-Lösung ein Ansatz? Oder ist der logistisch und wirtschaftlich nicht umsetzbar?

Only Europe ist absolut ein Lösungsansatz, den wir verfolgen. Unser Produktportfolio umfasst mehr als 40.000 verschiedene Lösungen. Wir bemühen uns, im Sinne des Kunden immer eine Fertigungsalternative bereitzuhalten. Das beste Beispiel sind derzeit die USA, wir beobachten zunehmend, dass amerikanische Kunden keine Produkte mit Fertigungsstandort China beziehen wollen. Das hat aus meiner Sicht weniger mit den aufgerufenen Schutzzöllen zu tun als mit einer ganz starken politischen Komponente bei diesen Entscheidungen. In meinen Augen ist das ganz klar Teil der laufenden Deglobalisierung.

Unabhängig davon, ob der Supreme Court Trumps Zölle als irregulär eingestuft hat: Welche Auswirkungen hatten sie auf das Recom-Geschäft bisher? Ist davon auszugehen, dass sich daran in den nächsten Jahren noch etwas ändern wird?

Nach meinen Erfahrungen ist der Distributionsmarkt mit Freihandelszonen sehr gut aufgestellt. Letztlich ist das ein administratives Problem. Aber ich höre in meinen Gesprächen nicht oft, dass die Zölle ein Problem wären. Wer die Produkte braucht, nimmt die Zölle am Ende hin.

Bei Recom sollte das Thema USA-Standort/-Niederlassung sondiert werden. Ist man da inzwischen zu einer Entscheidung gekommen?

Unsere US-Niederlassung befand sich zu Beginn, ab 2006, zuerst in New York, seit 2015 sind wir in Denver/Colorado ansässig. Aber eine Fertigung in den USA? Die müsste zum einen hochautomatisiert sein, und die Supply-Chain dafür müsste dort zur Verfügung stehen. Aus unserer Sicht ist deshalb eine Fertigung in den USA nicht sinnvoll! Das mag zum Beispiel bei Vicor oder SynQor klappen, aber nicht in unserem kostensensiblen Industrieelektronikbereich!

Recom, das war in den letzten 20, 30 Jahren ein Synonym für Wandler-Module. Jetzt steigen Sie in den Markt für diskrete Power-ICs und Trafos ein. Ist das nicht eine 180-Grad-Wende? Was hat Sie zu dieser Entscheidung bewogen?

Nein, wir erfinden das Unternehmen mit diesem Schritt nicht neu, wir orientieren uns nur an den Marktgegebenheiten. Der Markt für diskrete Stromversorgungslösungen ist ungefähr doppelt so groß wie der für Modullösungen, und bisher haben wir von diesem riesigen Potenzial nicht profitiert. Für mich ist das darum eine folgerichtige Weiterentwicklung des Unternehmens. Das Thema ist ja für uns nicht prinzipiell neu. Unsere eigenen Module basieren schließlich auf Power-ICs und Trafos, die wir entwickeln und fertigen oder fertigen lassen. Die Erfahrungen und unser Know-how im Bereich diskreter Lösungen bieten wir nun konsequenterweise unseren Kunden an. Wir sehen, dass Kunden die Entscheidung, ob sie eine vorgefertigte Modullösung bevorzugen oder auf eine selbst entwickelte diskrete Lösung setzen wollen, bei Jahresstückzahlen von 50.000+ produzierten Einheiten treffen. Bei kleineren Volumina ist es – vorausgesetzt es gibt keine spezifischen technischen oder platzspezifischen Einschränkungen – wohl sinnvoller, eine diskrete Lösung zu finden. Dabei kommt es aber ganz wesentlich auf die Geschwindigkeit bei der Entwicklung und auf das Design-Know How beim Kunden an. Mit unserem konzeptionellen Ansatz, sowohl ICs als auch vorabgestimmte „matching“ Trafos aus einer Hand anzubieten, verkürzen wir die Time to Market ganz wesentlich. Darüber hinaus kann ein Entwickler auch noch ein fertig aufgebautes Eval-Board mit der gewählten IC/Trafo-Kombination innerhalb von 20 Tagen auf dem Tisch haben. Entwicklerherz, was willst du mehr? Damit spart sich der Kunde Entwicklungszeit und verkürzt seine Time to Market erheblich.

Diskret statt Modul. Welches Potenzial sehen Sie hier mittel- und langfristig für einen europäischen Mittelständler, der in erster Linie den Industrie-, Railway- und Automation-Markt bedient?

Unser Ziel ist es, Unternehmen mit substanziellen analogen Entwicklungsressourcen zu unterstützen. Die Entwickler müssen wir mit Design-Tools, Schematics und Referenz-Designs unterstützen. Wir sind da dran, um es den Entwicklern in ihrer zusehends hochautomatisierten Arbeit so einfach wie möglich zu machen, unsere Komponenten zu nutzen. Dabei kommt uns zugute, dass wir dieses Projekt seit über eineinhalb Jahren sehr zielstrebig verfolgt haben und dabei auch großen Wert auf die Bereitstellung der notwendigen Entwicklungsunterstützung gelegt haben.

Recom tritt in diesem neuen Bereich als David gegen die Goliaths der Halbleiterbranche an. Besteht da nicht auch die Gefahr, schlicht plattgemacht zu werden?

Die Stückzahlen, über die wir hier sprechen, sind für diese Goliaths überhaupt nicht interessant. Wir befinden uns mit unserem Angebot in einer Nische, die uns großes Potenzial bietet, für diese Goliaths aber letztlich im Rauschen des Markts untergeht. Letztlich versuchen wir, es mit unseren auf diese Anwendungen zugeschnittenen Produkten besser zu machen, als es diese Branchenriesen mit ihren General-Purpose-Produkten machen könnten.

Deutschland dürfte einer der größten Absatzmärkte für Recom sein. Bemerken Sie einen Stimmungswandel seit dem Regierungswechsel? Machen sich die Hunderte von Milliarden Sondervermögen, das unter anderem in die Infrastruktur und Bahn fließen sollte, in den Recom-Auftragsbüchern bereits bemerkbar?

In meinen Augen hat das weniger mit der Nutzung des zur Verfügung stehenden Sondervermögens zu tun, als mit einer vor allem systemerhaltenden Grundhaltung der Entscheider. Einen disruptiven Ansatz sehe ich bisher nur in der Militärtechnik, und dort hat das ja auch einen positiven Effekt! Die aktuellen Rahmenbedingungen einfach als das New Normal abzutun, ist in meine Augen eine Verniedlichung des Problems! Vor diesem Hintergrund muss ich sagen: Nein, einen wirklichen Stimmungswandel kann ich in den Bereichen, in denen wir tätig sind, bislang nicht erkennen. Es wird weiterhin auf Sicht bestellt, Ausnahmen sind die Militärtechnik sowie KI- und Serveranwendungen.

Größtes Hindernis für den Aufschwung sind angeblich die überbordende Bürokratie und das Gold-Plating von EU-Vorschriften in Deutschland. Was wären aus Recom-Sicht bürokratische Vorgaben, die entfallen könnten, und wo ist Gold-Plating im Stromversorgungsbereich schlicht fehl am Platz?

Ein Paradebeispiel ist für mich da die Diskussion um die Nutzung von KI. Wir sollten KI nicht bürokratisieren, sondern sie mit allen ihrem Potenzial für uns nutzen! Kulturelle Einigkeit, das ist unsere DNA in Europa, und auf dieser Basis sollten wir KI für uns nutzen! Wenn wir das nicht tun, wenn wir diese Welle verpassen, wird das tiefgreifende Konsequenzen haben. In einem globalen Wettbewerb müssen wir immer den einen Dreh besser sein als die Wettbewerber. Diese Haltung, dieses Denken in Kombination mit KI würde uns helfen, unser Produkt-Know-how in Kombination mit unseren Branchenkenntnissen noch besser auf die Straße zu bringen.

Auch die Themen Nachhaltigkeitsreporting, Lieferkettengesetz verursachen immer noch erheblichen Aufwand, obwohl hier die Gesetzgebung bereits erleichternd eingegriffen hat. Es kommen aber auch immer wieder neue Vorschriften aus USA – und im Gegenzug nun auch aus China – hinsichtlich Trade Compliance und Zolldokumentation, die Ressourcen binden und keinerlei Mehrwert generieren.

Vor allem in den letzten Jahren ist Recom auch durch Zukäufe wie Power Control Systems und zuletzt die Mehrheitsbeteiligung an Leco Power Supplies gewachsen. Zukäufe sollen auch in Zukunft das Wachstum treiben. Um welche Art von Zukäufen wird es dabei gehen? Werden sie technologiegetrieben sein, oder sollen sie der Erschließung neuer Marktsegmente dienen?

Unsere Akquisitionen werden immer technologiegetrieben sein! Mit der Erweiterung unseres Geschäfts um den Bereich diskreter Stromversorgungslösungen werden in Zukunft Joint Ventures für uns ein großes Thema sein. Wir sind jetzt auch Fabless-IC- und Magnetics-Hersteller, und wenn ich bei allem unternehmerischen disruptiven Denken eines nicht tun werde, dann eine eigene IC-Fertigung aufbauen!

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