Arms Gründer und CTO Mike Muller:

»Je mehr schlimme Dinge passieren, desto sensibler die Branche«

4. Dezember 2018, 13:46 Uhr | Frank Riemenschneider
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Die IP-Schmiede Arm ist mittlerweile auf 6000 Mitarbeiter gewachsen. Im Exklusiv-Interview mit der DESIGN&ELEKTRONIK beschreibt Gründer und CTO Mike Muller Arms Strategie für weiteres Wachstum und beklagt sich über mangelndes Problembewusstsein der embedded-Branche für Security.

DESIGN&ELEKTRONIK: Mike, Ihr Eigentümer Softbank investiert viel Geld in Arm, die Folge ist sehr schnelles Wachstum. Von 2015 bis 2018 erhöhte sich die Anzahl Ihrer Mitarbeiter inklusive des Joint Ventures in China von rund 4000 auf über 6000, also rund 50 Prozent mehr in drei Jahren. Ist das überhaupt organisatorisch noch verkraftbar? 

Mike Muller: Wir haben schon einige Wachstumszyklen hinter uns gebracht, wo die Hälfte der Mitarbeiter weniger als drei Jahre für uns gearbeitet hat. Da haben wir gelernt, wie Integration funktioniert. Nichtsdestotrotz habe ich jetzt erstmals das Gefühl, dass wir eine richtig große Organisation sind (lacht), was sich ja auch in der Aufteilung in die beiden Gruppen IPG und ISG wiederspiegelt.

Wenn Sie wachsen, besteht die große Herausforderung darin, dass die Organisation mehr und mehr das spiegelt, was die Organisation will und nicht was der Kunde will. Da haben wir über unsere neuen Geschäftsbereiche nachjustiert, um sicherzustellen, dass die unterschiedlichen Bedürfnisse unterschiedlicher Märkte abgebildet werden. In der Vergangenheit wurden diese de facto von den Entwicklungsteams konsolidiert.

Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich denke, dass wir unser Wachstum gerade gut managen. 

DESIGN&ELEKTRONIK: Bevor wir uns den einzelnen Märkten zuwenden, möchte ich einmal generell auf Ihre Expansionsstrategie eingehen. Es gibt aus Sicht eines SoCs keinen Bereich mehr, für den Sie nicht Standard-IP anbieten, neben CPUs, GPUs zum Beispiel auch Wireless-IP, System-IP und Security. Und dann bieten Sie mit der Pelion-IoT-Plattform und PSA auch Lösungen auf Basis Ihrer IP an. arm stößt damit in Bereiche vor, die früher von den Lizenznehmern mit proprietären Ansätzen bedient wurden. Warum sollte ein arm-Lizenznehmer ein aus dem arm-Portfolio aufgebautes SoC entwickeln, wenn er sich dann nicht mehr differenzieren kann?

» Wir ermöglichen weiterhin unseren Partnern, zu innovieren und sich zu differenzieren. «

Mike Muller: Da stimme ich Ihnen nun gar nicht zu ! Wir machen ja keine kompletten SoC-Designs. Natürlich haben Sie Recht, dass wir IP für die relevantesten IP-Blöcke anbieten, aber es gibt unzählige Möglichkeiten, Ihre Lösung auf den Markt zu bringen. Schauen Sie doch mal die ganzen unterschiedlichen Smartphones an zum Beispiel Wir ermöglichen weiterhin unseren Partnern, zu innovieren und sich zu differenzieren.

DESIGN&ELEKTRONIK: Lassen Sie uns kurz durch arms Kernmärkte gehen. Beim Mobile Computing haben Sie einen Marktanteil von über 90 Prozent und auch die Anzahl der Cores pro Gerät bewegt sich auf eine natürliche Grenze zu. Wie wollen Sie zukünftig Ihre Royalities pro Gerät noch weiter steigern, wenn organisches Wachstum des Marktes nur noch limitiert möglich ist? 

Mike Muller: Das ist richtig, das Wachstumspotential liegt sicher in zusätzlichen Beschleunigern wie zum Beispiel für maschinelles Lernen, wenn man sich die nächsten fünf Jahre anschaut, selbst bei einem gesättigten Markt können Sie dank eines größeren Transistor-Budgets weiterhin innovieren, sehen Sie nur mal die arm-Always-On-Laptops, die Sie jetzt kaufen können als Beispiel.

DESIGN&ELEKTRONIK: Für den Infrastruktur-Markt, also Server, Router, Gateways, Basisstationen und Top-of-the-Rack-Switches haben Sie ein neues Brand »Neoverse« vorgestellt und angemerkt, dass arm bereits einen Marktanteil von 28 Prozent hat – mit sehr unterschiedlicher Verteilung auf die genannten Anwendungen. Wie schaffen Sie es, im x86-dominierten Server-Markt endlich mehr als ein Nischenanbieter zu werden?

Mike Muller: Sie haben Recht, je näher es an die Edge geht, desto höher sind sicherlich unsere Marktanteile. Das entscheidende für den Markterfolg ist die Software-Basis, mit Linux haben wir jetzt eine gereifte und sichere Basis. Eine gereifte Software-Basis zu erreichen dauert Jahre, da können Sie nicht einfach Geld in die Hand nehmen und auf zeitnahe Erfolge hoffen. Der einzige Weg dorthin ist Iteration über Iteration und ich denke, wir haben das jetzt erreicht. Wir haben OEMs, die Arm-basierte Lösungen verkaufen und gelernt haben, wie man damit Kosteneinsparungen erzielen kann.

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DESIGN&ELEKTRONIK-Chefredakteur Frank Riemenschneider traf Arms Gründer und CTO Mike Muller in San Jose, Kalifornien.
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Wenn Sie Software-Basis sagen, heute wird die im Server-Umfeld klar von x86, also Intel, dominiert, wie lange glauben Sie, dauert es, bis Sie von heute geschätzten ein Prozent Marktanteil auf zehn Prozent wachsen? 

Mike Muller: Ich denke, das kann sehr schnell gehen, innerhalb von zwei bis drei Jahren.

DESIGN&ELEKTRONIK: Auf Ihrer Neoverse-Roadmap haben Sie bis 2021 pro Produktgeneration einen Zuwachs an Rechenleistung von 30 Prozent angekündigt, fünf bis zehn Prozent mehr als bei den Cortex-Consumer-Produkten. Wenn die Mikroarchitektur identisch sein wird, wo wollen Sie die zusätzlichen fünf bis zehn Prozent Steigerung holen? Und worin werden sich Cortex- und Neoverse-CPUs generell unterscheiden?

Mike Muller: Wenn Sie ein zusätzliches Transistor-Budget haben, können Sie das natürlich unterschiedlich investieren, in die Kern-Mikroarchitektur selbst aber natürlich auch in sie umgebene Komponenten wie zum Beispiel die Größe des Sprungziel-Puffers bei der dynamischen Sprungvorhersage. Ähnliche Mikroarchitekturen heißen nicht identische Implementierungen. In einem Server-Rack haben Sie ja nicht dieselben Limitierungen der Leistungsaufnahme wie in einem Smartphone. Weitere Unterschiede betreffen aus demselben Grund das Cache-Subsystem, das Gehäuse und die 3D-Speicher, die Sie in das Gehäuse stecken können.

 » Am Leading Edge kommen Mobil-Chips vor Server-Chips. «

DESIGN&ELEKTRONIK: Gibt es auch Unterschiede bei der Chip-Fertigung? 
Mike Muller: Das ist eine interessante Frage. Denn heute findet ja die »Premium-Chip-Fertigung« bei Mobiltelefonen statt, das heißt, am Leading Edge kommen Mobil-Chips vor Server-Chips. Eine andere Geschichte sind natürlich die Speicher, wo teure Technologien wie 3D-Stacking von Chips in der Regel nicht im Konsumer-Markt zum Einsatz kommen und daher von der Server-Seite getrieben werden.

DESIGN&ELEKTRONIK: Im Bereich Automotive haben die meisten Chip-Hersteller ohnehin schon Ihre IP lizensiert, dennoch ist Ihr Marktanteil mit rund zehn Prozent übersichtlich. Brauchen Sie somit nur zu warten, bis die Autos immer smarter werden, um automatisch mitzuwachsen oder gibt es darüber hinaus Aktivitäten, weitere automotive-spezifische Produkte zu entwickeln? Welche?

Mike Muller: Automotive ist ein konservativer Markt mit unterschiedlicher Dynamik in den einzelnen Segmenten. arm hat sich bislang primär in Mikrocontrollern zum Beispiel für Fensterheber oder Bremssystemen gefunden. Das wird auch weitergehen, allerdings wachsen Segmente wie Infotainment, ADAS und autonomes Fahren erheblich schneller. Diese speziellen Anforderungen hinsichtlich Safety und Security müssen wir adressieren, wie wir es erst kürzlich mit unserer Lockstep-Lösung angekündigt haben.

DESIGN&ELEKTRONIK: Sehe ich das richtig, dass Sie für ursprünglich den Konsumer-Markt entwickelte Produkte an automotive-spezifische Bedürfnisse anpassen?

Mike Muller: Natürlich wollen wir so viele der grundlegenden Innovationen, die für den Konsumer-Markt entwickelt wurden, wiederverwenden, das betrifft CPU, GPU und Beschleuniger für maschinelles Lernen. Allerdings sind die für Automotive gelieferten Produkte im Herzen etwas völlig anderes, weil die Basistechnologie eine andere ist und daher gibt es eine unterschiedliche Roadmap.

DESIGN&ELEKTRONIK: Im Bereich Embedded Intelligence oder IoT wächst die Anzahl der Anwendungen und verkauften Chips unaufhörlich, was man auch daran erkennt, dass mittlerweile fast 60 Prozent der implementierten CPUs Cortex-M sind. Auf der anderen Seite kostet der durchschnittliche Mikrocontroller weniger als ein Dollar. Haben Sie die Hoffnung, dass die »alte« Cortex-Generation M0/M0+, M3 und M4 relativ zügig durch die höherwertigen M23 und M33 abgelöst wird und somit mehr Geld in Ihre Kassen gespült wird? Und auch Ihr Marktanteil mit rund 30 Prozent bietet ja noch Wachstumspotential…. 

Mike Muller: Ein großer Teil des Mikrocontroller-Marktes wird von großen Volumen alter Produkten dominiert, die wir noch für viele weitere Jahre liefern werden. Wenn ein altes Produkt für das Endprodukt gut genug ist, ist es halt gut genug. Ich denke, die ganze kommende Konnektivität treibt die Komplexität hoch und damit die Nachfrage nach leistungsfähigeren Controllern. Allerdings sind die Volumina der alten Produkte so hoch, dass die Anzahl der neuen Chips im Vergleich dazu noch sehr übersichtlich ist. Natürlich sprechen wir im Embedded-Markt über zehn Jahreszeitrahmen und wenn der abgelaufen ist, wird es ein Updrage auch beim Controller geben. Das passiert aber nicht über Nacht.

DESIGN&ELEKTRONIK: Ist die Schlussfolgerung, dass Sie primär über die Menge der ausgelieferten Chips wachsen wollen statt über teurere IP pro Chip?

Mike Muller: Der eine Ansatz ist, dass wir gerade bei den teuren und komplexen Controllern Wachstum beim Marktanteil generieren wollen, auf der anderen Seite bieten uns die Cloud-Services, die Pelium-IoT-Plattform, das Management von Devices oder das Datenmanagement neue Einnahmequellen jenseits des traditionellen Geschäftes mit IP und Lizenzgebühren.

DESIGN&ELEKTRONIK: Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen haben das Potential, in fast alle von Ihnen adressierten Märkte hineinzustoßen. Bislang haben Sie im sogenannten Projekt »Trillium« einen speziellen ML-Prozessor angekündigt. In welchen spezifischen Anwendungen sehen Sie neben Smartphones zukünftig diese IP?

Mike Muller: Unser erster Zielmarkt ist klar das Premium-Smartphone. Allerdings werden eine Menge IoT-Geräte Kameras und Bilderkennung nutzen, wofür unser ML-Prozessor ebenfalls sehr gut geeignet ist.

DESIGN&ELEKTRONIK: Ihr CEO Simon Segars hat ein für mich schockierendes Bild der Industrie im Blick auf Security gezeichnet. Während aus meiner Sicht nur 70 Prozent sagen, Security ist wichtig oder unerlässlich, sagen immerhin 25 Prozent , Security ist nur dann gut, wenn sie nichts kostet und keine zusätzliche Komplexität bringt. Wie können Sie helfen, diese Zweifler zu bekehren?

Mike Muller: Wir müssen Security einfach machen. Derzeit ist es viel zu aufwendig, ein System sicher zu bauen. Wir wollen Security als Teil der Standard-Plattform einbetten. Wenn Sie diese ausrollen, haben Sie bereits eine Basis-Security. Wenn wir die Basis auf eine höhere Ebene heben, beseitigen wir auch Vorbehalte, die es wegen der notwendigen Investments heute noch gibt. Mit unserer Plattform Security Architektur (PSA) haben wir für die Kunden viel Arbeit im Vorfeld erledigt.

DESIGN&ELEKTRONIK: Ich sage: Ihre Basis-Security ist nicht End-to-End-Security….

Mike Muller: Das stimmt. Tatsächlich tut sich die ganze Wertschöpfungskette vom Kunden bis zum Distributor noch schwer, was End-to-End-Lösungen angeht. Je mehr schlimme Dinge allerdings passieren, desto sensibler wird die Branche reagieren, weil sie gar keine Wahl mehr hat. Wenn die Leute aufwachen, fragen Sie sich, was wurde überhaupt schon getan und sie werden feststellen, dass wir von arm auf der Hardware-Seite bereits die Basis-Security bereitstellen. Ohne Investitionen in die darüberliegenden Software-Stacks hilft das alleine natürlich aber auch nicht.

DESIGN&ELEKTRONIK: Wo wir gerade den Weg in die fünfte Welle des Computing beschreiten, können Sie sich eigentlich noch an Ihren ersten Kontakt mit einem Computer erinnern? Was war das und was haben Sie damit gemacht?

Mike Muller: Ich hatte das Glück, Mitte der 70er Jahre Zugang zu einem Einwahlmodem und einem Terminal zu haben. Dort konnte ich mich in einem Computer-Service einwählen und Programmier-Jobs hochladen. Dort lernte ich das Programmieren, was zu dieser Zeit sehr ungewöhnlich war.

DESIGN&ELEKTRONIK: In welcher Sprache haben Sie damals programmiert?

Mike Muller: Es war die Interpreter-Sprache APL. Eine Stärke von APL ist die Rekursion, der Aufruf einer Funktion innerhalb ihrer selbst. Dies war in der ursprünglichen Implementierung von APL bereits enthalten, im Gegensatz zu den meisten damaligen Programmiersprachen wie Cobol oder Fortran.

Mike, vielen Dank für Ihre Zeit ! 
 
Offenlegung: DESIGN&ELEKTRONIK ist auf Einladung von arm nach San Jose gereist, die Kosten wurden zur Gänze von arm bezahlt. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben seitens Dritter.


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