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Feindbild Kurzstreckenflüge

Was Grüne und Fridays for Future verschweigen

25. Juli 2019, 12:36 Uhr   |  Ein Kommentar von Frank Riemenschneider, Chefredakteur Elektronik

Was Grüne und Fridays for Future verschweigen
© Global Coal Finance Tracker

China baut weltweit 300 neue Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 399 GWh.

Geht nach den Grünen, werden innerdeutsche Flugverbindungen zukünftig verboten. Vermeintlich sind sie das größte Übel bei den CO2-Emissionen, zumindest wenn es nach dem Bauchgefühl ihrer Anhänger und den demonstrierenden Fridays-for-Future-Schülern geht. Die Zahlen sagen etwas ganz anderes.

Dank meines Wohnsitzes München benötige ich keine Zubringerflüge nach Frankfurt oder eben München, um in die USA, nach Asien oder europäische Städten abzuheben.  2018 habe ich laut Miles-and-More-Kontoauszug gerade einmal 8 innerdeutsche Flüge absolviert, ein Verbot würde mich somit kaum treffen.

Vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Industrie geht es anders, fragen Sie nur einmal die Angestellten von VW, die Sonntags abends regelmäßig von Hannover z.B. nach China oder Korea auf Umsteigeverbindungen angewiesen sind, da es von Hannover keine Interkontinentalverbindungen gibt.

Ich leugne im Gegensatz zu Silicon-Valley-Größen wie z.B. dem ehemaligen Cypress-CEO T.J. Rodgers auch nicht den Klimawandel durch CO2-Emissionen. Nein, eine Reduktion tut dringend not, nur bei der Frage, wo man ansetzen muß, habe ich eine ganz andere Sicht als Grüne und Fridays for Future, deren weiblicher Guru Greta aus Norwegen ja am liebsten in europäischen Großstädten statt z.B. auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking auftritt, obwohl China derzeit 100 neue Flughäfen baut und zusätzlich zu den Bestehenden 300 neue Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 399 GWh in China selbst und 12 anderen Ländern hochzieht (Bild, im Vergleich: In Deutschland sind 150 Kohlekraftwerke mit 45 GWh installiert). Chinesische Staatsbanken haben bereits 21 Mrd. Dollar an zukünftiger Kohlefinanzierung zugesagt und weitere 14,6 Mrd. Dollar in Aussicht gestellt.

Das Grundproblem ist, dass innerdeutsche Flüge lediglich für 0,3 Prozent der deutschen CO2-Emissionen verantwortlich sind, die weltweit insgesamt nur 2 % ausmachen. Damit gehört der Flugverkehr zu den kleinsten CO2-Emittenten (Tabelle). Der Autoverkehr bringt es dagegen auf 20,8 Prozent, die Strom-/Wäremerzeugung auf 44 Prozent.

In der neuen Initiative der Grünen-Bundestagsfraktion haben fünf Abgeordnete eigentlich gute Ideen zur Stärkung des deutschen Bahnverkehrs entwickelt. Die Frage ist, warum es zur Begründung dieser Idee unbedingt eines Feindbildes bedarf.

„Angesichts der Klimakrise ist es höchste Zeit, Kurzstreckenflüge so schnell wie möglich überflüssig zu machen“, heißt es in dem Papier der Grünen-Politiker Daniela Wagner, Stefan Schmidt, Markus Tressel, Matthias Gastel und Oliver Krischer. Ziel müsse es sein, „Kurzstreckenflüge Zug um Zug auf die Schiene zu verlagern“, schreibt das Autorenkollektiv: „Neben der Einführung eines CO2-Preises von anfangs 40 Euro/Tonne fordern wir die schrittweise Einführung der Kerosinsteuer für Inlandsflüge.“ Markus Tressel, tourismuspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, ergänzte:  „Gerade Kurzstreckenflüge sind im Verhältnis zur erbrachten Verkehrsleistung besonders schädlich.“

Anteil CO2-Emissionen Deutschland 2015Prozent
Dienstleistungen6
Haushalte12
Industrie13
Strom/Wäreerzeugung44
Transport22
Andere Bereiche3
Von den 22 % Transport enfallen auf: 
Strasse20,88
Schifffahrt0,14
Anderer Verkehr0,26
Luftverkehr0,3

 

Nach Zahlen des Bundes der deutschen Luftverkehrswirtschaft ist der innerdeutsche Flugverkehr in den vergangenen 15 Jahren bereits um 22 Prozent zurückgegangen (Tabelle 2). Insgesamt hat sich der Luftverkehr ab deutschen Flughäfen seit 1990 verdreifacht, wobei sich aufgrund effizienterer Flugzeuge der Kerosinbedarf “nur” verdoppelt hat. Der globale Luftverkehr hat nach den Verbandszahlen an den weltweiten CO2-Emissionen einen Anteil von 2,7 Prozent. Die internationale Fliegerei wächst allerdings im Schnitt um rund fünf Prozent pro Jahr.

Nun also sollen innerdeutsche Flüge verboten werden. Flüge stellen in unserer Wirtschaft für täglich tausende Beschäftigte die einzige Möglichkeit dar, an einem Tag einen Kunden zu besuchen und ohne Übernachtung an diesem wieder zurückzukommen. Gerade die Grünen fordern – zu Recht – die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Geschäftstermine an einem Tag ohne Übernachtung sind für viele (alleinerziehende) Mütter die einzige Möglichkeit, Aussendienst und/oder Managementpositionen auszuüben.

Die Bahn mit einem Pünktlichkeitsfaktor von zuletzt unter 70% ist selbst wenn sie 100% erreichen würde, auf Grund der Fahrzeiten keine reale Alternative, wenn man z.B. als Münchener einen Termin in Hamburg, Hannover oder Düsseldorf hat. Tatsächlich sind 65 % der innerdeutschen Flugpassagiere Geschäftsleute, die unter einem Verbot leiden würden.

Und kommen wir last but not least auf die Mitarbeiter von VW zurück. Diese könnten bzw. müssten natürlich statt nach Frankfurt oder München zu fliegen, im Fall eines Verbotes nach Amsterdam, London oder Paris fliegen, um von dort ihre Reisen nach China oder wo auch immer anzutreten dann eben mit KLM, British Airways oder Air France statt mit der Lufthansa. Wirtschaftlich Leidtragende wären die deutschen Airports und natürlich erst Recht die Lufthansa-Gruppe, die ja immerhin rund 35.000 Arbeitsplätze geschaffen hat.

Mir konnte noch niemand erklären, warum es der Umwelt helfen soll, wenn Flugzeuge von Hannover statt nach München dann nach Amsterdam, London oder Paris fliegen. Was tatsächlich etwas bewirken würde, wäre eine Regierung, welche die Energiewende hin zu erneuerbaren Energien endlich professionell managt statt im provinziellen Delittantentum zu versinken. Wie Tabelle 1 zeigt, steht hier ein Anteil von nicht 0,3 %, sondern von 44 % der Emissionen zu Buche. Eine gut exekutierte Energiewende würde wirklich etwas bewirken, und das auch noch ganz ohne Verbote.

Tatsächlich wurden im 1. Halbjahr 2019 so wenige Windräder gebaut wie seit 20 Jahren nicht mehr. Mit 86 neuen Anlagen wurde die Anzahl von 2018 um 86 Prozent unterboten. Zieht man die rückgebauten Anlagen ab, bleiben gerade mal 35 neue Windräder. Der häufigste Grund für die Blockade: Klagen und ein Genehmigungsstau bei den Behörden. gegen 300 Anlagen wird geklagt – meistens wegen Verstößen gegen den Schutz von Vogel- und Fledermausarten – , gegen 1000 Anlagen hat die Flugsicherung Bedenken und gegen 900 hat die Bundeswehr Vorbehalte. Mittlerweile engagieren sich bundesweit 1000 Bürgerinitiativen gegen den Bau neuer Windräder.

Und in der Politik streiten sich CDU/CSU und SPD in einer Arbeitsgruppe zur Akzeptanz der Energiewende (“AG Akzeptanz”), u.a. über pauschale Abstandsregelungen für Windräder.

Ein weiterer sinnvoller Denkanstoß ist die Frage, ob man auf Zement verzichten kann. Bei der Herstellung von Zement wird nämlich mehr CO2 ausgestoßen als durch den gesamten weltweiten Flugverkehr. Die Zementherstellung ist, je nach Rechenweg und einbezogenen Produktionsprozessen, verantwortlich für 4 bis 8 % der globalen CO2-Emissionen. Wäre die Zement-Industrie ein Staat, sie läge bei den CO2-Emissionen an dritter Stelle, hinter China und den USA. Forscher haben bereits Alternativen zu Zement entwickelt. Warum werden sie nicht eingesetzt?

Entwicklung des Flugverkehrs Deutschland 2004-2018Prozent
Innereuropäische Flüge ab deutschen Flughäfen+24 %
Interkontinentale Flüge ab deutschen Flughäfen+56 %
Innerdeutsche Flüge-22 %
davon: 
weniger als 400 km Entfernung von Abflug und Ziel-31 %
400-600 km Entfernung von Abflug bis Ziel-16 %
mehr als 600 km Entfernung von Abflug bis ZIel-25 %

 

Lassen Sie mich zuletzt noch auf ein Argument der Fluggegner eingehen, man müsse ja die Zeit vom und bis zum Flughafen zu der tatsächlichen Flugzeit draufschlagen, während die Bahn vom Stadtmittelpunkt am Hauptbahnhof losfahre.

Dies suggeriert, alle Menschen wohnen in der Nähe des Hauptbahnhofs und alle Firmen am Zielort haben ihre Büros ebenfalls in der Nähe des Hauptbahnhofs.

Tatsächlich wohnen nicht nur viele Kolleginnen und Kollegen von mir außerhalb von Münchens, z.T. in der Umgebung des Flughafens, sondern auch die z.B. für mich relevanten Halbleiterhersteller haben ihre Niederlassungen um die Stadt verstreut. Tabelle 3 zeigt die Entfernungen und Fahrzeiten zu Infineon, Intel & Co. vom Flughafen München und vom Hauptbahnhof im Vergleich.

Der oft zitierte Zeitvorteil der Bahn von – in Abhängigkeit der Quelle – bis zu 2 Stunden ist in diesem Beispiel Makulatur. Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele, wo die Firmen tatsächlich im Stadtzentrum in Bahnhofsnähe angesiedelt sind. Aber die gerne vorgenommene Verallgemeinerung zu Gunsten der Bahn ist mehr als unzulässig.

FirmaFahrzeit vom Flughafen München in MinutenFahrzeit vom Hauptbahnhof MünchenVorteil HBF in Minuten
Intel30273
ST Microelectronics31256
Texas Instruments1544-29
NXP31229
Infineon442717
AMD30255
Nvidia341915
Xilinx33276

 

Fazit

Statt mit Verboten, deren Auswirkungen marginal wären, die deutsche Luftverkehrsbranche und deren Kunden zu schädigen, sollte die Politik endlich die Weichen dafür stellen, dass das Erneuerbare-Energien-Ziel von 65 % für 2030 tatsächlich erreicht werden kann (viele Experten haben Zweifel daran) und sich darum kümmern, dass auf der Strasse umweltfreundlichere LKWs/PKWs und vor allen Dingen weniger Fahrzeuge anzutreffen sind. Diese beiden Felder stehen alleine für zwei Drittel der deutschen CO2-Emissionen, dort kann man mit den richtigen Maßnahmen wirklich etwas bewegen, nicht bei den 0,3 % Emissionen der innerdeutschen Flugverbindungen.

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