Wie IMST die HF-Zukunft sieht

»6G wird die nächste große Welle!«

2. November 2022, 11:00 Uhr | Heinz Arnold
Waldow Peter Prof.
IMST-Gründer und CEO Peter Waldow: »Überall, wo es ein Kabel gibt, entwickeln wir die Funkalternative dazu!«
© IMST

Funktechnikspezialist IMST feiert Geburtstag und freut sich schon auf die nächsten 30 Jahre, denn eines ist klar: Nur mit den neusten Funktechnologien können die großen Probleme unserer Zeit bis hin zum Klimawandel gelöst werden.

Markt&Technik: In diesem Jahr feiert IMST seinen 30-jährigen Geburtstag, eine Erfolgsgeschichte, im Laufe derer sich das Unternehmen immer wieder neu erfunden hat. Da stellt sich die Frage: Mit welchen neuen Technologien und Produkten geht IMST die nächsten 30 Jahre an?

Prof. Peter Waldow, IMST-Gründer und CEO: Da sehe ich ganz vorne 6G, wo es um Frequenzen über 100 GHz geht, beispielsweise im D-Band (110 bis 170 GHz), dort wird es erste Entwicklungen geben. Aktuell geht es in der praktischen Anwendung darum, 5G in all seinen Facetten auszurollen, da stehen wir ja noch am Anfang. Aber die frühen 6G-Entwicklungen starten bereits. Es tut sich im Moment sehr viel, das wird der große Trend über die nächsten zehn Jahre und wir wollen von Anfang an vorne dabei sein. Mit unserer tiefgehenden Erfahrung in der Höchstfrequenztechnik sind wir bereits jetzt in vielen Projekten als Partner involviert. Der Rollout dürfte Anfang der 2030er-Jahre losgehen.

Was wird die Rolle von IMST dabei sein?

Neue Materialien werden dabei eine sehr wichtige Rolle spielen, beispielsweise Metamaterialien mit negativer Dielektrizitätskonstante, etwa um Beamforming in den THz-Bereich zu skalieren. Wir beschäftigen uns zwar nicht mit den Materialien, aber wir führen dazu wichtige Simulationen durch. Dabei helfen uns auch technische Entwicklungen aus anderen Bereichen, beispielsweise der 3D-Druck für Linsen-Strukturen im THz-Bereich. Damit können wir schnell genau die Bauteile im eigenen Haus fertigen, die wir für unsere Entwicklungen benötigen. Das ist ein riesiger Fortschritt.

Kernkompetenz von IMST ist die Entwicklung innovativer Schaltungen, die Schaltungstechnik und das Design der integrierten Schaltungen im Kundenauftrag. Erst die Integration schaffte die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit für den Kunden und führt zur Erschließung neuer Märkte mit innovativen Technologien, wie Beamformer-Chips oder aber proprietäre Rad-Hard-Bauelemente (Radiation Hardened, Anmerkung der Redaktion) für das Space-Segment.

Im 5G-Sektor wird sich doch ebenfalls noch einiges tun?

Das ist richtig, da geht es jetzt darum, komplette Systeme für die Messtechnik und die Simulation zu entwickeln. Wobei der Schwerpunkt in Zukunft vermehrt auf Simulationen liegen wird. In diesem Bereich haben wir über die vergangenen Jahre einen Schwerpunkt gesetzt und die Software »Empire« entwickelt, eine »Software von Ingenieuren für Ingenieure«, wie wir immer sagen. Sie kam am Markt sehr gut an. Ich bin mir sicher, dass die Simulation künftig auch die komplexe Messtechnik ersetzen bzw. ergänzen wird.

Mit Empire machen wir genau das: Wir holen uns die Beschaltungen des Prüflings in den Rechner und simulieren. Die Messung verifiziert dann nur noch die Simulation. Das ist ein Weg, um die immer komplexer werdenden 5G-Funkgeräte kosteneffektiv prüfen zu können.

Inzwischen spielt die Prüftechnik für IMST eine wichtige Rolle. Wie ist IMST überhaupt zur ihr gekommen?

Das ist richtig, die Prüftechnik hat sich zu einem wichtigen Standbein des Unternehmens entwickelt. Seinen Anfang hatte das zu Beginn der 90er-Jahre genommen. Damals befürchteten viele, dass die GSM-Mobilfunkstrahlen gesundheitsschädlich wären. Dem wollten wir auf den Grund gehen, und so weihten wir 1997 unser EMV-Prüfzentrum ein, in dem wir unter anderem über SAR-Messungen (Specific Absorption Rate) untersuchen wollten, welchen Einfluss der Mobilfunk auf biologische Systeme hat.

Das EMV-Prüfzentrum – übrigens der erste große Erweiterungs-Antrag der IMST GmbH, der dann auch die notwendigen Finanz-Mittel enthielt – war ein Glücksgriff, wie sich herausstellen sollte. Heute zertifizieren wir beispielsweise LoRa-Produkte im eigenen Labor gegen den Goldstandard.

Die eigene Fertigung und das Prüfzentrum ergänzen sich also?

Da wir LoRa-Produkte auch sehr erfolgreich selber fertigen, können wir auch, wenn gewünscht, für externe Kunden erfolgreich beratend tätig sein. Denn mit unserer LoRa-Erfahrung erkennen wir nicht nur, dass etwas nicht funktioniert, sondern warum etwas nicht funktioniert und wie man das Kunden-Problem effizient beheben kann.
Das Prüfzentrum selbst ist völlig autark und personell strikt von den operativen Abteilungen getrennt.

Als IMST in die Messtechnik eingestiegen ist, war an LoRa ja noch nicht zu denken – dagegen blühte die Mobilfunktechnik in Europa, was dann aber plötzlich endete. Was kam danach?

Wie Sie schon in Ihrer Eingangsfrage erwähnt hatten, musste sich IMST immer wieder neu erfinden. Im Rückblick war es eigentlich eine Geschichte ständiger Krisen. 1992 habe ich zusammen mit Prof. Ingo Wolff das »Institut für Mobil- und Satellitenfunktechnik«, kurz IMST, als An-Institut der Uni Duisburg in Kamp-Lintfort gegründet, um ein Wissenszentrum für HF-Technik aufzubauen. 1995 weihte der damalige Ministerpräsident Johannes Rau das Gebäude in Kamp-Lintfort ein. Unser Renner war damals das Radiophone – ein Autoradio mit integriertem Telefon –, das wir 1997 für Bosch Blaupunkt entwickelt haben und das in Hunderttausender-Stückzahlen produziert wurde. Dann kam Bluetooth und das Radiophone wurde ersetzt. Die Dot-Com-Krise 2001 tat ein Übriges.

Doch wieder war Rettung in Sicht?

Ja, die Rettung waren die Mobiltelefone, für die wir die HF-Komponenten entwickelten, besonders für die von Siemens, denn mit Siemens bestand seit der Gründung eine enge Zusammenarbeit. Im S25, S35, S45, S65, überall waren wir zwischen 2000 und 2005 drin. Als der Siemens-Nachfolger BenQ in Insolvenz ging, brach unser mit Abstand größter Kunde weg – somit mussten wir uns neu erfinden. Wir besannen uns auf die Worte unseres Gründers Prof. Wolf, der gesagt hatte: »Mobil ist alles, was nicht fest installiert ist.«

Wir hatten ja schon von Anfang an weit über den Mobilfunk hinaus gedacht und beschäftigen uns wieder verstärkt mit den übrigen HF-Technologien und -märkten. Auch um uns nie mehr von einem oder wenigen Kunden abhängig zu machen. Kurz gesagt: Überall, wo es ein Kabel gibt, entwickeln wir die Funkalternative dazu!


  1. »6G wird die nächste große Welle!«
  2. Expansion in neue Märkte - Automotive, HF-Simulation, Systemintegration

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