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Weit stärker verwoben als gedacht

19. Februar 2021, 09:35 Uhr   |  Engelbert Hopf

Weit stärker verwoben als gedacht
© Markt&Technik

Engelbert Hopf, Chefredakteur, EHopf@weka-fachmedien.de

Im Gefolge der späten Einigung in den Brexit-Verhandlungen führen die wieder eingeführten Zollaktivitäten an den Grenzen der EU zu Großbritannien zu Lieferverzögerungen

Natürlich drängt sich die Frage auf, wie es angesichts jahrelanger Verhandlungen zur Loslösung von der Europäischen Union geschehen konnte, dass offenbar Teile der Wirtschaft des Landes, das diese Loslösung will, sowie Teile der Exekutive dieses Landes nur mangelhaft auf das vorbereitet sind, was folgt, wenn dieses Bestreben erfolgreich ist. Auch wenn es absurd klingen mag – offenbar hat die Zeit dafür gefehlt.

Angesichts der Probleme, die es im Warenverkehr zwischen der EU und Großbritannien seit Inkrafttreten des Brexit zum Jahresbeginn gab, dürfte spätestens jetzt klar sein, was ein harter Brexit ohne Absprachen letztlich für beide Seiten bedeutet hätte: Chaos pur. Zocken mit dem Ziel einer Einigung kurz vor knapp mag aus Sicht der Brexetiers für ihre politische Erfolgsgeschichte Sinn gemacht haben, für die Übrigen könnte man diese Strategie auch desaströs nennen.

Blickt man auf die Zahlen von 2019, dann war Großbritannien mit 9,8 Milliarden Euro der achtgrößte Exportabnehmer der deutschen Elektroindustrie. Wir wiederum importierten elektrotechnische und elektronische Erzeugnisse im Wert von 4,2 Milliarden Euro von der Insel. Von Januar bis November 2020 sanken die deutschen Elektrolieferungen nach Großbritannien um 13 Prozent. In den Jahren 2013 bis 2017 stiegen sie nach Angaben des ZVEI jährlich zwischen 3 und 10 Prozent. Zu dieser Zeit lag Großbritannien noch auf Rang vier im Exportabnehmer-Ranking der deutschen Elektroindustrie.

Wer angesichts dieser Verwobenheit bis kurz vor knapp nicht weiß, ob und wenn ja in welcher Form Grenzkontrollen und -formalitäten wieder eingeführt werden, hängt in der Luft. Was es letztlich bedeutet, nicht mehr Bestandteil des EU-Wirtschaftsraums zu sein, dürfte auf der Insel in aller Konsequenz wohl nur Außenhandelsexperten einer Generation klar gewesen sein, die auch in Großbritannien schon seit Jahren in Rente ist.

Die Dinge werden sich in den nächsten Wochen und Monaten einspielen, auch wenn das bedeutet, dass die Just-in-Time-Vorlaufzeiten in Großbritannien inzwischen nicht mehr bei vier Stunden, sondern bei zwei Tagen liegen. In letzter Konsequenz werden die damit verbundene Lagerhaltung, die Bürokratie und die verringerte zeitliche Liefergenauigkeit sich in den nächsten Monaten in steigenden Kosten niederschlagen und eventuell einige Liefermodelle wettbewerbsunfähig machen.
Welche Konsequenzen die Erfahrung mit dem Brexit für das Ökonomiekonzept des „Global Britain“ hat, wird die Zukunft zeigen. Einfacher, soviel scheint jetzt schon klar zu sein, dürfte es für die britische Wirtschaft nicht werden.

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