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Technik als Schulfach

„Bitte nicht noch mehr Theorie!“

18. November 2013, 08:36 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

„Bitte nicht noch mehr Theorie!“
© bllv

Simone Fleischmann ist Leiterin der Abteilung Berufswissenschaft im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) und Rektorin an einer oberbayerischen Grundschule. "Ein zusätzlicher, rein theoretischer Unterricht kann es auf jeden Fall nicht sein."

Technik, die Spaß macht, dabei aber die Lust am Lernen nicht vermiest – Simone Fleischmann ist Leiterin der Abteilung Berufswissenschaft im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) und Rektorin an einer oberbayerischen Grundschule. Wie bewertet sie die Chancen von frühem Technikunterricht?

Frau Fleischmann, soeben hat der wirtschaftsnahe „Aktionsrat Bildung“ den bundesweit flächendeckenden Ausbau von rhythmisierten Ganztagsgrundschulen gefordert. In diesem Jahr wurden in Bayern alle Anträge auf zusätzliche Züge für Ganztagsklassen genehmigt – ist das der richtige Rahmen für Technik-Unterricht?

Simone Fleischmann: Jein. Das heißt, nur unter bestimmten Voraussetzungen. Am Geld scheitert es zwar nicht, soviel ist schon mal klar. Aber die Rechnung, „Ganztagsklassen haben mehr Zeit, also auch für Technik“, geht nicht auf. Denn  es geht um die Qualität der Lernzeit, nicht um die die Quantität.

So wünschenswert Technik-Unterricht ist: Er konkurriert mit anderen, ebenso wünschenswerten Ausbildungsinhalten. Und da müssen wir zwischen wichtigen Basics und „nice to have“ dringend unterscheiden. Etwa Medienerziehung, Gesundheitserziehung, Umwelterziehung und Sexualerziehung. Was davon soll hier on top kommen?

Der Industrie würde die Prioritätensetzung nicht schwer fallen...

Natürlich wünscht sich die Industrie mehr Technik-Unterricht. Zuallererst aber müssen wir sicherstellen, dass wir kein Kind verlieren, und dazu sind Lesen und Spracherwerb unerlässlich. Erst wenn das klar ist, können wir über Technikunterricht reden.

Ein zusätzlicher, rein theoretischer Unterricht kann es auf jeden Fall nicht sein. Stattdessen ist Reflexion wichtig: welche Rückschlüsse kann der Schüler, die Schülerin aus einem Experiment ziehen? In der Grundschule muss vor allem bei der Spiellust der Kinder angesetzt und ein Bezug zu unserer Lebenswelt hergestellt werden, an den weiterführenden Schulen sollte die Reflexion auch auf die Fächer Mathematik, Physik oder Biologie erfolgen. Der Fachbegriff dazu lautet Ko-Konstruktion.

Am achtjährigen Gymnasium ist der Lehrplan aber überfrachtet; Technikunterricht hier einfach zusätzlich anzubieten, greift unserer Meinung nach zu kurz.
Klar ist aber auch: die Experimentierlust hat positive Auswirkungen auf alle anderen Fächer, und nicht zuletzt steigert ein geglücktes Experiment das Selbstwertgefühl. Experimentieren zu fördern sollte also große Priorität haben. 

Welche Rolle spielt „Technik“ im neuen Lehrplan?

Das Thema ist in der für 2014 geplanten Neuauflage des bayerischen Lehrplans „mitgedacht“, aber es steht nicht im Vordergrund. Das heißt, es wurden dafür weder spezielle Stunden ausgewiesen noch ist es strukturierter Unterrichtsgegenstand. Im Moment muss man das Thema als noch als Randbereich sehen.

Gibt die bisherige Lehrerausbildung so etwas überhaupt her oder bräuchte es erst eine entsprechende Ausbildung?

In der Tat sind die Lehrerinnen an den bayerischen Grundschulen häufig selbst Opfer einer gewissen „Technik-Angst“.  Eine spezielle Technik-Ausbildung im Lehramtsstudium gibt es nicht, noch nicht! Das wäre als neuer Lehrinhalt wünschenswert.

Wie sollte der Lehrplan denn Ihrer Meinung nach reformiert werden?

Das Thema Ko-Konstruktion ist im neuen Lehrplan gesetzt! Nun geht es darum, in der Grundschule ganz grundlegende gewünschte Basiserfahrungen festzuschreiben und gezielt auszuwählen. Und zwar ganz unabhängig ob Ganztagsklasse oder nicht. Weniger ist hier sicher mehr.

Könnten denn externe Spezialisten, etwa Ingenieure, im Unterricht Hilfe leisten?

Auch wenn wir mit externen Experten gute Erfahrungen im Rahmen der Ganztagsklassen gemacht haben: Ihre Einbindung und die Übertragung auf den konkreten Unterricht ist nicht immer möglich. 

Das Gespräch führte Corinne Schindlbeck


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