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Markt&Technik Roundtable »Innovation«

Frischzellenkur durch Cluster


Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Von der Smart-Product- in die Smart-Service-Welt

Phoenix Contact
Eine Region auf dem Weg in die Digitalisierung, dank Regio-Netzwerk: »Die Bestandaufnahme war ursprünglich‚ „wir sind am A… der Welt – was können wir tun?“. It’s OWL macht uns als Region attraktiver«, sagt Prof. Gunther Olesch, Phoenix Contact.
© Markt&Technik

»Es gibt Leute, die so etwas machen wollen. Sie scheitern daran, dass es kein Ökosystem gibt, wo die richtigen Leute mit dem richtigen Netzwerk an einem Tisch sitzen und den Geldbeutel aufmachen. Hier kann Politik ansetzen. Gegen Landflucht, als Alternative zu Ballungsräumen wie München, wo sich die Menschen um Wohnungen prügeln müssen, und mit positiven Effekten auf Verkehr, CO2 etc. Aber es braucht Unterstützung von ganz oben, um den Anstoß zu geben und Bremsen zu lösen.«

Der Ex-Topmanager und jetzige Bundestagsabgeordnete der FDP, Thomas Sattelberger, kann dieser Idee viel abgewinnen, vor allem mit Blick auf die rund drei, vier Dutzend traditionsreichen industriellen Cluster in Deutschland: »Die Optik in Oldenburg, die Prüf- und Messtechnik in Göttingen, die Feinmechanik im Schwarzwald, die Medizintechnik in Tuttlingen. Sie alle stehen als industrielle Cluster vor der Herausforderung, von der Smart-Product- in die Smart-Service-Welt zu kommen, also auch die Dienstleistungen mit anzubieten, die mit so einem Produkt verbunden sind, und zudem neue, andere Dienstleistungen zu entwickeln. Denn in diesen Mittelständlern liege die Zukunft.«

Umgekehrt nütze die beste Gründerökologie nichts, wenn sie entkoppelt sei von diesen maßgeblichen industriellen Clustern. Also müsse es zusätzlich zu den großen Gründer-Zentren in München oder Berlin weitere Öko-Systeme geben, die die spezifischen Herausforderungen der jeweiligen Cluster anpacken, »echte Freiheitszonen, Hybride zwischen alter und neuer Welt«.

Doch wie wird man zum Ökosystem aus Kapital, Gründer-Standort und industriellem Kompetenz-Cluster? Sattelberger illustriert die Marschrichtung mit drei plakativen Fragen: »Warum sollte ein Wagniskapitalgeber in Oldenburg investieren? Warum sollte ein Gründer in Oldenburg sein? Und warum sollte ein Ingenieur der Hochschule München nach Oldenburg gehen?«

Sattelberger denkt dabei auch an Vorbilder wie Silicon Valley, Shenzhen oder Sophia Antipolis. »Wieviel wir davon designen können, weiß ich nicht! Aber es muss attraktiv sein. Für Wagniskapital, also braucht es eine Finanzökologie. Für Gründer, also braucht es besondere Innovations-, aber auch Anti-Bürokratie-Bedingungen und genügend andere, die so denken wie ich. Und für Fachkräfte: Denn wer geht denn heute aufs flache Land? Talente gehen dorthin, wo die Bildung gut ist, Gesundheit gut ist, Infrastruktur gut ist. Und weil man dort mit seinem Leben etwas anfangen kann.« Freilich, so Sattelberger, das sei Industriepolitik für die nächsten zwei oder drei Jahrzehnte und nicht innerhalb der nächsten fünf Jahre zu stemmen.

Also auf die Politik warten? Besser nicht.

Prof. Gunther Olesch ist Geschäftsführer und oberster Personaler von Phoenix Contact aus Blomberg in in Ostwestfalen-Lippe und ein engagierter Befürworter von Regio-Netzwerken. Sein eigenes heißt „It’s OWL“. Dank diesem ist die Region heute schon da, wo andere gerne wären: überregional bekannt, untereinander bestens vernetzt, mit 120.000 Unternehmen und einem Bruttoinlandsprodukt von 60 Mrd. € einer der stärksten Wirtschaftsstandorte in Deutschland. Nach zwei Jahrzehnten des Aufbaus.
Hat Deutschland so viel Zeit? Am Geld dürfe es nicht liegen, findet Meyer-Mölleringhof: »Wir sind eines der reichsten Länder der Welt, aber wir setzen die falschen Prioritäten.«

»It’s OWL macht uns als Region attraktiver«, bekräftigt Gunther Olesch, man sei bereits zweiterfolgreichste Region im Maschinenbau nach dem Stuttgarter Raum. Das ziehe auch Fachkräfte an.

Wie alles anfing? Olesch: »Die Bestandaufnahme war ursprünglich‚ „wir sind am A… der Welt – was können wir tun?“ Fünf Unternehmen waren es im Kern gewesen, die sich damals zusammentaten, jetzt sind wir 120.«

Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft lautet das Erfolgsmodell im Spitzencluster It’s OWL – und wird fortgeführt. 2012 lautete das Ziel Digitalisierung: Miele, Beckhoff, Lenze, Wago, Dr. Oetker, Phoenix Contact, Kannegießer und andere – »sie alle haben sich zusammengeschlossen mit dem Ziel, die Digitalisierung voran zu treiben«, erklärt Olesch. Erfolgreich: »In fünf Jahren wurden 20.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, Hochschulen wurden ausgebaut, ein Fraunhofer-Institut kam hinzu. Das ist durch die Region, durch einen Zusammenschluss der Unternehmen mit Hochschulen und Vor-Ort-Politik entstanden! Ein Modell, das andere Regionen nachahmen müssen!«

Wie geht’s weiter?


  1. Frischzellenkur durch Cluster
  2. Von der Smart-Product- in die Smart-Service-Welt
  3. Industrie 4.0 im Nordschwarzwald

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