Zwei Produktionsschwerpunkte in Deutschland und Polen, ein direktes Sourcing in China ab 2027 und eine gezielte Internationalisierung des Geschäfts: Anselm Hugle, Managing Director der MTM Power, ist dabei, dem Unternehmen ein neues Gesicht zu geben.
Markt&Technik: Herr Hugle, Sie kamen vor zwei Jahren aus der deutschen Großindustrie zu MTM Power. Was hat Sie an diesem Mittelständler gereizt, und welche Möglichkeiten sehen Sie für das Unternehmen?
Anselm Hugle: Interessant für mich war das große Potenzial, das ich in MTM Power sah. Das Unternehmen war stabil aufgestellt, aber es gab einige Punkte, die weiteres Wachstum erschwert und so die Entfaltung des vollen Potenzials verhindert haben. Wenn Sie sich die Zahlen ansehen, hat MTM Power über 750.000 Wandler in die Bahntechnik verkauft und mehr als 1,2 Millionen DC/DC-Wandler für die Flurfördertechnik gefertigt. Als Mittelständler beliefert das Unternehmen weltweit über 3.000 Kunden. Die Basis ist also grundsolide.
Meine Aufgabe sehe ich darin, Hemmnisse für weiteres Wachstum zu beseitigen und Prozesse zu optimieren. Dabei besteht eine meiner Herausforderungen darin, allen Beteiligten zu vermitteln, dass die Reise nach vorn geht. Es geht nicht darum, irgendwas aus Deutschland zu verlagern, nur weil es dort billiger ist, sondern weil es die Möglichkeiten bietet, die Stärken der Produktion hier in Deutschland weiter auszubauen.
Sie meinen damit die Übernahme des polnischen Wickelgüterspezialisten Elsit in Gliwice. Welche Pläne verfolgen Sie mit dieser Übernahme?
Zum einen wollen wir unsere technische Kompetenz im Bereich Wickelgüter weiter stärken – Elsit ist dafür aus unserer Sicht der ideale Partner. Gleichzeitig ist unser strategisches Ziel, Gliwice zu unserem Zentrum für Wickelgüter zu entwickeln.
Dazu verlagern wir die Wickelgüterproduktion aus Werk III in Unterweißbach nach Polen. Die frei werdenden Produktionsflächen nutzen wir für den Ausbau der Elektronikfertigung.
Da Wickelgüter anteilig die höchste Wertschöpfungszeit unseres Produktspektrums haben, ist die Verlagerung nach Polen für die zukünftige Entwicklung des Unternehmens der einzig richtige Weg. Ich gehe davon aus, dass diese Veränderung dazu beitragen wird, dass unsere Wickelgüter – die heute rund zehn Prozent zum Umsatz beitragen – in Zukunft noch interessanter für externe Kunden werden.
Sie hatten bisher in Thüringen etwa 200 Mitarbeiter, mit Gliwice dürften es nun etwa 240 Mitarbeiter sein. Werden Sie den Personalstamm weiter aufbauen?
Eine zentrale Herausforderung, die wir an unseren Standorten Mellenbach und Unterweißbach im Schwarzatal haben, ist der Mangel an potenziellen neuen Mitarbeitern. Das gilt sowohl für die Produktion als auch für andere Tätigkeiten.
Ich sehe in der Unternehmenserweiterung nach Polen auch die Möglichkeit, uns einen weiteren Zugang zu qualifizierten Fachkräften zu verschaffen, insbesondere im Entwicklungsbereich.
Sie haben den Kaufpreis für Elsit nicht veröffentlicht. Können Sie sagen, wie hoch die Investitionen bei MTM Power für die Internationalisierung und strategische Neuausrichtung sein werden?
Ich gehe davon aus, dass wir über den Zeitraum von 2024 bis 2027 insgesamt rund 3,5 Millionen Euro in den Transformationsprozess am Standort Schwarzatal investieren werden. Das parallel laufende Investitionsvolumen in Polen für 2025 und 2026 ist in etwa gleich hoch.
Mit dem Einstieg in diesen Transformationsprozess dürfte auch klar geworden sein, warum Sie Englischkurse angeboten haben ...
Zwischen den Standorten in Deutschland und Polen wird Englisch die gemeinsame Kommunikationssprache sein. Das ist jedoch nur ein Teil des Transformationsprozesses. Ab 2027 werden wir außerdem beginnen, direkt in China mit eigenen Mitarbeitern zu sourcen. Auch das setzt voraus, dass wir uns breiter aufstellen müssen.
Sie haben es bereits angesprochen: Sie sehen in Polen auch die Möglichkeit, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Sie sind vor Kurzem aber auch in Niedersachsen fündig geworden ...
Ja, wir haben im Mai vergangenen Jahres die Chance genutzt und uns in Wilhelmshaven vier neue Mitarbeiter für die Bereiche Entwicklung und Konstruktion gesichert. So eine Gelegenheit bietet sich nicht oft. Für uns als mittelständisches Unternehmen war das der Jackpot. Wir haben nun einen Pool von insgesamt 27 Entwicklern und sind so in der Lage neben den laufenden Entwicklungen zwei bis drei Neuprojekte pro Jahr zu realisieren.
Wir haben bisher über den laufenden Veränderungsprozess bei MTM Power geredet. Wie steht das Unternehmen denn aktuell da? Wie war die Umsatzentwicklung in den letzten Jahren?
Wir lagen bereits vor der Corona-Pandemie bei einem Umsatz von rund 20 Millionen Euro. In den letzten Jahren ist es uns gelungen, diesen kontinuierlich zu steigern. Unser Rekordjahr war bislang 2024 mit einem Umsatzvolumen von 28 Millionen Euro.
Wie sind Ihre Erwartungen für 2026? Eigentlich fing das Jahr ja sehr gut an, dann kam der Irankrieg. Wird das Einfluss auf Ihre Planungen haben?
Momentan gehen wir von einem jährlichen Wachstum von rund zehn Prozent aus. Bei einem rein organischen Wachstum erwarten wir bis 2030 ein Umsatzvolumen von über 30 Millionen Euro. Wir schließen jedoch auch weitere Akquisitionen nicht aus, die uns dann sicher über dieses Umsatzniveau bringen werden. Wir sehen uns entsprechende Möglichkeiten an und werden handeln, wenn uns vor allem die Technologie eines für uns interessanten Unternehmens strategisch weiterbringt.
In der Vergangenheit dürfte der Eindruck entstanden sein, dass MTM Power vor allem im Bereich Bahntechnik sowie Gabelstapler und Flurförderfahrzeuge aktiv ist. Wie verteilt sich aktuell das Umsatzvolumen zwischen den verschiedenen Anwendungsbereichen?
Konkret macht die Bahntechnik derzeit etwa 36 Prozent unseres Umsatzes aus. Auf Industrial Vehicles, also Gabelstapler und Flurförderfahrzeuge, entfallen rund 29 Prozent. Aber auch im Bereich Industrieelektronik sind wir stark. Mit circa 35 Prozent ist das inzwischen unser umsatzstärkstes Segment.
Sie sprachen zu Beginn unseres Interviews von Internationalisierung. Wie sieht denn momentan die regionale Umsatzverteilung aus? Entfällt nicht Ihr Hauptgeschäft bisher auf Deutschland?
Ja, das ist absolut richtig. Wir erzielen bislang 64 Prozent unseres Umsatzes in Deutschland. Europa trägt 21 Prozent bei. Auf den Rest der Welt entfallen etwa 15 Prozent, wobei hier der Schwerpunkt auf dem US-Geschäft liegt. Außer im Direktvertrieb in Deutschland sind wir über Distributoren in den wichtigsten Märkten weltweit vertreten und bauen gerade einen weiteren Vertriebspartner für Skandinavien auf.
Seit der »Zeitenwende« gewinnt das Thema Wehrtechnik nicht nur, aber auch in Deutschland immer mehr an Bedeutung. Ist das für Sie ein perspektivischer Markt?
Es ist nicht nur ein perspektivischer Markt. Das ist ein Markt, den wir bereits heute bedienen und der in den nächsten Jahren spürbar zu unserer Umsatzsteigerung beitragen wird. Wir verzeichnen aus der Verteidigungsindustrie einen deutlichen Auftragszuwachs. Dieser Bereich wird spürbar zu unserer Umsatzentwicklung 2026 und darüber hinaus beitragen.
Stromversorgungen für die Wehrtechnik sind ja für besonders raue Bedingungen nicht die einzigen Geräte, die Sie anbieten. Auch bei den IP67-geschützten Stromversorgungen erleben Sie derzeit eine erhöhte Nachfrage ...
Ursprünglich haben wir diese Stromversorgungsklasse bereits vor über 20 Jahren für Anwendungen wie Ölplattformen und Flurförderzeuge entwickelt.
Heute kommt uns der Trend entgegen, dass sich Stromversorgungen in der Industrieautomation zunehmend aus dem Schaltschrank direkt in das Anlagenumfeld verlagern. In erster Linie geht es dabei um robuste, flexibel integrierbare Stromversorgungslösungen – beispielsweise für IO-Link-Systeme in den verschiedensten Anwendungsbereichen.